Mittwoch, 18. September 2019

Deutsche Unternehmer in Spanien "No pasa nada"

Albert Peters: Wirtschaftsprüfer und Steuerberater bei Rödl & Partner in Barcelona sowie Präsident der Kreises deutschsprachiger Führungskräfte - auf spanisch übrigens Circulo Directivos de habla Alemana

Mitten im krisengeschüttelten Spanien sitzt der Kreis deutschsprachiger Führungskräfte, feiert 30-jähriges Bestehen und hat das Ohr der deutschen Spitzenpolitiker. Wie tief die Krise Spanien getroffen hat und wie wichtig deutsche Unternehmen vor Ort sind, erklärt Verbandspräsident Albert Peters im Gespräch mit manager magazin.

mm: Herr Peters, Sie vertreten als Präsident der Kreises deutschsprachiger Führungskräfte (KDF) die Interessen deutscher Unternehmen in Spanien. Wie ist denn die Stimmung der Deutschen in Spanien?

Peters: Schwierig, schwierig. Sehen Sie, der Arbeitsmarkt in Spanien ist weitaus reglementierter als es gerade in Deutschland gedacht wird. Ein Beispiel: Man muss den Arbeitnehmern bei einer Kündigung 45 Tage den Lohn fortzahlen, pro Jahr Betriebszugehörigkeit. Das ist zwar jetzt gelockert worden, aber immer noch nicht ausreichend, um von einer Flexibilität am Arbeitsmarkt zu sprechen.

mm: Spanien krankt aber an ernsteren Problemen, oder?

Peters: Ja, die spanische Wirtschaft steht auf drei Säulen, dem Immobilienbereich mit seinen Bau- und Nebengewerben, dem Tourismus und der Autoindustrie. Zusammen machen diese drei Bereiche rund 60 bis 65 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts aus. Und alle drei haben in der Krise massiv gelitten. 800.000 Wohnungen stehen im Land leer. Und die Kaufkraft fehlt, was sich wiederum in den Absatzzahlen zum Beispiel bei Seat niederschlägt. Und die Bevölkerung ist desillusioniert. Der Regierung traut man nicht zu, die Probleme zu lösen; der Opposition auch nicht. Also lebt man nach dem Prinzip "no pasa nada", irgendwie geht das Leben schon weiter.

mm: Hier in Barcelona wimmeln die Geschäfte nur so vor einkaufslustigen Menschen. Ist es wirklich so schlimm?

Peters: Ja. In Barcelona oder Madrid sieht man die Krise tatsächlich nicht, die findet sich 20 Kilometer außerhalb, wo zum Beispiel die Werke von Seat und den Chemieunternehmen stehen. Die großen Städte sind vom Dienstleistungssektor geprägt - und der leidet nicht so sehr unter der Krise wie der produzierende Bereich.

mm: Wie stark sind die Deutschen eigentlich in Spanien?

Peters: Deutschland hat hierzulande einen guten Ruf. Und deutsche Unternehmen erwirtschaften immerhin fast 13 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts.

mm: Was wünschen sich Ihre Mitglieder im fernen Spanien von deutschen Politikern?

Peters: Parteiübergreifendes Handeln, billiges Kapital für Unternehmen und eine Senkung der Abgabenlast. In Krisenzeiten den nationalen Haushalt aufzublähen, das geht nicht. Und die Stoiber-Kommission …

mm: … dem Abbau der Bürokratie verpflichtet …

Peters: … soll endlich Ergebnisse vorlegen.

mm: In Deutschland soll gespart werden, wie geht Spanien die Krise an?

Peters: Die Regierung greift zwecks Haushaltskonsolidierung zu drastischen Mitteln. Und die Gewerkschaften laufen Sturm dagegen, es gab schon Generalstreik im öffentlichen Dienst, und für den 29. September ist ein Generalstreik für das ganze Land geplant. Der erste nach vielen Jahren.

mm: Um die Haushalte in den Griff zu bekommen, sollen zum Beispiel in Deutschland Banken oder auch Fluglinien mit Sonderabgaben belastet werden. Was halten Ihre Mitglieder von solchen Ideen?

Peters: Das schlägt doch nur auf den Endverbraucher durch. Sei es bei dem Tourismus oder den Banken, es fehlt einfach die große Lösung, die länderübergreifende Lösung. Wir müssen bereit sein, Kosten, die in Boom-Zeiten durchaus denkbar waren, in Krisenzeiten infrage zu stellen. Aber welcher Politiker ist dazu schon bereit, wenn - wie auch hier in Spanien - alle fünf bis sechs Monate in irgendeiner Region Wahlen anstehen.

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