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Drei Szenarien: Was Europas Banken aushalten müssen

Foto: Boris Roessler/ dpa

Stresstest für Banken Zittern vor den Zeugnissen

Europas Finanzbranche fiebert der Zeugnisvergabe am Freitagabend entgegen. Die Bankenaufseher können nicht viel richtig machen. Entweder sie senden Schockwellen in die Märkte - oder sie nähren die Zweifel, ob die Bankbilanzen wirklich gesund sind.

Hamburg - Das Ereignis wird zelebriert wie eine Preisverleihung, der Zeitplan ist ausgeklügelt. An diesem Mittwoch bereitet EZB-Präsident Jean-Claude Trichet die Chefs der großen Euro-Banken auf den großen Tag vor.

Am Freitag um 18 Uhr, wenn Europas Behörden schon geschlossen haben, gibt das Komitee der Europäischen Bankenaufseher (CEBS) bekannt, wie es um 91 ausgewählte Banken und Sparkassengruppen steht. Zeitgleich veröffentlichen die Institute oder nationale Aufsichtsbehörden ihre eigenen Ergebnisse, erst danach gibt es einen direkten Vergleich der Stresstests. Für kurze Zeit steht die kleine Londoner Behörde im Rampenlicht - und soll dann möglichst schnell wieder daraus verschwinden.

Seit Wochen beschäftigen die Stresstests die Öffentlichkeit. Was sonst für die Aufseher und Risikokontrolleure der Banken eine Routineübung wäre, wird zur Schicksalsfrage für den Kontinent. Ziel sei es, "die Belastbarkeit des Bankensektors in der EU zu überprüfen", erklärt das CEBS.

Europas Staats- und Regierungschefs beschlossen angesichts der Schuldenkrise, die Ergebnisse Bank für Bank zu veröffentlichen, um Klarheit zu schaffen und die Märkte zu beruhigen. "Wir werden sehen, dass alle großen europäischen Banken hinreichend stabil sind, um jedes Erdbeben zu überstehen", sekundiert IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn.

George Soros: "Das ganze Bankensystem muss rekapitalisiert werden"

Ob die Rechnung aufgeht, darf unabhängig vom Ergebnis der Tests bezweifelt werden. Zu sehr hat sich die Sicht festgesetzt, dass es ein ernstes Problem gibt. "Das ganze europäische Bankensystem wird von faulen Krediten belastet und muss rekapitalisiert werden", doziert der Hedgefondsguru George Soros. Auch der renommierte Genfer Ökonom Charles Wyplosz sieht angesichts der gewaltigen Kreditblase Fragezeichen, "warum wir noch keine richtigen Bankpleiten in der Euro-Zone gesehen haben".

Die Euro-Krise dreht sich nicht nur darum, ob die Staaten ihre Haushalte im Griff haben und die Handelsströme ins Gleichgewicht gebracht werden können. Dahinter steht die größere Frage, ob das Finanzsystem die vor allem vom Privatsektor angehäuften Schuldenberge bewältigen kann - besonders, wenn sich die Wirtschaftskrise fortsetzt. Allein in Spanien sind die säumigen Darlehen nach Angaben der Zentralbank inzwischen auf über 100 Milliarden Euro angewachsen.

Die Skepsis reicht bis in die Banken selbst - ablesbar an ihrer Zurückhaltung, sich gegenseitig Geld zu leihen. Der Eonia-Zinssatz für Tagesgeld am Interbankenmarkt, der zuvor lange nahe 0,3 Prozent verharrte, sprang übers Wochenende auf 0,56 Prozent an. Viele Banken, die überhaupt keinen Kredit mehr von ihren Kollegen bekommen, sind in diesem heimlichen Leitzins der Euro-Zone schon nicht mehr berücksichtigt. Die Furcht vor einem neuen Banken-Crash ist also nicht ganz abwegig.

