Freitag, 20. September 2019

Fachkräfte Mittelstand im Niemandsland

Branchenüberblick: Wo die meisten Ingenieure fehlen
DPA

Kleine und mittelgroße Unternehmen haben viel schlechtere Aussichten als große Konzerne, Spezialisten im Ausland für sich zu begeistern. Der wichtigste Grund: Deutschlands Zuwanderungsrecht, das vor allem darauf zielt, Fremde draußen zu halten.

Hamburg - Gesucht wurde ein Einkaufsleiter für ein Unternehmen, das mit Lebensmitteln für Großkunden handelt: Erfahrung in der Lebensmittelbranche, gute Marktkenntnisse und ein Führungsprofil, mit dem man ihm künftig Prokura erteilen kann. Durchaus eine Fachkraft, aber es wurde nichts Unmögliches verlangt.

Dann zog es sich. "Zwei Jahre lang haben wir nach unserem neuen Einkaufsleiter gesucht", berichtet Marie-Christine Ostermann, die 32 Jahre alte Chefin des Familienunternehmens Rullko in Hamm. Zwischenzeitlich hatte es einen vielversprechenden Kandidaten gegeben, die Vertragsverhandlungen waren weit fortgeschritten. Doch dann wurde dieser von einem Großkonzern abgeworben. Rullko, Traditionsbetrieb mit 150 Mitarbeitern, hatte das Nachsehen.

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) trifft der Fachkräftemangel besonders hart. Das belegt eine Studie des DIHK vom Juli. Laut dieser Umfrage beklagen vor allem mittelständische Firmen, dass sie den Arbeitsmarkt für Fachkräfte in den kommenden Jahren besonders schlecht einschätzen können und mehr Beratungsbedarf haben als große Betriebe. Das gilt für 36 Prozent der Firmen mit 20 bis 250 Mitarbeitern, während in der Größenordnung ab 500 Mitarbeitern nur ein Viertel betroffen ist.

Kleine und mittlere Unternehmen sind es laut dieser Studie auch, für die besonders selten die Anwerbung von Fachpersonal im Ausland in Frage kommt. Bei Betrieben mit bis zu neun Mitarbeitern schließen dies 84 Prozent kategorisch aus, bei 10 bis 19 Beschäftigten immer noch 63 Prozent. Bei Betrieben mit mehr als 1000 Mitarbeitern sinkt dieser Anteil auf 34 Prozent. "Eine Ursache für diese Zurückhaltung dürfte im zu inflexiblen und bürokratischen deutschen Zuwanderungssystem zu finden sein", glauben die Autoren der DIHK-Umfrage. Eine Aussage, die Rullko-Chefin Ostermann sofort bestätigt.

Die ungleichen Kräfteverhältnisse im Kampf um gute Mitarbeiter sind einleuchtend. In großen Konzernen gibt es Spezialisten in den Personalabteilungen, die sich um die Rekrutierung kümmern - in kleinen Betrieben macht das der Chef nebenher mit. Diese Spezialisten kümmern sich um den entnervenden Papierkrieg, der in Deutschland regelmäßig ausbricht, wenn sich ein Ausländer erfolgreich bewirbt.

Grausige Vorrangprüfung

Die so genannte Vorrangprüfung ist für Arbeitgeber ein Graus. Bevor ein ausländischer Stellenkandidat eine Arbeitserlaubnis erhält, muss nachgewiesen werden, dass damit keinem EU-Bürger mit vergleichbarer Qualifikation die Stelle streitig gemacht wird. Ein Mittelständler aus Unterfranken nennt das Verfahren so "belastend", dass er am liebsten Stellen für Fachkräfte gar nicht mehr ausschreibe: "Wenn ich über persönliche Netzwerke geeignete Kandidaten finden kann, egal ob im Ausland oder in Deutschland, dann spare ich mir den Kampf mit dem Amtsschimmel."

Inzwischen hat die Bundesregierung aufgrund des dramatischen Fachkräftemangels reagiert und die Vorrangprüfung ausgesetzt, jedoch nur für Ingenieure. Weitere Änderungen am Zuwanderungsrecht lehnt Bundesinnenminister Lothar de Maizière (CDU) jedoch bislang ab.

Eine weitere hohe Hürde betrifft die Bewerber selbst. Wer sich hier niederlassen will, muss nachweisen, dass er für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen kann - den Zuzug in die soziale Hängematte, den viele nun im Windschatten Thilo Sarrazins beklagen, gibt es nicht. Nach den Vorstellungen des Gesetzgebers müssen Ausländer sogar richtig gut für sich sorgen: 66.000 Euro Jahresgehalt sind das Minimum.

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