Mittwoch, 18. September 2019

Anwerbeprämie für Fachkräfte Personalberater zerpflücken Brüderle-Plan

Ausländische Fachkraft: Schalke 04 gelang es, den spanischen Top-Stürmer Raul ins Revier zu locken. Viele Unternehmen tun sich schwerer.

In der Fachkräftedebatte arbeiten Personalberater an vorderster Front. Sie haben keinen Zweifel daran, dass Deutschland internationaler werden muss. Dafür muss sich nicht nur politisch viel ändern - auch die Unternehmen haben massiven Nachholbedarf.

Hamburg - Schon ein paar Tage schwelt die Debatte, die als typisches Sommerlochthema begann: Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) schlug vor, Begrüßungsgelder für ausländische Fachkräfte zu zahlen, die sich in Deutschland niederlassen wollen. Denn von hochqualifiziertem Fachpersonal bekommen deutsche Unternehmen derzeit nicht genug. Viel mehr Substanzielles sagte er nicht zu dem Thema, so richtig ernst scheint es ihm nicht zu sein.

Dabei geht es um die Zukunft der deutschen Wirtschaft. Wie wichtig Fragen um Fachkräfte und die Internationalisierung deutscher Unternehmen sind, merkt man spätestens, wenn man mit Personalberatern darüber spricht. Den Leuten also, die von Unternehmen dafür bezahlt werden, die richtigen Persönlichkeiten auch für sensible Positionen zu finden.

Tiemo Kracht, Geschäftsführer der Kienbaum Executive Consultants, ärgert und freut sich zugleich über die Debatte, die der Minister losgetreten hat. Erfreulich sei, dass man überhaupt über das Thema spreche, ärgerlich dagegen der Verlauf der Diskussion. "Wenn der Chef der Bundesagentur sagt, man müsse die Lücken erstmal mit heimischen Ressourcen schließen, dann ist das grob fahrlässig."

Kracht glaubt, dass sich die Mangellage bei hochqualifiziertem Fach- und Führungspersonal in den kommenden Jahren einfach zu dramatisch verschärfen wird, als dass beispielsweise Umschulungen das Problem lösen könnten: "Aufgrund der Demografie und der Abwanderung kluger Köpfe aus Deutschland rechnen wir mit einem strukturellen Defizit von bis zu 4 Millionen Arbeitskräften bis 2030, wenn nicht wirksam gegengesteuert wird", so Kienbaum-Mann Kracht.

Mittelständler mit Nachholbedarf

Qualifizierungsmaßnahmen für Einheimische haben aus Sicht des Deutschland-Chefs der Zeitarbeitsfirma Randstad, Eckard Gatzke, prinzipiell zwar Vorrang. "Das größte Potential im Inland ließe sich sicherlich im Bereich der gering qualifizierten Arbeitnehmer erschließen", sagt er gegenüber manager magazin. Allerdings: "Das reicht nicht immer aus, wie man angesichts der aktuellen Entwicklung am Arbeitsmarkt feststellen kann."

Auch unter anderen Gesichtspunkten finden Personalexperten es wünschenswert, verantwortungsvolle Posten internationaler zu besetzen. Das Personal in deutschen Unternehmen müsse kulturell vielfältiger werden, damit Deutschland international wettbewerbsfähig bleibe - das gelte insbesondere für Führungskräfte. "Das klassische Feld der gutbürgerlichen deutschen Männer reicht als Potenzial für die Besetzung von Top-Positionen nicht mehr aus", sagt Personalberater Thomas Tomkos vom Führungskräftespezialisten Russell Reynolds.

Wenn aber mehr Fachkräfte aus anderen Ländern kommen, ändere sich auch in den weitgehend mit Einheimischen besetzten Führungsebenen etwas. "Die Agilität, Variantenvielfalt und Impulsivität, mit der das deutsche Fußballweltmeisterschaftsteam die bekannten Tugenden ergänzt hat, ist vielleicht der griffigste Nachweis der Potentiale die Diversity auch für die deutsche Wirtschaft heben kann", sagt Tomkos.

Besonders großen Nachholbedarf hat der deutsche Mittelstand. "Natürlich haben es da die namhaften großen deutschen Unternehmen, die international tätig sind, einfacher, ausländische Fachkräfte für sich zu gewinnen", sagt Gatzke. Bei der Internationalisierung stünden zwar die großen Dax-Konzerne nicht schlecht da, aber die Kleineren tun sich schwer, findet Kracht - vielleicht auch, weil ihnen die frische Außenperspektive jetzt schon fehlt.

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