Warum Anleger hoffen, dass Banken den Test nicht bestehen

Als Risikokandidaten gelten vor allem die spanischen Sparkassen, in deren Kreditbüchern die geplatzte Hauspreisblase und die steigende Arbeitslosigkeit wüten; die griechischen Banken (beide Gruppen haben bereits begonnen, sich zusammenzuschließen); aber auch manche deutsche Landesbank, die Postbank und einige europäische Großbanken, die bisher zwar relativ unbeschadet durch die Finanzkrise kamen, dafür aber dünne Kapitalpolster haben.

Falls eine Bank durchfällt, weil ihre Kernkapitalquote im Stressfall unter 6 Prozent sinken würde, ist nach Ansicht der Aufseher alles geregelt. Dann müsse sie zusätzliches Kapital am Markt aufnehmen; gelinge das nicht, solle die jeweilige Regierung einspringen. Als "dritte Verteidigungslinie" schließlich stehe der neu gegründete Euro-Rettungsfonds bereit.

Doch das werde gar nicht nötig sein, betonen die Kontrolleure. Keiner ihrer Schützlinge soll durchfallen. Die Banken übermittelten ihre Daten zum Stresstest schon Anfang vergangener Woche an ihre nationalen Aufseher. Seitdem meldet ein Land nach dem anderen, all seine Banken hätten den Test anscheinend bestanden: Deutschland, Griechenland, Großbritannien, Italien, Österreich, Spanien - keiner will der Krisenherd sein.

Am Dienstag sickerte immerhin durch, dass die Hypo Real Estate den Stresstest nicht bestehen werde. Doch die Überraschung ist gering. Schließlich hat die verstaatlichte Bank 80 Milliarden Euro Anleihen aus Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien in den Büchern. Allein 7,8 Milliarden kommen aus Griechenland, womit die Münchener wohl die größten Gläubiger des Krisenstaats sind. Die Bank selbst geht seit Langem davon aus, dass sie noch weitere Milliardenspritzen vom Staat benötigt. Scheinbar transparent wirkt auch, dass die Spanier ganze 56 Sparkassen durchleuchten.

Anleger fordern klar Schiff

Der Stresstest hebt vor allem auf eine Krise mit Staatsanleihen der südeuropäischen Staaten ab, wie sie Anfang Mai eintrat. Doch was ist, wenn der nächste Schock für die Bankbilanzen von woanders ausgeht? Wenn sich beispielsweise die Krise in Osteuropa wieder verschärft, dort sogar IWF-Missionen scheitern, wie es nun in Ungarn möglich erscheint? Und was ist, wenn eine Kernkapitalquote von 6 Prozent nicht ausreicht, um künftige Lasten abzufangen?

All das bestärkt die Zweifler nur. "Die Stresstests haben wenig Informationswert, wenn sie nicht härter werden", urteilen die Analysten der UBS. Die Annahme eines 3-prozentigen Wertverlusts von Staatsanleihen beispielsweise sei viel zu harmlos. Die Anleger gingen heute schon von höheren Ausfallraten aus. Damit wieder Geld in Europa investiert wird, und die Zitterpartie an den Finanzmärkten endet, müsse klar Schiff gemacht werden, folgert die UBS aus einer Investorenumfrage.

Demnach brennen die Marktakteure auf eine Rekapitalisierung der Banken und eine Umschuldung Griechenlands - "warum das Unvermeidliche hinauszögern", heißt es. Falls die Kapitalspritze zu gering ausfalle, "fürchten die Anleger, dass die Banken die nächsten fünf bis zehn Jahre mit strukturell schwachen Bilanzen herumhinken", und so eine Dauerkrise wie in Japan entstehe. Eine gute Nachricht haben die Analysten immerhin: Sollte es doch einen ehrlichen Kassensturz geben, würden sich viele Geldgeber finden, die sich an Kapitalerhöhungen der Banken beteiligen wollen.

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