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Branchenüberblick: Wo die meisten Ingenieure fehlen

Foto: Joerg Sarbach/ AP

Fachkräftemangel Frustrierte Firmen wenden sich von Deutschland ab

Während Deutschland über den Fachkräftemangel debattiert, schaffen manche Firmen Fakten. Anstatt auf Einwanderer zu warten, bauen sie ihre Labore und Entwicklungszentren gleich in Ländern, wo sie genügend Ingenieure finden. Fachleute erwarten, dass sich dieser Trend verstärken wird.

Hamburg - Regelmäßig muss sich Airbus-Chef Tom Enders für etwas rechtfertigen, das er als völlig normal ansieht. Der Flugzeugbauer, dessen Mitarbeiter noch ganz überwiegend in Europa beschäftigt sind, soll endlich ein wirklich internationales Unternehmen werden. Dazu soll es verstärkt in anderen Teilen der Welt Flugzeuge herstellen - und entwickeln. Auch, weil das Reservoir an Ingenieuren und anderen Fachkräften in Mitteleuropa immer knapper wird.

Also geht der Mutterkonzern EADS  nach Asien. "Indien verfügt über eine große Anzahl hervorragend ausgebildeter Spezialisten", sagte Technikchef Jean Botti, als er im Winter eine Forschungszweigstelle des Konzern-Entwicklungsnetzwerks in Bangalore eröffnete. Das Unternehmen benötige dringend "einen besseren Zugang zu Engineering-Ressourcen".

Wie Airbus nimmt eine wachsende Zahl von Unternehmen andere Länder auch wegen ihrer gut ausgebildeten Fachkräfte ins Visier. Denn in Deutschland kämpfen die Firmen um eine schrumpfende Zahl von qualifizierten Mitarbeitern. Vor allem Ingenieure fehlen in vielen Bereichen - nach Angaben des Vereins deutscher Ingenieure zurzeit 36.800.

Viele Firmen vertrauen nicht darauf, dass die endlosen Debatten um Zuwanderung und Weiterbildung den gewünschten Erfolg bringen. Dafür sind die mittel- und langfristigen demografischen Trends auch zu ernüchternd. Um eine Million Menschen schrumpft das Arbeitskräftereservoir alle vier Jahre, rechnen Experten vor.

Siemens, Daimler, SAP - die großen Firmen forschen längst im Ausland

Deutsche Firmen, die ihre Weltmarktstellung verteidigen und ausbauen wollen, müssen daher einen immer größeren Teil auch von Forschung und Entwicklung in andere Länder verlegen. "Die Bedeutung des Themas wird wachsen", sagt Ökonomin Vera Erdmann vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW).

Indien ist schon heute das Paradebeispiel. Siemens , Daimler , BASF  sind dort mit Entwicklungsabteilungen vertreten - allen voran der Softwarekonzern SAP , für den schon 4500 Beschäftigte arbeiten.

"Die Fälle, in denen deutsche Unternehmen Teile ihrer Forschung und Entwicklung nach Indien verlagern oder dort neue Kapazitäten aufbauen, nehmen zu", sagt der Geschäftsführer der deutsch-indischen Handelskammer, Bernhard Steinrücke, gegenüber manager magazin. "In Indien werden jedes Jahr mehrere Hunderttausend Ingenieure ausgebildet. Nach einer weiteren Praxisausbildung sind die deutschen Firmen überwiegend sehr zufrieden mit ihnen."

Schleichende Verlagerung wohl unvermeidlich

Es geht dabei nicht nur darum, den indischen Markt zu erschließen. "Viele deutsche Firmen nutzen ihre Erfahrungen, die sie in Indien machen, für ihr globales Geschäft", sagt Steinrücke. So entwickelt Siemens in Indien mobile Röntgengeräte, die das Unternehmen auch in anderen Schwellenländern verkauft.

Das 1,2-Milliarden-Einwohner Land ist laut einer Siemens-Sprecherin inzwischen "einer unserer wichtigsten Forschungsstandorte". Konkurrenz General Electric aus den USA hält es ähnlich und ist mit dem nach dem Ex-Chef Jack Welch benannten Forschungszentrum in Indien Vorreiter.

In Indien und anderen Schwellenländern kommt deutschen Unternehmen zugute, dass die Konkurrenz um die besten Köpfe noch nicht so stark ist wie in Deutschland. So ist der Aufwand für Forschung und Entwicklung in indischen Betrieben traditionell gering und liegt im Werkzeugmaschinenbau nach Angaben der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade & Invest bei etwa 2 Prozent des Umsatzes. Das Interesse an Kooperationen mit ausländischen Anbietern, die in Entwicklung investieren wollen, sei entsprechend groß.

