Maschmeyer Rürup AG Die Weltverrenter

Carsten Maschmeyer und Bert Rürup sind das schillerndste Duo der deutschen Wirtschaft. Der Ex-AWD-Chef und der Ex-Wirtschaftsweise wollen mit ihrer Beraterfirma das deutsche Rentenkonzept als Blaupause gewinnbringend ins Ausland verkaufen - von der Türkei über Russland bis nach China.
Rentenkonzepte für die Welt: Carsten Maschmeyer und Bert Rürup

Rentenkonzepte für die Welt: Carsten Maschmeyer und Bert Rürup

Foto: MaschmeyerRürup AG

Hannover/Frankfurt am Main - Von seinem Schreibtisch im Frankfurter Westend aus blickt Bert Rürup auf die großen Bankentürme der Innenstadt. Der Ex-Wirtschaftsweise, Ex-AWD-Chefökonom und emeritierte Wirtschaftsprofessor hat die Architektur der Geldmaschinen Frankfurts im Visier, wenn er darüber nachdenkt, wo für einen Rentenexperten die großen Geschäfte warten. Und da verlängert sich die Ost-West-Achse der Bockenheimer Landstraße gedanklich schnell ein paar Tausend Kilometer weiter gen Osten, in die Türkei, nach Russland, nach China. Das sind die Arbeitsfelder der Maschmeyer Rürup AG, die sich als Edelboutique für Gesundheits- und Rentenberatung versteht.

Zusammen mit dem Ex-AWD-Chef Carsten Maschmeyer will Rürup sein für Deutschland entwickeltes Rentenkonzept zum Exportschlager machen. "Im Ausland wird die deutsche Politik höher eingeschätzt als im Inland", meint er, "damit muss man leben können. Die deutsche Altersvorsorgepolitik der jüngsten Vergangenheit ist für viele eine Blaupause, wie man ein Rentensystem umbauen und es nachhaltiger machen kann." Nicht zuletzt, meint Rürup, wegen der "strikten staatlichen Regulierung": "Was man vorher nicht selten als die Rendite senkende Überregulierung angesehen hat, gilt nunmehr als intelligent und vorbildlich."

Dass unter seinem Namen in Deutschland auch etliche Produkte von mehr als zweifelhaftem Wert vertrieben werden und Verbraucherzentralen auch aktuell regelmäßig Riester- und Rürup-Rentenangebote als viel zu teuer kritisieren, ficht Rürup nicht an. "Ich bin nicht für jedes einzelne Angebot verantwortlich", sagt er, "ich bin für die Produktidee verantwortlich, und diese Idee war und ist richtig, und man könnte sie sogar noch weiterentwickeln. Dass es teure Angebote gibt, ist unstrittig, aber kein Argument gegen die Produktidee."

Natürlich, schränkt er ein, ließe sich das deutsche Rentenkonzept nicht eins zu eins auf andere Staaten übertragen. Deshalb muss auch kräftig beraten werden. Zu Maschmeyers und Rürups Kunden sollen Regierungen zählen, aber vor allem auch Versicherungsgesellschaften, die passende Produkte zu den politisch gewollten Modellen entwickeln wollen.

Ein einmaliges Netzwerk

"Ergo hat versucht, in die Türkei zu gehen, und ist dabei gescheitert, weil wohl einige politische beziehungsweise aufsichtsrechtliche Hürden nicht hinreichend berücksichtigt wurden", sagt er. "Auch in China sind viele europäische Versicherungen im Bereich der Altersvorsorge nicht sonderlich erfolgreich." China bräuchte außerdem ein vernünftiges Gesundheitssystem, und auch da wolle man helfen.

Anders als beim Finanzdienstleister AWD wollen Maschmeyer und Rürup keine Finanzprodukte mehr verkaufen, sondern ausschließlich Ideen. "Wir bieten exklusive High-Level-Beratung für Vorstände von Banken und Versicherungen sowie für Regierungsstellen. Was wir an vertrieblichem Know-how, an ökonomischer Expertise und an Netzwerkstrukturen in die Wirtschaft und in den politischen Bereich einbringen, ist ziemlich einmalig", findet Maschmeyer.

Man muss nur die Gästeliste für Maschmeyers 51. Geburtstag im Mai überfliegen, um zu verstehen, was er meint. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, selbst ein Meister des Netzwerkens, war da, Christian Wulff, die Minister Ursula von der Leyen und Philipp Rösler. Die Eröffnungsrede für das Frankfurter Büro der Maschmeyer Rürup AG, in dem Bert Rürup sitzt, hielt Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher. In Hannover residiert Maschmeyer in einer noblen Villa, die Gästen schon beim Betreten des Foyers zeigt, wie sehr es hier einer geschafft hat.

