Mittwoch, 13. November 2019

Wetterdatenanbieter Das Geschäft von Kachelmanns Kollegen

Wetter als Risikofaktor: Landwirte fürchten heiße Sommer ebenso wie heftige Unwetter. Doch sie sind längst nicht die einzigen Kunden der Wetterdatenanbieter

Die Aufhebung des Haftbefehls gegen Jörg Kachelmann sorgt beim Datenanbieter Meteomedia für Erleichterung. Doch die Geschäfte laufen auch ohne den einstigen Frontmann rund. Die Bedeutung der Wetterdienste ist für Unternehmen enorm gestiegen, Kunden kommen aus der Logistik-, Agrar- und Touristikbranche sowie der Finanzindustrie. Es ist ein Nischenmarkt mit großem Wachstumspotenzial.

Hamburg - Norbert Steffen ist ein bisschen genervt. Der Geschäftsführer von Meteomedia, des von Jörg Kachelmann 1990 gegründeten Wetterdienstes, schätzt die Verdienste des Firmengründers und TV-Moderators hoch ein. Er spricht auch gerne darüber, wie der beliebte Schweizer die Wetterpräsentation für das Fernsehen praktisch neu erfunden hat. Er ist es nur leid, dass die gesamte Unternehmensgruppe dieser Tage auf das einstige Aushängeschild Kachelmann reduziert wird.

"Wir sind ein gutes Team mit vielen herausragenden Talenten", sagt Steffen. Jeder Mitarbeiter mache seine Arbeit und für das Management gebe es auch im Kachelmann-Imperium wie in jedem anderen Unternehmen Vertretungsregeln für den Fall, dass jemand ausfällt. Ob durch Krankheit oder wegen Untersuchungshaft ist da wohl zunächst egal.

Das Unternehmen funktioniert also, wenn auch mit Hindernissen: Aktionärstreffen im Knast, Millionengewinne, über deren Verwendung entschieden werden muss, sowie Mitarbeiter, die sich gleichermaßen um ihren Chef wie auch um die eigene berufliche Perspektive sorgen. Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen machen klar: Die Kachelmann-Tragödie betrifft nicht nur eine Einpersonenveranstaltung, sie trifft eine in Deutschland, der Schweiz, Kanada und den USA tätige Unternehmensgruppe mit 100 Mitarbeitern und sieben Aktionären, die darunter leiden, dass man ihnen ohne ihr Zugpferd wenig zutraut.

Knapp 20 private Anbieter in Deutschland

Was sich außerdem gezeigt hat: Wetter ist ein Geschäft. Bisher fand es als Wirtschaftssegment in der Öffentlichkeit wenig Beachtung. Nicht mal die großen Unternehmensberatungen wie beispielsweise McKinsey, Roland Berger oder Deloitte haben die Branche im Visier. "Wir tummeln uns auf einem absoluten Nischenmarkt", sagt dann auch Dennis Schulze, Vorstand des Verbands Deutscher Wetterdienstleister (VDW) und Geschäftsführer der Meteogroup.

Knapp 20 private Wetterdatenanbieter gibt es in Deutschland. Sie erwirtschaften mit 200 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von circa 30 Millionen Euro und haben vom Einzelunternehmer, der regional einen einzigen Radiosender beliefert über diverse Internetdienste bis hin zu international agierenden Full-Service-Anbietern viele Facetten - und die verschiedensten Kunden.

Strom- und Gaskonzerne interessieren sich für Temperaturen

Stromkonzerne wollen beispielsweise möglichst genau wissen, wie sich das Wetter im Jahresverlauf an bestimmten Orten entwickelt. "Ob Gas oder Strom, unser Absatz hängt zum Beispiel mit der Temperatur zusammen", sagt etwa Robin Girmes, Meteorologe und Wetterderivatehändler der RWE; das Essener Unternehmen zählt zu den größten Energiehandelshäusern Europas. Und die Folgen davon schlagen sich selbst kräftig in den Bilanzen der Energieriesen insgesamt nieder.

Denn ob RWE Börsen-Chart zeigen, Eon Börsen-Chart zeigen oder Vattenfall Europe Börsen-Chart zeigen: Die Energieversorger kaufen oftmals im Herbst beispielsweise Erdgas ein und speichern es für den erwarteten Verbrauch. Steigt der aber, weil etwa der Winter kälter wird, als erwartet, müssen sie Gas zu den dann eklatant hohen Preisen nachkaufen. Und dieses Risiko wollen sie mit guten Wetterdaten natürlich möglichst vermeiden.

"Man kann zu 95 Prozent genau mathematisch erfassen, welches Wetter welchen wirtschaftlichen Schaden anrichtet", sagt Hans Esser, Chef der Grevenbroicher Firma Finanztrainer.com, die seit 1999 die entsprechenden Finanzprodukte anbietet, sogenannte Wetterderivate. Zu seinen Beratungskunden zählte beispielsweise auch die Handelsabteilung der Kölner Stadtwerke, die heute unter dem Namen Rheinenergie firmieren.

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