Investmentbanken Wie Wall Street die neuen Regeln umgeht

Noch ist die Finanzmarktreform in den USA gar nicht in Kraft. Doch schon jetzt finden die großen Investmentbanken Wege, den staatlichen Schranken zu entkommen. Mehr Fantasie brauchen sie für ein dauerhaft funktionierendes Geschäftsmodell, wie die aktuellen Zwischenbilanzen zeigen.
Mehr Kontrolle: Anti-Banken-Demonstration in Washington

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Foto: AFP

Hamburg - Das Weiße Haus bereitet sich auf einen großen Tag vor. Am Mittwoch, so heißt es, werde Präsident Barack Obama das 848-seitige "Wall-Street-Reform- und Verbraucherschutzgesetz" unterzeichnen, das nach monatelangem Gezerre das Parlament passiert hat. Geplant ist eine Feierstunde. Es geht um den vielleicht größten Erfolg in Obamas Präsidentschaft, die weitreichendste Reform der Finanzbranche seit den 30er Jahren und das erste große Zeichen, dass Lehren aus der Krise gezogen werden.

Yves Smith ist nicht so überzeugt. Die Finanzbloggerin, selbst einst Investmentbankerin und heute Geschäftsführerin einer Beratungsfirma, bemängelt, dass die Banken an der langen Leine blieben. Das gelte selbst für scheinbar radikale Elemente des Gesetzes wie die " Volcker-Regel", nach der die Banken ihren Eigenhandel beschränken müssen.

"Die Idee ist vernünftig", erklärt Smith. Firmen, "die letztlich mit Staatsgeld spielen", sollten nur in gesellschaftlich nützliche Dinge investieren und nicht nur für den eigenen Profit spekulieren dürfen. So würde das Risiko für Steuerzahler und Systemstabilität eingedämmt. Die Umsetzung aber sei "nahezu nutzlos".

Smith stößt sich daran, dass als Eigenhandel nur Geschäfte definiert sind, die ohne Kunden abgewickelt werden. Zwar beschränke diese Regel bankeigene Hedge- und Private-Equity-Fonds, was aber wegen Freigrenzen nur Goldman Sachs und Morgan Stanley  treffe, und die auch nur nach so langen Übergangsfristen, dass es keine Rolle mehr spielt. Vor allem jedoch gehe das Gesetz an der Realität vorbei, dass Banken ihren Eigenhandel durchaus auch im Namen von Kunden abwickeln.

Viel Ermessensspielraum für die Aufseher

Ein Goldman-Sachs-Partner erklärte jüngst, man habe die Schlacht um das Gesetz verloren, hoffe jetzt aber auf einen Sieg in der nächsten Runde - die Auslegung. Tatsächlich enthält das Papier kein hartes Verbot des Eigenhandels. Es hängt von den Regulierungsbehörden ab, ob sie im Sinne der "Volcker-Regel" eingreifen.

Welche Währungsspekulation im Kundeninteresse ist, welcher Derivatehandel vielleicht vorausschauend abgeschlossen wird oder doch nur das Handelsergebnis der Bank aufbessern soll, ist Abwägungssache. "Der richtige Weg wäre gewesen, an Risikokennziffern wie Value at Risk anzusetzen und den Handelstischen vorzuschreiben, ihre Positionen innerhalb kurzer Zeit glattzustellen", meint Smith.

Das "Wall Street Journal" berichtet, mehrere Institute versteckten ihren Eigenhandel vorsorglich schon einmal. Die Citigroup  und Morgan Stanley, auch die Deutsche Bank  versetzten ihre Händler an Handelstische, die dem Kundengeschäft zugeschrieben sind - wo sie aber weiterhin in riskanten Geschäften auf Rechnung der Bank wetten. Auslandsbanken wie die Deutsche Bank oder Credit Suisse  könnten ihren Eigenhandel an andere Finanzplätze verlegen und so das US-Gesetz umgehen. Zwar erklärt Citi-Chef Vikram Pandit, "Banken sollten nicht mit ihrem eigenen Kapital spekulieren", doch die Realität sieht anders aus.

Boom im Investmentbanking scheint schon wieder vorbei

Offiziell haben die meisten Banken ihren Eigenhandel in der Krise bereits aus eigenem Antrieb zurückgefahren. Nur Goldman und Morgan Stanley weisen nennenswerte Erträge aus, die nach dem neuen Gesetz wohl reduziert werden müssten. Im Fall Goldman sind es 10 Prozent des gesamten Ertrags, doch auch das dürfte wegen der Definition von Eigenhandel weit untertrieben sein.

Die beiden Häuser sind die einzigen der "Big Five", der reinen Investmentbanken, die die Finanzkrise überlebt haben. Anders als die Großbanken können sie schlechte Handelsergebnisse nicht mit dem soliden Privatkundengeschäft ausgleichen. Im vergangenen Jahr und zu Beginn dieses Jahres fuhren sie gut damit: Der Börsenaufschwung, das florierende Anleihegeschäft und mit Staatshilfe abgesicherte Wetten ließen im Investmentbanking Milliardengewinne sprudeln.

Doch nun könnte der Boom schon wieder vorbei sein. Angesichts von Schuldenkrise, Konjunktursorgen und Börsenschwäche lief das zweite Quartal schlecht für die Wall Street. Kunden hielten sich mit Wertpapiergeschäften zurück, Mandate für Beratungen, Börsengänge, Fusionen oder Übernahmen blieben aus. Goldman Sachs selbst schätzt, dass die Erträge im reinen Kapitalmarktgeschäft branchenweit um 40 Prozent zurückgingen.

Schlechtes Omen für die Quartalsberichte der Investmentbanken

Die in der vergangenen Woche veröffentlichten Zwischenberichte der Großbanken belegen das. J. P. Morgan Chase  nahm 28 Prozent weniger im Handel mit Anleihen, Rohstoffen und Währungen ein. Die Investmentsparte der Bank of America  verbuchte 40 Prozent weniger. Der Wertpapierhandel der Citigroup brachte 26 Prozent weniger ein.

Ihre Ergebnisse steigern konnten all diese Großbanken nur, weil sie ihre Kreditvorsorge im Privatkundengeschäft deutlich zurückfuhren oder im Fall der Citigroup sogar von den Reserven zehrten. Dieser Faktor fehlt Goldman und Morgan Stanley, die ihre Zahlen an diesem Dienstag offenbaren. Für Goldman gingen die Einnahmen um 36 Prozent, der Gewinn um 83 Prozent nach unten.

Das Problem weist über das abgelaufene Quartal hinaus. Wenn die Kunden ihr Geld nicht mehr riskieren, bleibt den Investmentbanken nur der Handel auf eigene Rechnung, um die von den Aktionären geforderten Ergebnisse abzuliefern. Wohl deshalb denkt Goldman-Sachs-COO Gary Cohn laut darüber nach, die erst vor zwei Jahren erworbene Banklizenz wieder abzugeben, falls die "Volcker-Regel" zu scharf ausgelegt wird. Dann würde das Gesetz für Goldman nicht mehr gelten.

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