Infosys-Mitgründer Murthy "Wir wollen in Deutschland zügig wachsen"

Das indische Vorzeigeunternehmen Infosys hat 20 Jahre lang erhebliche Umsatzsteigerungen zustande gebracht. Jetzt spricht Infosys-Mitgründer Narayana Murthy mit dem manager magazin über die künftige Expansionsstrategie des IT-Dienstleisters - und seine Pläne für Deutschland.
Infosys-Gebäude in Bangalore: "Unser Europa-Geschäft soll überproportional zulegen"

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mm: Herr Murthy, die Infosys-Erlöse sind im vergangenen Jahr um 3 Prozent auf 3,8 Milliarden Euro gestiegen, der Gewinn nach Steuern erhöhte sich auf gut eine Milliarde Euro. Hat der Konzern in der weltweiten Krise überhaupt nicht gelitten?

Murthy: Natürlich haben wir die Rezession auf den westlichen Märkten schmerzlich zu spüren bekommen, schließlich machen wir dort den Löwenanteil unseres Geschäfts.

mm: Eine Umsatzrendite von 27 Prozent ist nicht gerade mitleiderregend.

Murthy: Das stimmt. Aber bedenken Sie: Infosys  ist in den vergangenen zwei Dekaden jedes Jahr im Schnitt um 30 Prozent gewachsen. Und dann mussten wir im Geschäftsjahr 2008/2009 erstmals in der Geschichte unseres Unternehmens damit rechnen, dass der Umsatz schrumpft - das empfanden wir als einen gewaltigen Einschnitt. Schließlich erzielten wir in diesem schwierigen Marktumfeld doch noch ein Plus von 3 Prozent, das war ein großer Erfolg.

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mm: Wie entwickelt sich das laufende Jahr?

Murthy: Ermutigend. Wir rechnen mit einer Umsatzsteigerung von 19 bis 21 Prozent.

mm: Infosys macht 99 Prozent seiner Geschäfte im Ausland. Mehr als die Hälfte der Aufträge holen Sie in Nordamerika herein. Ist der europäische Markt für Sie nicht attraktiv genug?

Murthy: Wir haben Europa in den 90er Jahren ein wenig zurückgestellt, weil wir in den Vereinigten Staaten so rasant expandieren konnten. Die Amerikaner waren einfach offener für Outsourcing. Damals ist die US-Wirtschaft viel zügiger gewachsen als die Anzahl der verfügbaren Talente, mithin blieb vielen Firmen gar nichts anderes übrig, als Teile ihrer Backoffice-Arbeiten auszulagern.

mm: Es ist aber ganz schön riskant, sich so sehr auf einen einzigen Markt zu konzentrieren.

Murthy: Das haben wir auch erkannt. Deswegen setzte vor etwa zehn Jahren bei Infosys ein Umdenken ein. Inzwischen machen wir auf dem alten Kontinent, einschließlich Großbritannien, eine Milliarde Euro Umsatz, also knapp ein Viertel unserer weltweiten Erlöse.

"Man muss den richtigen Partner finden"

mm: Welche Rolle wird Europa in Zukunft für Sie spielen?

Murthy: Eine extrem wichtige. Unser Europa-Geschäft soll überproportional zulegen, wir wollen den Umsatzanteil auf 40 Prozent steigern. Und natürlich wollen wir auch in Deutschland zügig wachsen.

mm: Bislang beschäftigt Infosys in Deutschland gerade mal 350 Mitarbeiter. Warum nur so wenige?

Murthy: Zunächst einmal besteht das Geschäftsmodell von Infosys ja darin, dass wir unsere Kundschaft überwiegend vom Niedriglohn-Standort Indien aus bedienen. Das sieht man schon daran, dass rund 90.000 unserer knapp 120.000 Beschäftigten in Indien arbeiten. So gesehen spielt Deutschland gar keine so untergeordnete Rolle. Wir haben in Indien immerhin rund 1000 Spezialisten, die vorwiegend für deutsche Kunden tätig sind.

