Lufthansa-AR-Chef Weber Ein Anflug von Politikerschelte

Als "menschlicher Realist" wurde Jürgen Weber auf der Veranstaltung des Kreises deutschsprachiger Führungskräfte in Barcelona angekündigt. Mit dabei - Mitglieder der manager-lounge. Sie erfuhren, wo Weber die Zukunft der Luftfahrt sieht.
Von Arne Gottschalck
Hoffnungsträger startet durch: Technisch ist der Airbus A380 ein Meilenstein. Aber auch für die Airlines? Oder sorgen Politiker für erhebliche Turbulenzen?

Hoffnungsträger startet durch: Technisch ist der Airbus A380 ein Meilenstein. Aber auch für die Airlines? Oder sorgen Politiker für erhebliche Turbulenzen?

Foto: Airbus Operations Gmbh/ dpa

Grün der Anzug, dezent die Krawatte, süddeutsch der Zungenschlag - Jürgen Weber wirkt bodenständig, als er das niedrige Podium im sechzehnten Stock des Hotels Princessa Sofia, hoch über denn Dächern von Barcelona, betritt. Dabei ist er seit 2003 Aufsichtsratschef der Lufthansa. Und seine Leidenschaft für die Fliegerei verteidigt er wie zu Zeiten als Vorstand des Unternehmens - auch gegen Politiker.

Es fehle der Nachdruck, sagt Weber. Und spricht über die geplante Abgabe auf Flugtickets. Ein "unglaublicher Vorgang." Auch Lufthansa-Vorstand Wolfgang Mayrhuber stieß auf einer Manager-Tagung im Juni in das gleiche Horn. Die Regierung wolle sparen und präsentiert eine "Ticketsteuer", sagt Weber - "und das nennt sich Sparprogramm." Für spritsparende Technik müsse man aber investieren können. Der A380, sagt Weber, und fast klingt es, als käme der ansonsten nüchtern wirkende Ingenieur ins Schwärmen, der A380 habe einen Verbrauch von 3 Liter pro Kopf und 100 Kilometer. Er sorgt also für eine verbesserte Ökobilanz. Und Weber geht davon aus, dass zum Beispiel neue Triebwerke für zehn Prozent Treibstoffersparnis gut seien. Ein Siegel als "Bioprodukt", räumt aber auch er ein, werde sich die Luftfahrt nie aufkleben können.

Es sei eben alles "sehr politisch geworden", zuckt er mit den Schultern. So mancher hätte die Luftfahrt als Sündenbock ausgemacht, um sich dann als Heilsbringer darzustellen. "Immer neue Knüppel zwischen die Beine", so sein Fazit. Beispiel Aschewolke und das rigide Eingreifen der deutschen Politik rund 200 Millionen Euro hat es Lufthansa gekostet. Beispiel Flugsicherung: Das Schleifenfliegen kostet so viel Sprit, dass man davon elf Flüge von New York nach Frankfurt fliegen lassen könnte (...) , sagt Weber.

Dazu kommen die Überkapazitäten der Airlines. Umso wichtiger ist die Diversifikation der Unternehmen. Weg vom reinen Passagier-Carrier, hin zum umfassenden Anbieter. Für diese Erkenntnis, blickt er zurück, sei er als Vorstand von "so genannten Analysten" angegriffen worden. Die hätten lieber die Geschichte "Zurück ins Kerngeschäft" gehört. Heute aber ist beispielsweise die Instandsetzung ein wichtiger Geschäftsbestandteil. In Peking werde so etwas zu einem Drittel der europäischen Kosten gemacht. Weber nennt das einen "Explosionspunkt" für Europa.

Finanzexperten urteilen daher: "Die Luftfahrtindustrie ist eine außergewöhnliche Branche, die mit keiner anderen vergleichbar ist", sagt Eric Heymann von der Deutschen Bank. Zum Beispiel mit Blick auf die Zahl der Konkurrenten. Rund 1000 Fluglinien ringen um jeden einzelnen Kunden. Eine Entspannung dieses Wettbewerbs ist nicht in Sicht. "Der Irrsinn setzt sich fort, solange Regierungen noch die schützende Hand über ihre Airlines halten und massive Überkapazitäten nicht zu Marktbereinigungen führen", formulierte man bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little bereits vor Jahren. Doch zurück nach Barcelona.

Unter dem Strich habe die Gesamtindustrie daher kein Geld verdient, sagt Weber. "Eine Miliarde Ticketsteuer pro Jahr, das wäre der Gesamtverdienst aller deutschen Airlines in einem guten Geschäftsjahr." Die Zahlen der Internationalen Luftfahrtverband IATA weisen in die gleiche Richtung. Für das Jahr 2010 rechnet man damit, dass die Branche einen Verlust von 5,6 Milliarden Dollar einfährt.

Eine ganze Industrie mit dem Rücken zur Wand? Fast klingt es so. Vielleicht ist es auch der inzwischen gängigen Selbstdarstellung großer Unternehmen geschuldet, überdeutlich auf ihre Probleme hinzuweisen, aber auch auf die eigene volkswirtschaftliche Bedeutung - siehe Banken. Auch Weber versäumt diesen Fingerzeig Richtung Politik nicht. Immerhin arbeiteten weltweit 32 Millionen Menschen für die Luftfahrtbranche. Und sie erwirtschafte rund 8 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts.

"Ohne Flugzeuge, die Welt wäre ärmer", so sein Credo. Denn 40 Prozent des Exports gehe als Luftfracht um die Welt. Weil deutsche Güter teuer seien, empfindlich und eilig. Dem Frachtsegment misst Weber daher einige Bedeutung zu. Zum Beispiel als Frühindikator. Ähnlich wie der Baltic Dry Index, der die Intensität des Schiffsverkehrs misst, gilt das Aufkommen der Luftfracht als Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung mit einem Vorlauf von sechs bis neun Monaten.

Trotz allem, die Fliegerei, sie fasziniert den Chefaufseher des Unternehmens noch immer spürbar. Wäre nicht Alberto Undiano gewesen, Weber hätte sicherlich gern mehr erzählt. Doch der Spanier pfiff das Fussbpiel Deutschland gegen Serbien an.

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