Mittwoch, 27. Mai 2020

American Apparel Party, Porno, Pleite

American Apparel: Too hip to be solvent
Getty Images

Ob faire Löhne oder freie Liebe - American-Apparel-Gründer Dov Charney ist angetreten, alle Konventionen der Textilbranche zu brechen. Doch der internationale Siegeszug des kapitalistischen Revolutionärs ist gestoppt, das Modeunternehmen droht mit Pauken und Trompeten unterzugehen.

Hamburg - Dov Charney könnte der Vorzeigeunternehmer für Barack Obamas Exportoffensive sein. Seine Modekette American Apparel verkauft einfache Textilien wie T-Shirts oder Unterhosen teuer in 279 Läden weltweit, sogar in Peking und Shanghai. Die Wäsche ist "made in USA", genauer gesagt "made in downtown LA - vertically integrated manufacturing", wie auf den Labels zu lesen ist.

Charney ist stolz auf seine "industrielle Revolution", alles unter einem Dach selbst zu fabrizieren, während der Rest der Branche längst den Großteil der Wertschöpfungskette ausgelagert hat. 5000 Arbeitsplätze bietet American Apparel in Los Angeles, in der heute größten Textilfabrik der USA.

Im Akkord kommen die Näher auf Stundenlöhne zwischen 13 und 19 Dollar, nach Unternehmensangaben die höchsten weltweit. Hinzu kommen Krankenversicherung und andere Sozialleistungen. "Ich glaube an Kapitalismus und Eigennutz", stellt Charney klar. Die Wohltaten gehörten zum Geschäftsmodell, das sich in höherer Effizienz, Kontrolle und Reaktionsgeschwindkeit auszahle.

Doch ausgerechnet die Obama-Regierung hat Charneys Geschäftsmodell empfindlich gestört. Denn das beruht auf der Arbeit tausender Einwanderer aus Mittelamerika, die zwar Steuern und Abgaben zahlen, aber nicht unbedingt legal in den USA leben und arbeiten. Der gebürtige Kanadier Charney hat seine Abhängigkeit von illegalen Arbeitskräften unter dem Titel "Legalize LA" zur Imagekampagne für die Legalisierung gewandelt - ein Anliegen, das auch Obama früher teilte.

Unternehmen äußert Zweifel am eigenen Fortbestehen

Heute jedoch kämpft der Präsident auch um die Stimmen der konservativen Einwanderungsgegner. American Apparel wurde zum prominentesten Objekt neuer Razzien der Einwanderungspolizei. Charney musste sich von 1500 Beschäftigten verabschieden und ebenso viele neue einstellen. Unter anderem darauf führt das Unternehmen seine heutige Malaise zurück: Die Produktion ging zurück, die einst hohe Bruttomarge sank von 80 auf 50 Prozent, aus Gewinnen wurden Verluste, die Schulden schossen in die Höhe und nun droht sogar die Pleite.

Trotz eines Ultimatums der Börsenaufsicht SEC konnte American Apparel bisher nur einen vorläufigen Geschäftsbericht für das zweite Quartal vorlegen, worin sich der Hinweis findet auf "erhebliche Zweifel, ob das Unternehmen fortbestehen kann". Mindestens noch für das dritte Quartal werde ein Betriebsverlust erwartet, ab Ende September drohe American Apparel seine Kreditbedingungen zu verletzen. Sollten die Verhandlungen mit Darlehensgeber Lion Capital bis dahin erfolglos bleiben, könnten die Schulden sofort fällig gestellt werden - das wäre das Aus. Außerdem ermitteln SEC und Staatsanwalt.

Der äußere Schock legt die hausgemachten Schwächen offen. American Apparel gesteht einen hemdsärmeligen Umgang mit seinen Finanzen ein. Die Rechnungsprüfer der Beratungsfirma Marcum bräuchten noch Zeit für ihren Bericht, heißt es. Marcum, noch vor einem Jahr wegen negativer Äußerungen vom Verwaltungsrat geschasst, wurde kurzerhand berufen, nachdem Deloitte & Touche Ende Juli das Mandat abgegeben und auf "erhebliche Schwächen in der internen Kontrolle" verwiesen hatte.

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