Montag, 16. September 2019

Fachkräftemangel Frustrierte Firmen wenden sich von Deutschland ab

Branchenüberblick: Wo die meisten Ingenieure fehlen
DPA

2. Teil: Schleichende Verlagerung wohl unvermeidlich

Es geht dabei nicht nur darum, den indischen Markt zu erschließen. "Viele deutsche Firmen nutzen ihre Erfahrungen, die sie in Indien machen, für ihr globales Geschäft", sagt Steinrücke. So entwickelt Siemens in Indien mobile Röntgengeräte, die das Unternehmen auch in anderen Schwellenländern verkauft.

Das 1,2-Milliarden-Einwohner Land ist laut einer Siemens-Sprecherin inzwischen "einer unserer wichtigsten Forschungsstandorte". Konkurrenz General Electric aus den USA hält es ähnlich und ist mit dem nach dem Ex-Chef Jack Welch benannten Forschungszentrum in Indien Vorreiter.

In Indien und anderen Schwellenländern kommt deutschen Unternehmen zugute, dass die Konkurrenz um die besten Köpfe noch nicht so stark ist wie in Deutschland. So ist der Aufwand für Forschung und Entwicklung in indischen Betrieben traditionell gering und liegt im Werkzeugmaschinenbau nach Angaben der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade & Invest bei etwa 2 Prozent des Umsatzes. Das Interesse an Kooperationen mit ausländischen Anbietern, die in Entwicklung investieren wollen, sei entsprechend groß.

Wie viele Firmen Teile ihrer Aktivitäten aufgrund des Fachkräftemangels in nächster Zeit tatsächlich ins Ausland verlegen wollen, lässt sich derzeit schwer beziffern. Aktuelle Daten will der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) im Herbst veröffentlichen.

Prinzipiell ist die Bereitschaft zum Gehen jedenfalls gegeben. Vor zwei Jahren hatten 15 Prozent der vom Fachkräftemangel geplagten Firmen in einer Umfrage des IW angegeben, wegen des Personalengpasses eine Standortverlagerung zu erwägen.

Firmen loben "exzellent qualifizierte Fachkräfte" im Ausland

Von den Firmen, die Forschung und Entwicklung tatsächlich ins Ausland verlagerten, hatten vor fünf Jahren 22 Prozent gegenüber dem DIHK die dort bessere Verfügbarkeit von Fachkräften als wichtige Motivation genannt. Die Unternehmen fänden im Ausland Mitarbeiter, die oft nicht nur weniger kosten; nach Einschätzung der Unternehmen seien die Fachkräfte vielfach auch exzellent qualifiziert.

"Allgemein hat der Trend zur Standortverlagerung seither abgenommen, weil sich die Wettbewerbsbedingungen in Deutschland verbessert haben. Andererseits verschärft sich der Fachkräftemangel wieder", beschreibt DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier die gegenwärtige Lage gegenüber manager magazin. Die Firmen würden zunächst aber versuchen, ihren Personalengpass am Heimatstandort zu beseitigen.

Doch angesichts der demografischen Entwicklung scheint eine schleichende Schwerpunktverlagerung auch bei Forschung und Entwicklung in andere Länder unausweichlich. "Die Unternehmen werden sich anpassen", sagt Volkswirt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gegenüber manager magazin. "Sie wissen in etwa, wie die Märkte in 20 Jahren aussehen, werden deshalb weniger in Deutschland investieren und gehen in andere Länder, wo auch mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen."

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