Wie viele Firmen Teile ihrer Aktivitäten aufgrund des Fachkräftemangels in nächster Zeit tatsächlich ins Ausland verlegen wollen, lässt sich derzeit schwer beziffern. Aktuelle Daten will der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) im Herbst veröffentlichen.

Prinzipiell ist die Bereitschaft zum Gehen jedenfalls gegeben. Vor zwei Jahren hatten 15 Prozent der vom Fachkräftemangel geplagten Firmen in einer Umfrage des IW angegeben, wegen des Personalengpasses eine Standortverlagerung zu erwägen.

Firmen loben "exzellent qualifizierte Fachkräfte" im Ausland

Von den Firmen, die Forschung und Entwicklung tatsächlich ins Ausland verlagerten, hatten vor fünf Jahren 22 Prozent gegenüber dem DIHK die dort bessere Verfügbarkeit von Fachkräften als wichtige Motivation genannt. Die Unternehmen fänden im Ausland Mitarbeiter, die oft nicht nur weniger kosten; nach Einschätzung der Unternehmen seien die Fachkräfte vielfach auch exzellent qualifiziert.

"Allgemein hat der Trend zur Standortverlagerung seither abgenommen, weil sich die Wettbewerbsbedingungen in Deutschland verbessert haben. Andererseits verschärft sich der Fachkräftemangel wieder", beschreibt DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier die gegenwärtige Lage gegenüber manager magazin. Die Firmen würden zunächst aber versuchen, ihren Personalengpass am Heimatstandort zu beseitigen.

Doch angesichts der demografischen Entwicklung scheint eine schleichende Schwerpunktverlagerung auch bei Forschung und Entwicklung in andere Länder unausweichlich. "Die Unternehmen werden sich anpassen", sagt Volkswirt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gegenüber manager magazin. "Sie wissen in etwa, wie die Märkte in 20 Jahren aussehen, werden deshalb weniger in Deutschland investieren und gehen in andere Länder, wo auch mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen."

Goldene Zeiten für deutsche Fachkräfte nicht in Sicht

Große Firmen sind bei einer solchen Strategie naturgemäß im Vorteil - wie der Münchener Technologiekonzern Siemens. "Wenn es Engpässe in speziellen Bereichen geben sollte, ist Siemens in der Lage damit umzugehen", sagt eine Unternehmenssprecherin, "denn wir können bei der Rekrutierung notfalls auch ins Ausland ausweichen - schließlich sind wir in 190 Ländern der Erde geschäftlich aktiv".

"Vor allem große, global agierende Firmen werden ihre Unternehmensteile verstärkt so anordnen, dass die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte gegeben ist", sagt IW-Ökonomin Erdmann. In der Zwickmühle sind dagegen kleine und mittelgroße Unternehmen. Sie haben es schon besonders schwer, in Deutschland beim Kampf um die besten Köpfe gegen die Großen mitzuhalten. Im Ausland stehen ihre Chancen oft noch schlechter.

"Gerade für den klassischen Mittelstand dürfte es schwierig sein, im Ausland Fach- und Führungskräfte anzuwerben oder sogar Standorte in Länder zu verlegen, in denen es genügend qualifizierte Mitarbeiter gibt", sagt Personalexperte Tiemo Kracht von der Beratungsfirma Kienbaum gegenüber manager magazin. "Firmen, die bereits über ein internationales Netzwerk verfügen, könnten zusätzliches Personal jedoch im Ausland gewinnen und auch dort einsetzen."

Das warnende Beispiel Pharma

Wie schwerwiegend die Folgen einer verstärkten Verlagerung von Forschung und Entwicklung ins Ausland wären, ist umstritten. Hat der Exodus ersteinmal begonnen, könnten ganze Branchen in Schwierigkeiten kommen, wie das warnende Beispiel Pharma zeigt, wo Deutschland seine Rolle als Apotheke der Welt längst verloren hat.

Für ein realistisches Szenario hält IAB-Forscher Brücker eine Entwicklung, in der die Industrie entsprechend dem Rückgang der Arbeitskräfte schrumpft. Problematisch sei daran vor allem, dass es dann kaum noch möglich sei, die Sozialversicherungen in heutigem Maße aufrecht zu erhalten, weil den Alten weniger Beitragszahlern gegenüberstehen.

Dauerhaft goldene Zeiten am Jobmarkt für Ingenieure und andere Fachkräfte samt hohen Löhnen und sicheren Arbeitsplätzen wird es dank des gegenwärtigen Personalengpasses vermutlich nicht geben, erwartet auch DIHK-Volkswirt Treier: "Das Ventil, ins Ausland zu gehen, ist für die Unternehmen immer da."