Im Aufsichtsrat sitzen Leute wie der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg, der ehemalige Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller und der Ex-Allianz-Vorstand Hansjörg Cramer. Als einer der zwölf Berater, mit denen das Unternehmen bis auf Weiteres auskommen will, fungiert Rentenexperte Walter Riester - alles Leute mit exzellenten Kontakten. Die Schröder-Connection kann vor allem in Russland viele Türen öffnen. Derzeit laufen Aufträge in Tschechien, wo gerade eine Reform des Alterssicherungssystems ansteht, in China und in der Türkei. Auch Indien soll ein Schwerpunkt werden.

Rürup: "Maschmeyer kann Märkte riechen"

Dass in der privaten Altersvorsorge viel Geld für die Leute steckt, die sie entwickeln und an den Mann bringen, hat das deutsche Modell jedenfalls überzeugend gezeigt. Eine "sprudelnde Ölquelle" sei dieses Geschäftsfeld, hatte Maschmeyer vor einigen Jahren gesagt - mittlerweile laufen allein mehr als 13,6 Millionen Riester-Verträge in Deutschland, an denen die Finanzvertriebe kräftig verdient haben.

"Die Vorsorgemärkte in Deutschland sind noch keineswegs gesättigt", sagt Maschmeyer, "allerdings wird der Wettbewerb hier zunehmend härter. Die Bevölkerung wird mittelfristig zurückgehen und vor allem älter werden. Und bei älteren Menschen ist der Planungshorizont kürzer als bei jüngeren - mit der Folge, dass es perspektivisch schwieriger wird, Rentenprodukte zu vertreiben."

Im Ausland dagegen ist der Markt noch jung und frisch. "Es mag sich vermessen anhören, aber wir haben schon vor, ein bisschen Finanzgeschichte zu schreiben nach dem Motto 'Bei der Neuorganisation der Altersvorsorge in China haben wir mitgemacht' oder 'Wir waren ein Geburtshelfer bei einer Art Riester-Rente in der Türkei'", erklärt Maschmeyer. Die Aufgabenverteilung ist dabei klar: Vertriebspapst Maschmeyer soll für die Auftraggeber Vorschläge zum Aufbau der Vertriebsstruktur, zur Mitarbeitermotivation und zu Vergütungsstrukturen ausarbeiten, Rürup die Produkte selbst entwickeln.

Fragt man den emeritierten Wirtschaftsprofessor Rürup, wie die Zusammenarbeit mit dem extrovertierten Jetsetter Maschmeyer klappt, bei so unterschiedlichen Charakteren, zeigt er seine Visitenkarte und fragt, was einem daran auffalle. Er freut sich, wenn man nicht gleich darauf kommt. Winzige Feinheiten in der Typografie sollen transportieren, wie gut er und Maschmeyer sich ergänzen.

Der kühle Rechner und der mitreißende Charismatiker

"Carsten Maschmeyer hat eine sehr hohe emotionale Intelligenz, und er kann Märkte riechen", erklärt Rürup, "ich bin mehr der kühle, strukturiert denkende Analytiker und weniger ein Bauchmensch. Wenn Sie sich die Visitenkarte ansehen, kommt dieser Unterschied im Schriftbild zum Ausdruck. Der Name Maschmeyer ist in einer Serifenschrift gesetzt und der Name Rürup in einer sehr technischen Type."

Der kühle Rechner Rürup und der mitreißende Charismatiker Maschmeyer - so sieht sich das Duo. Allerdings legt Maschmeyer selbst Wert auf eine gewisse Konsolidierung seines Images: "Ich habe ein enges freundschaftliches Verhältnis zu Gerhard Schröder. Vor ein paar Jahren hat er mich einmal beiseite genommen und gesagt: 'Du bist jetzt an einer Weggabelung und musst dich entscheiden, ob du ein schillernder Lebemann oder ein seriöser Finanzunternehmer und Finanzberater werden willst.' Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden."

Das Logo seiner neuen Firma ist allerdings ungewollt ambivalent. Der Delfin soll laut Werbebroschüre "Symbol für einen intelligenten, aufgeschlossenen, anpassungsfähigen und dynamischen Freund des Menschen" sein. Bei Wikipedia liest man hingegen: "Delfine sind schnelle Raubtiere, die ihre Beute aktiv jagen."

Seinen Jagdinstinkt hat Maschmeyer jedenfalls nicht verloren. Nachdem ihm Finanzkrise und Swiss Life einen Strich durch den Plan gemacht haben, mit AWD den weltgrößen Finanzdienstleister auf die Beine zu stellen, will er jetzt weltweit mit der wendigen kleinen Maschmeyer Rürup AG ein großes Rad drehen.

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