Energiekosten Das Schweigen der Großindustrie

Der Bundesrat hat Deutschlands Industrie den kostengünstigsten Gashandel verdorben. Jetzt empören sich die Lobbyisten - nur die direkt betroffene Großindustrie bleibt aus Furcht in Deckung.
Von Olaf Wittrock
Kostentreiber Energiepreise: Verband der Großindustrie fordert Verbesserungen für hiesige Konzerne

Kostentreiber Energiepreise: Verband der Großindustrie fordert Verbesserungen für hiesige Konzerne

Foto: Boris_Roessler/ dpa

Hamburg - Es klingt ganz so, als sei der Durchbruch wieder mal verschoben. Da hatte sich die neue Regierung aufgemacht, großen Kunden eine Schneise für die Teilnahme am Gashandel zu schlagen - endlich, wie die Interessenvertreter der Großverbraucher nach der Wahl frohlockten.

Doch nachdem sich der Bundesrat den Vorschlag zu einer runderneuerten Gasnetzzugangsverordnung (GasNZV) vorgenommen und reichlich darin herumgeschrieben hatte, bleibt doch erst einmal wieder alles wie es war. So jedenfalls legt der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) aus, was am 9. Juli im Bundesrat in Sachen GasNZV verhandelt wurde - und vermutlich noch heute vom Kabinett durchgewunken wird.

Die Verordnung, deren Regeln im Oktober wirksam werden, klärt eigentlich nur das Verhältnis zwischen Gasnetzbetreibern und reinen Gashändlern, die einen möglichst freien Zugang zu den Netzen bekommen sollen. Für den VIK, der die Interessen großer Industriekunden vertritt, geht es aber um viel mehr: Er kämpft seit Langem dafür, dass seine Mitglieder selbst in den Gashandel einsteigen können - ohne einen üblicherweise zwischengeschalteten Lieferanten. So ähnlich, wie es auf dem Strommarkt inzwischen gang und gäbe ist. Nachdem der Gesetzesvorschlag aus dem Bundesrat kam, sieht der Verband dafür vorerst keine realistischen Chancen mehr: "Für Industriekunden bleibt eine eigenständige Teilnahme am Großhandelsmarkt für Gas weiter mit ungerechtfertigt hohen Kosten verbunden", schimpft VIK-Geschäftsführerin Birgit Ortlieb: "Und damit letztlich verschlossen."

Der Grund für den Ärger ist nur nachzuvollziehen, wenn man sich tiefer in die Regeln des Gasmarktes einarbeitet. Weil Gas nun mal in der Regel über feste Leitungen zum Kunden kommt, waren früher ausschließlich die Netzbetreiber auch als Lieferanten in ihrem Versorgungsgebiet tätig - und hielten so ein Monopol. Inzwischen hat man sich EU-weit darauf verständigt, sämtliche Netze zu öffnen, auch für Händler, die gar keine eigenen Netze betreiben: "Transportpfadunabhängigkeit" oder Unbundling heißt diese 2005 begonnene Liberalisierung, die ab 2013 in ganz Europa greifen und den EU-weiten Wettbewerb allein ums Gas ankurbeln soll, unabhängig von den dafür nötigen Netzen.

Entscheidungsstelle Bundesnetzagentur

In der Praxis kann die große Freiheit in den Leitungen allerdings zu Schwierigkeiten führen: Denn die Kapazitäten sind begrenzt, und je mehr Gashändler unterwegs sind, umso schwieriger wird die sichere Versorgung. Gasgroßkunden müssen deshalb nicht nur den Rohstoff selbst einkaufen, sondern zusätzlich auch die maximale Transport- oder Leistungskapazität. Wer Gas gekauft hat, das er doch nicht braucht, muss es trotzdem bezahlen. Und wer mehr Gas zieht als eigentlich für ihn eingespeist wurde, bekommt eine Strafe aufgebrummt.

Man kann sich vorstellen, dass ein Stadtwerk Schwankungen im Verbrauch womöglich durch die vielen Kunden in einem eigenen sogenannten Bilanzkreis ausgleichen kann. Umgekehrt kann der Gashandel für große Einzelkunden wegen der Abnahmepflicht und der Strafen aber schnell teuer werden. Deshalb hatte die Bundesregierung für die GasNZV-Novelle ursprünglich vorgeschlagen, Großverbrauchern kostenlos jeden Tag 5 Prozent Abnahmeschwankungen in beide Richtungen zu erlauben. Diese Kulanzregel kassierte der Bundesrat zwar nicht völlig: Sie soll aber erst ab Oktober 2011 gelten - und die Bundesnetzagentur soll sie jederzeit verändern können. Unter diesen Bedingungen, findet Industrielobbyistin Ortlieb, könne von einem diskriminierungsfreien Zugang zum Gasnetz keine Rede sein. Vielmehr bleibe der theoretische Netzzugang für die Industrie praktisch weiterhin verbaut.