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mm: Aber es gibt hierzulande viele Firmen, denen es wichtig ist, mit deutschsprachigen Partnern zusammenzuarbeiten. Lassen Sie da nicht ein großes Potential künftiger Kunden aus den Augen?

Murthy: Nicht mehr. Unser Team in Deutschland wird sich in den nächsten drei Jahren verdoppeln. Wir haben 2010 mit Franz-Josef Schürmann einen erfahrenen deutschen Geschäftsführer engagiert, der hier bereits viele hoch qualifizierte Spezialisten und Manager gewonnen hat und das Team weiter ausbaut.

mm: Infosys ist hauptsächlich organisch gewachsen. Denken Sie auch über Zukäufe in Europa nach?

Murthy: Grundsätzlich würden wir gerne die eine oder andere Akquisition machen. Aber mit den Zukäufen ist das wie mit der Liebe. Man kann keinen Zeitplan aufstellen, man muss den richtigen Partner finden - oder eben das richtige Unternehmen. Daher haben wir es bislang bei kleineren Übernahmen belassen, zum Beispiel in Australien und in den Vereinigten Staaten.

mm: Wie gehen Sie mit neu erworbenen Töchtern um? Werden die gleich in den Mutterkonzern integriert?

Murthy: Wir machen das sehr behutsam, Schritt für Schritt. Normalerweise bleibt eine zugekaufte Firma ein paar Jahre lang unabhängig. In dieser Zeit versuchen wir die Gemeinsamkeiten von Mutter und Tochter herauszufinden. Zwei verschiedene Kulturen zu vereinen ist nicht einfach. Man muss aufpassen, dass man den Menschen in der neuen Firma nicht den Enthusiasmus und die Zuversicht nimmt.

"Wir stellen nur die besten Absolventen von den Topuniversitäten ein"

mm: Infosys war eines der ersten indischen Unternehmen, das auf den globalen Märkten agierte. Hatte Ihre Firma eine Vorbildfunktion für andere indische Konzerne?

Murthy: Mit Sicherheit. Es mag vielleicht banal klingen, aber wir haben vorgelebt, dass man sein Unternehmen erst einmal auf dem Heimmarkt den globalen Qualitätsmaßstäben anpassen muss, bevor man rausgeht - egal ob beim Kundenservice oder beim Personal.

mm: Was hieß das für Infosys?

Murthy: Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass wir eine Weltklassemannschaft in Indien aufbauen. Wir stellen nur die besten Absolventen von den Top-Universitäten ein und selbst die bilden wir noch einmal mehrere Monate aus, bevor sie mit den ersten Klienten in Kontakt kommen.

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mm: Sie haben Infosys 1981 mit sechs Freunden gegründet und das Unternehmen bis 2002 geleitet. Haben Sie ein Motto, das Sie all die Jahre begleitete?

Murthy: Ein Motto vielleicht nicht. Aber ich habe mich damals gefragt: Was bedeutet die Globalisierung für uns? Die Antwort bestand aus drei Teilen: Wir wollen uns dort finanzieren, wo es am günstigsten ist - daher sind wir als erstes indisches Unternehmen an die US-Börse Nasdaq  gegangen. Wir arbeiten dort, wo die Effizienz am höchsten ist - also vorwiegend in Indien. Und wir suchen uns die profitabelsten Märkte für unsere Dienstleistungen.

mm: Was zeichnet Infosys Ihrer Meinung nach besonders aus?

Murthy: Uns geht es darum, als Unternehmen verantwortungsvoll zu handeln - in der Gesellschaft und im Umgang mit den Mitarbeitern. Ich sehe das so: Wenn die Teams morgens anfangen zu arbeiten, beträgt die Marktkapitalisierung von Infosys über 30 Milliarden Dollar. Wenn die Leute abends wieder nach Hause gehen, sinkt sie auf Null, weil die Firma ohne Menschen nur eine Hülle ist. Unsere Mitarbeiter sind unser wichtigster Wert. Mit dieser Haltung sind wir all die Jahre hervorragend gefahren.

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