Sonntag, 22. September 2019

Wirtschaftsweiser Franz Unternehmen sollen einzeln über höhere Löhne entscheiden

Deutsche Industrie: "Freiwillige zusätzliche Entgelte, wenn die Ertragssituation dies rechtfertigt"

Der Konjunkturschub in Deutschland weckt Begehrlichkeiten: Für den Wirtschaftsweisen Wolfgang Franz stehen Erhöhungen des Tariflohns jedoch nicht zur Debatte. Betriebe sollten einzeln über Lohnerhöhungen, Gewinnbeteiligungen oder Einmalzahlungen entscheiden - sofern ihre Gewinne wieder sprudeln. Eine Einkommensschere hat nach seiner Ansicht auch Vorteile.

Hamburg - Wirtschaftsminister Rainer Brüderle spricht bereits von einem "Aufschwung XL". Die Orderbücher der deutschen Unternehmen sind wieder prall gefüllt, und das Bundeswirtschaftsministerium hält in diesem Jahr einen Aufschwung von 3 Prozent für möglich. Ist also auch die Zeit für kräftige Lohnerhöhungen wieder gekommen? Seit 10 Jahren sind die Reallöhne in Deutschland kaum gestiegen, Beschäftigte und Gewerkschaften haben sich zurückhaltend gezeigt und damit maßgeblich zum Aufschwung beigetragen.

Der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Wolfgang Franz, hält eine Diskussion über das Gehaltsniveau in Deutschland jedoch für verfrüht. "Man muss berücksichtigen, dass viele Unternehmen in der Krise aus guten Gründen auf Lohnkürzungen verzichtet haben, obwohl dies rein betriebswirtschaftlich gesehen vielleicht gerechtfertigt gewesen wäre", sagte der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) gegenüber manager magazin. Außerdem reiche in den meisten Branchen die Laufzeit der Tarifverträge noch bis ins nächste oder übernächste Jahr. Tariflohnerhöhungen stünden daher derzeit nicht zur Debatte.

Ein bisschen Luft für höhere Löhne und Gehälter gibt es aber doch - zumindest bei den Unternehmen, die derzeit besonders stark von der konjunkturellen Erholung profitieren. "Den einzelnen Unternehmen steht es natürlich frei, freiwillig zusätzliche Entgelte zu bezahlen, wenn die Ertragssituation dies gerechtfertigt" ergänzt Franz. Dies sollte allerdings auf betrieblicher Ebene entschieden werden.

Unternehmen hätten außerdem die Möglichkeit, ihre Mitarbeiter durch flexible Instrumente an der wirtschaftlichen Erholung zu beteiligen - ohne zu riskieren, mit einem erhöhten Lohnniveau womöglich in Kürze wieder in die nächste Abschwungphase zu rauschen. "Einmalzahlungen oder Gewinnbeteiligungen gewähren den Unternehmen ein hohes Maß an Flexibilität", sagt Franz. Trotz verschiedener politischer Vorstöße fristen Investivlohn und Modelle der Mitarbeiterbeteiligung in Deutschland immer noch ein Nischendasein - die jüngste Debatte um den "Deutschlandfonds" wurde 2008 vom Einbruch der Kapitalmärkte und der Weltwirtschaftskrise beendet.

Der Fachkräftemangel in Deutschland dürfte unterdessen nach Einschätzung von Volkswirten dafür sorgen, dass die Einkommen der Spezialisten weiter steigen werden. Eine solche Einkommensschere unter den Beschäftigten in Deutschland ist nach Einschätzung von Franz jedoch nicht das Problem - die Spreizung der Entgelte sei im Gegenteil sogar erwünscht. "Dieses System verstärkt die Anreize, dass junge Menschen verstärkt in ihre Ausbildung investieren und sich die Beschäftigten weiterbilden", sagt Franz. "Bildung muss sich lohnen".

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