Mittwoch, 27. Mai 2020

Fachkräftemangel US-Unternehmen zweifeln am deutschen Boom

Opel-Produktion in Eisenach: Die GM-Tochter Opel sorgt gemeinsam mit vier weiteren US-Unternehmen für mehr als 150.000 Jobs in Deutschland. Die US-Firmen fordern bessere Möglichkeiten für ausländische Fachkräfte - sonst sei der deutsche Aufschwung in Gefahr

Die jüngste Stärke der deutschen Wirtschaft lässt das Ansehen des Standortes  bei den hier ansässigen US-Unternehmen steigen. Allerdings zweifelt eine Mehrheit der US-Firmen daran, dass der deutsche Wirtschaftsboom nachhaltig sein wird. Das größte Problem sei der Mangel an Fachkräften.

Hamburg/Berlin - Deutschland gilt derzeit als Konjunkturlokomotive in Europa: Der Arbeitsmarkt ist robust, das Konsumklima auf Dreijahreshoch. Die deutsche Wirtschaft dürfte in diesem Jahr um rund 3,6 Prozent und damit deutlich stärker zulegen als seine europäischen Nachbarn.

Durch den jüngsten Boom hat sich das Image des Wirtschaftsstandortes Deutschland im Ausland weiter verbessert, wie eine Umfrage der Amerikanischen Handelskammer (AmCham Germany) ergab. Die Mehrheit der befragten in Deutschland tätigen US-Unternehmen (62 Prozent) bestätigte, dass sich das Ansehen des Standorts D auch aus der Sicht ihrer US-Konzernmutter verbessert hat.

Die US-Unternehmen sehen vor allem drei Gründe, warum Deutschland derzeit besser abschneidet als viele seiner Nachbarn: Das Kurzarbeitergeld, der starke Export sowie die Flexibilität der Unternehmen werden von der Mehrheit der befragten Firmenlenker genannt, um die Dynamik der deutschen Erholung zu erklären.

Das Bild trübt sich jedoch, wenn es um die langfristigen Perspektiven geht. Auf die Frage "Glauben Sie, dass der momentane Wirtschaftsboom nachhaltig sein wird?" antwortete mehr als die Hälfte (51 Prozent) der befragten US-Unternehmen mit nein. Die Firmen sind nach wie vor verunsichert: Als größte Bremse eines nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland gilt für sie ein drohender Mangel an Fachkräften.

US-Firmen wünschen mehr Zuwanderung in Deutschland

Die Mehrheit der Top-50-US-Unternehmen in Deutschland (58 Prozent) sind der Meinung, dass sie in Zukunft ihren Bedarf an Fachkräften nicht mehr decken können. Ein am wirtschaftlichen Bedarf orientiertes Zuwanderungsangebot sei wichtig, um den Bedarf an Fachkräften auch in Zukunft decken zu können, sagte der Vizepräsident der AmCham Germany, Otmar Debald.

Die US-Handelskammer hat die Top-Executives der umsatzstärksten US-Firmen in Deutschland mit mehr als 50 Prozent amerikanischem Kapital befragt, beteiligt haben sich insgesamt 60 Firmen.

Zu den wichtigsten nächsten Schritten, damit der Aufschwung in Deutschland nachhaltig sein wird, zählt aus Sicht der befragten US-Firmen eine rasche Reaktion auf Engpässe wie den Fachkräftemangel. Mehr als 60 Prozent der befragten Top Exekutives fordern außerdem eine Konsolidierung des Haushalts und warnen davor, sich auf den ersten Erfolgen auszuruhen. Die Arbeitswelt befinde sich im Umbruch: Unternehmen in Deutschland müssten sich auf eine Alterung ihrer Belegschaft, der Verlängerung der Lebensarbeitszeit sowie dem Bedeutungszuwachs von Wissen als Wettbewerbsfaktor einstellen.

Anerkennung von Abschlüssen, Absenkung der Einkommensgrenzen

Die US-Handelskammer fordert in diesem Zusammenhang auch die Anerkennung qualifizierter ausländischer Abschlüsse in Deutschland. Sowohl einreisende Fachkräfte als auch mitreisende Ehepartner müssten die Möglichkeit haben, ihre Rentenansprüche ins Ausland mitzunehmen. Eine steuerliche Erleichterung bei Umzug und Schulgebühren sowie ein Aufenthaltsrecht für Familienangehörige und Lebenspartner würde außerdem helfen, das Problem des Fachkräftemangels in den Griff zu bekommen.

Die Absenkung der Einkommensgrenze, ab der Hochqualifizierte eine Niederlassungserlaubnis erhalten, von 86.400 auf 64.800 Euro (seit 2009) ist nach Einschätzung der hier tätigen US-Unternehmen zu begrüßen, aber immer noch zu hoch.

Angemessener für die Zulassung von Hochqualifizierten zum deutschen Arbeitsmarkt wäre allerdings eine Verdienstgrenze, die sich am Beispiel der Niederlande orientiert: Hier wird für einen Aufenthalt von bis zu fünf Jahren im Regelfall ein Jahreseinkommen von 49.000 Euro verlangt, unter 30 Jahren sogar nur ein Jahreseinkommen von 36.000 Euro. Auch dies seien für junge Hochqualifizierte durchaus attraktive Jahresgehälter.

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