Montag, 24. Juni 2019

Führen in Teilzeit Chef mit halber Doppelbelastung

Chefin und Mutter: Wer Führungskräften Teilzeitstellen bietet, bindet Mitarbeiter an sich

In Teilzeit arbeiten und gleichzeitig Karriere machen, ist in vielen Unternehmen undenkbar. Die Personalchefs fürchten Frust im Team, wenn die Abteilung für ihre Führungskraft mitarbeiten muss. Dennoch kann Teilzeitarbeit zu einem guten strategischen Schachzug werden.

Hamburg - Martina Sieber dürfte es nach Meinung der meisten Personalchefs nicht geben. Forscher der Uni Essen-Duisburg haben Personalverantwortliche von Großunternehmen gefragt, ob es möglich ist, aus einer Teilzeitposition heraus Karriere zu machen. Keine Chance, war die Antwort von fast allen.

Martina Sieber gibt es trotzdem. Weil sie einen Arbeitgeber hat, der auf ihre Führungskompetenzen nicht verzichten will. Und weil sie organisieren kann. Deswegen schaffte sie es vor fünf Jahren beim IT-Unternehmen IBM Börsen-Chart zeigen Abteilungsleiterin zu werden, obwohl sie damals nur 25 Stunden pro Woche arbeitete.

16 Mitarbeiter hat Sieber im Entwicklungszentrum in Böblingen unter sich. Als sie den Chefposten übernahm, arbeitete sie jeden Tag, jedoch nur vormittags. "Gibt es nachmittags ein Problem, weiß mein Team, dass ich am nächsten Morgen wieder da bin." Im Notfall ist sie per Handy erreichbar. Heute hat sie ihre Stundenzahl auf 32 erhöht, nur Donnerstag- und Freitagnachmittag ist sie nicht im Büro.

"Wenn man in Teilzeit führt", sagt Sieber, "muss man seine Maßstäbe verschieben. Zu Hause und im Job." Man dürfe nicht erwarten, dass das Wohnzimmer immer perfekt aufgeräumt ist. "Und im Büro kann man nicht mehr in jede Besprechung gehen. Man muss klar Prioritäten setzen." Sie habe einige Zeit gebraucht, um zu akzeptieren, dass man in Teilzeit nicht alles schafft, was man in Vollzeit erledigt hat. "Da muss man an seinen eigenen Ansprüchen arbeiten."

Aktuelle Zahlen, wie viele Führungskräfte in Deutschland Teilzeit arbeiten, fehlen. 2004 waren es laut Statistischem Bundesamt 14 Prozent der weiblichen Chefs und 2 Prozent bei den Männern. Fest steht, dass der Wunsch, weniger Stunden zu arbeiten, kein rein weiblicher ist. Nach einer Befragung des Verbands "Die Führungskräfte", würden 40 Prozent der Menschen in Leitungspositionen gerne in Teilzeit arbeiten.

Der Kampf um die besten Leute

Dass Wunsch und Wirklichkeit so weit auseinanderliegen, heißt laut Andreas Hoff nicht, dass es nicht möglich ist, in Teilzeit zu führen. "Die eigentliche Führungsarbeit nimmt meist nur 20 bis 30 Prozent der Arbeitszeit in Anspruch", sagt Hoff. "Und viele Führungskräfte reisen oft, sind also auch nicht permanent für die Mitarbeiter verfügbar."

Hoff gründete in den 80er Jahren die erste deutsche Arbeitszeitberatung. Auch wenn Work-Life-Balance seither viel diskutiert wurde, geändert habe sich in der Mentalität wenig. "Männer arbeiten, wenn sie Familie bekommen haben, mehr als vorher. Wer Teilzeit arbeitet, gilt immer noch als Exot." Dabei täten die Firmen gut daran, auch Führungskräften flexible Arbeitszeitmodelle anzubieten. "Unter dem Führungsnachwuchs ist das ein Topthema. Das Unternehmen profitiert zudem, wenn junge Mütter und Väter so schneller wieder in den Job einsteigen können." Außerdem habe man mit Teilzeitangeboten einen Wettbewerbsvorteil im Kampf um die besten Leute.

Allerdings kann der Schuss auch nach hinten losgehen. Nicht selten beklagen sich die verbliebenen Vollzeitmitarbeiter, den Job ihrer Führungskraft in Teilzeit zu einem erheblichen Teil mitmachen zu müssen. Konferenzen werden für sie vorbereitet, Entscheidungen müssen mühsamer als sonst eingeholt werden. Und wenn plötzlich Mehrarbeit anfällt, weil beispielsweise ein unerwarteter Konkurrent in einem Bieterwettbewerb auftaucht, müssen in vielen Unternehmen die Vollzeitkräfte als Feuerwehr einspringen. Das sorgt bisweilen für Frust in Teams, deren Chefin oder Chef nur halbtags anwesend ist.

Zudem beginnt nicht selten auch die interne Hierarchie in den jeweiligen Abteilungen zu wackeln. Ist die Chefin oder der Chef nur den halben Tag an Bord und somit auch nur an der Hälfte des Tagesgeschehens beteiligt, werden die Vorgesetzten in Teilzeit nicht immer für voll genommen. Das kann zusätzliche Probleme im Arbeitsablauf mit sich bringen.

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