Deutsche Wirtschaft Brüderle sieht "Aufschwung XL"

Die deutsche Wirtschaft wächst schneller als erwartet. Im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt um 2,2 Prozent. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle gerät bereits in Euphorie.
Wirtschaftsminister Brüderle: Voll des Lobes über die deutsche Wirtschaft

Wirtschaftsminister Brüderle: Voll des Lobes über die deutsche Wirtschaft

Foto: Alina Novopashina/ dpa

Wiesbaden - Die deutsche Wirtschaft kommt mit Riesenschritten aus der Krise. Boomende Exporte und steigende Investitionen ließen das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 2,2 Prozent steigen, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. "Ein solches Wachstum zum Vorquartal gab es noch nie im vereinigten Deutschland", schrieben die Statistiker. "Der zum Jahreswechsel 2009/2010 ins Stocken geratene Aufschwung der deutschen Wirtschaft hat sich damit eindrucksvoll zurückgemeldet."

Das Ergebnis übertraf die Erwartungen der Analysten deutlich: Sie hatten nur mit einem Plus von 1,3 Prozent gerechnet. Zudem fiel das Wachstum im ersten Quartal mit 0,5 Prozent besser aus als zunächst mit 0,2 Prozent berechnet. Verglichen mit dem Vorjahresquartal legte die Wirtschaftsleistung von April bis Juni um 4,1 Prozent zu.

"Die Dynamik der Investitionen und des Außenhandels hatten dabei den größten Anteil", schrieben die Statistiker. "Aber auch die privaten und staatlichen Konsumausgaben trugen zum Wachstum bei." Während die exportabhängige Industrie vom Aufschwung in China und anderen Schwellenländern profitierte, hat bei den Investitionen auch ein Sondereffekt eine Rolle gespielt: Weil Schnee und Frost viele Baustellen zu Jahresbeginn lahmlegten, wurden diese Arbeiten im Frühjahr nachgeholt. Details zum Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal will das Statistikamt am 24. August nennen.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hält nach dem starken ersten Halbjahr ein Wachstum "von weit über 2 Prozent für 2010" für möglich. Bislang ging die Bundesregierung offiziell von einem Plus von 1,4 Prozent aus. "Wir erleben derzeit einen Aufschwung XL", sagte Brüderle. Die robuste Konjunktur sei zudem eine klare Ermutigung, "den Ausstieg aus der staatlichen Krisenfürsorge fortzusetzen" und den Staatshaushalt zu sanieren.

Bankenexperten halten sogar noch mehr Wachstum für möglich. "Das ist der Wahnsinn", sagte UniCredit-Fachmann Alexander Koch. "Wir rechnen jetzt mit mehr als 3 Prozent Wachstum im gesamten Jahr." Auch DekaBank-Experte Andreas Scheuerle betonte: "Ich kann 3 Prozent Wachstum verkünden in diesem Jahr, vielleicht sogar ein bisschen mehr als 3 Prozent".

Die Commerzbank hat ihre Prognosen für 2010 jedenfalls deutlich erhöht. "Wir erhöhen unsere 2010er Deutschland-Prognose von 2,5 Prozent auf 3,25 Prozent", schreibt Chefvolkswirt Jörg Krämer in einer am Freitag veröffentlichten Studie. Dabei sei bereits unterstellt, dass die Wirtschaft nach dem "phänomenalen" Wachstum im zweiten Quartal im dritten Quartal weniger stark wachse als bisher unterstellt.

Auch in den Quartalen danach werde es verhaltener bergauf gehen. Das liege auch daran, dass die Frühindikatoren in den USA und in China nach unten wiesen. Eine solche Delle in der Aufwärtsbewegung sei üblich. Er rechne für die USA nicht mit einem Rückfall in die Rezession, sagte Krämer. Die Zahlen aus Deutschland zum BIP seien "ein Sommermärchen".

Stark anheben will angesichts der starken Konjunktur auch das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) seine Wachstumsprognose für 2010. "Wir erwarten für Deutschland in diesem Jahr ein Wachstum von mindestens 2,5 bis 3,0 Prozent", sagte HWWI-Konjunkturchef Michael Bräuninger dem "Hamburger Abendblatt". Zuvor hatten die Forscher nur 1,5 Prozent Zuwachs erwartet. Die deutsche Konjunktur entwickele sich in Richtung eines selbsttragenden Aufschwungs. Bräuninger geht davon aus, dass Deutschland Anfang 2012 wieder eine Wirtschaftskraft wie vor der Krise erreichen wird.

"Die Weltwirtschaft schaltet einen Gang zurück, das werden wir als Export-Vizeweltmeister spüren", sagte allerdings auch Deka-Mann Scheuerle. Für 2011 rechnen die meisten Experten bislang mit einem Plus von etwa 1,5 Prozent, weil die Weltwirtschaft mit dem Auslaufen der staatlichen Konjunkturprogramme an Schwung verlieren dürfte. Im Krisenjahr 2009 war das Bruttoinlandsprodukt mit 4,7 (bislang: 4,9) Prozent so stark eingebrochen wie noch nie seit Gründung der Bundesrepublik.

got/nis/dpa
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