Qiagen "Aufstieg in den Dax wird kommen"

Die neuen Medikamente und Produkte der Biotech-Branche gelten als ausgesprochen teuer. Jetzt ist strittig, wie es mit der Branche weitergeht. Qiagen-Chef Peer Schatz sagt im Gespräch mit dem manager magazin, warum das größte deutsche Biotech-Unternehmen dennoch zulegen wird - und in den Dax vorstoßen kann.
Qiagen-Hauptquartier in Hilden bei Düsseldorf: "Wir konzentrieren uns auf die Weiterentwicklung unserer Produktpalette, auf die Erschließung neuer Märkte und auf den Ausbau strategischer Kooperationen"

Qiagen-Hauptquartier in Hilden bei Düsseldorf: "Wir konzentrieren uns auf die Weiterentwicklung unserer Produktpalette, auf die Erschließung neuer Märkte und auf den Ausbau strategischer Kooperationen"

mm: Herr Schatz, Qiagen ist in den Monaten der zurückliegenden Krise kontinuierlich gewachsen, Ihr Unternehmen machte zuletzt über eine Milliarde Dollar Jahresumsatz. Im ersten Halbjahr 2010 sind die Erlöse um 14 Prozent weiter gestiegen. Wann werden Sie in den Dax aufgenommen?

Schatz: Ginge es nach unserer Marktkapitalisierung von 3,2 Milliarden Euro und nach dem Free-Float-Anteil unserer Aktien, dann wären wir schon heute Mitglied im Dax. Allerdings ist der Börsenumsatz in Deutschland noch nicht groß genug. Das liegt daran, dass wir im TecDax und an der Nasdaq notiert sind. Mehr als die Hälfte unserer Aktien werden in den USA gehalten und gehandelt. Aber die Notierung im Dax gehört nicht zu unseren Geschäftszielen.

mm: Warum nicht?

Schatz: Der Aufstieg wird irgendwann von selber kommen, wenn wir weiter so wachsen. Wir konzentrieren uns deshalb auf die Weiterentwicklung unserer Produktpalette, auf die Erschließung neuer Märkte und auf den Ausbau strategischer Kooperationen. Wir wollen unsere führende Position in der international sehr dynamischen Biotech-Branche behaupten, dazu müssen wir die Profitabilität und den Shareholder Value noch weiter steigern.

mm: Welchen Produktgruppen, welche Marktbereiche haben hier für Qiagen ein besonders großes Potenzial?

Schatz: Die Diagnostika sind für uns die derzeit wichtigste Säule. Allein der klinische Markt hat hier weltweit ein Volumen von über 30 Milliarden Euro pro Jahr, erst fünf Prozent dieses Potenzials entfallen heute auf Verfahren, die genetische Informationen nutzen. Diese Methoden werden aber auch immer wichtiger für forensische Untersuchungen, in der Veterinärmedizin und der biologischen Forschung allgemein.

mm: Können die öffentlichen Gesundheitswesen denn diese neuen Diagnostika bezahlen? Allein in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, werden die Gesetzlichen Krankenversicherungen in diesem Jahr ein Milliarden-Defizit verbuchen. Der von Ihnen in Aussicht gestellte Fortschritt scheint da nicht finanzierbar.

Schatz: Durch den Einsatz dieser neuen, molekularen Diagnostik beispielsweise in der Vorsorge lässt sich verhindern, dass Menschen überhaupt krank werden. Denken Sie nur an die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs: Durch die Kombination mit einem vorgeschalteten Test auf eine bestimmte Virusinfektion kann diese Krankheit nahezu vollständig eliminiert werden. So lässt sich nicht nur Leid dramatisch reduzieren, sondern auch weitere Behandlungskosten.

mm: Dieses Einzelbeispiel mag funktionieren. Aber die wenigsten Menschen erkranken an Gebärmutterhalskrebs. Führt die neue, an Genuntersuchungen orientierte Medizin - zu der auch die neuen Qiagen-Produkte maßgeblich beitragen - nicht zu einer generellen Kostenexplosion?

Schatz: Nein. Auch bei bereits erkrankten Menschen kann man heute mit Hilfe der molekularen Diagnostik bestimmen, bei wem ein neues, teures Medikament wirkt - und somit die Behandlung effizienter macht - und bei wem der Einsatz dieser neuen Arzneien nicht angezeigt ist. Denken Sie zum Beispiel an den im letzten Jahr aufgetretenen Schweinegrippe-Virus H1N1. Nur wenn zweifelsfrei nachgewiesen ist, dass der jeweilige Patient in einer Risikogruppe mit diesem Erreger infiziert ist, nur dann sollte die große Palette von therapeutischen Maßnahmen eingesetzt werden. Und nicht bei den vielen vergleichsweise harmlosen grippalen Infekten. Die Symptome sind im Frühstadium oft nicht einfach zu unterscheiden.

mm: Welche Rolle spielt Qiagen bei der Umstellung auf diese sogenannte personalisierte Medizin?

Schatz: Wir liefern die Diagnostika, die Medikamente kommen dann von Pharma-Herstellern wie Pfizer, Amgen, Merck, Lilly, Boehringer-Ingelheim oder Astra Zeneca. Hierzu schließen wir präzise Kooperationsabkommen - zuletzt zum Beispiel mit dem US-Konzern Pfizer. Bislang unterhalten wir knapp 20 solcher Kooperationen, diese Zahl wollen wir in den nächsten Monaten deutlich steigern. Der Einsatz unserer Diagnostika parallel zur Therapie kann gerade bei teuren Arzneimitteln, etwa bei Krebsmedikamenten, den Gesundheitssystemen Milliarden einsparen und zugleich Patienten eine bessere Behandlung ermöglichen.

mm: In den vergangenen Jahren wurde oft beklagt, die deutsche Biotech-Branche sei international abgehängt. Wie sehen Sie das?

Schatz: Dieser Vorwurf lässt sich wohl kaum auf Qiagen übertragen. Wir sind zwar historisch eine Ausgründung aus der Uni Düsseldorf und stolz auf unsere deutschen Wurzeln, aber längst global aufgestellt. Aber auch sonst teile ich diese Einschätzung der deutschen Biotech-Branche nicht. Bei der so genannten RNA-Interferenz, einem ganz neuen Ansatz zum Beispiel zur Bekämpfung von Krebs, sind deutsche Biotech-Unternehmen weltweit führend. Auch bei der Diagnostik sowie der sogenannten weißen Biotechnologie, die Industrieprodukte wie Enzyme oder Vitamine liefert, sitzen die Konzernzentralen der Movers und Shakers in Deutschland und den Nachbarländern.

 

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