Nur eine Handvoll Unternehmen handelsfähig

Allerdings: Wie viele Industriekunden überhaupt am Gasmarkt handeln wollten, wenn sie es denn leichter könnten, lässt sich kaum sagen. Der VIK hat auf Nachfrage jedenfalls kein Verbandsmitglied zur Hand, das sich offen für den Großhandel mit Gas ausspricht und über die Verordnung beklagt.

Offenbar will man sich hier lieber bedeckt halten, statt womöglich seine Hauslieferanten mit der Ankündigung zu irritieren, demnächst am liebsten direkt in den Gasgroßhandel einzusteigen. Experten gehen davon aus, dass dies nur für sehr wenige Unternehmen infrage kommt. Jürgen Joseph, Geschäftsführer der Energie Consulting aus Kehl, die über 1000 Unternehmen beim Strom- und Gaseinkauf berät, schätzt, dass selbst bei deutlich günstigerer Regulierung allenfalls eine Handvoll deutscher Unternehmen in den Großhandel einsteigen würden. 99 Prozent würden bei Lieferanten unter Vertrag bleiben, vermutet Joseph.

Denn egal wie die Gasnetzzugangsverordnung in Zukunft beschaffen sein wird: Der direkte Handel von Gaskapazitäten verursacht für ein einzelnes Industrieunternehmen immer hohen Aufwand - und bleibt zudem mit Risiken behaftet, wann immer einer mehr oder weniger Gas braucht, als er geordert hat. Gasversorger, die als Zwischenhändler auftreten, verkaufen den Rohstoff zwar teurer, bieten dafür aber auch flexible Verträge, etwa mit einer Mischkalkulation von Fixabnahme und variabler Leistung.

Beschaffung im Metropolenstil

"Erst ab einem Bedarf von mindestens 500 Millionen Kilowattstunden pro Jahr dürfte es für Industriekunden interessant werden, sich ihr Gas selbst strukturiert zu beschaffen", schätzt Rechtsanwalt Olaf Däuper, Partner bei der auf Energierecht spezialisierten Beratungskanzlei Becker Büttner Held. Das entspricht in etwa dem, was die gesamte Stadt Hamburg für die Versorgung von rund 2200 öffentlichen Gebäuden braucht; in der Industrie fragen fast nur große Chemie-, Pharma- und Industriekonzerne sowie die größten Stahl- und Aluminiumhütten ausreichend große Mengen nach. BASF, derzeit weltgrößter Chemiekonzern, hat zudem mit Deutschlands größtem Erdgasproduzenten Wintershall einen eigenen Versorger unter seinem Dach - und somit keinen Grund, sich darüber hinaus am Gasmarkt zu engagieren.

Zudem haben Großabnehmer inzwischen auch noch die Möglichkeit, ihren Bedarf auszuschreiben - und dann beim günstigsten Anbieter einzukaufen. So macht es etwa der Chemiehersteller Cognis, der bis November von mehreren Private-Equity-Fonds an die BASF übergeht. Beschaffungsdirektor Rolf Kettner holt seit etwa einem Jahr regelmäßig verschiedene Angebote ein und empfindet die Situation gegenüber starren Verträgen der Vergangenheit als deutlich flexibler: "Nach meiner Erfahrung bieten die Anbieter inzwischen Werkzeugkästen, aus denen sich jeder Großabnehmer sein bestes Preismodell zusammenbauen kann." Eine Lizenz für eine Teilnahme am Gasbörsenhandel braucht Kettner nicht: "Der Aufwand wäre für uns nicht gerechtfertigt."

Auch Energierechtsanwalt Däupner kann die Aufregung der Industrielobby wegen der vom Bundesrat veränderten Zugangsverordnung nicht ganz nachvollziehen. "Ich persönlich halte den Gasmarkt bereits für diskriminierungsfrei", sagt Däupner. Und dass jemand dafür zahlen muss, wenn er mehr oder weniger von einer Ware braucht als er geordert hat, ist per se schließlich nicht verwunderlich.

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