Lufthansa-Chef Mayrhuber Europa hat starke Marken

Es werde zuviel über Euro-Probleme gesprochen und zu wenig über die Stärken des europäischen Wirtschaftsmodells, meint Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber. Im Interview anlässlich der ESMT-Jahrestagung betont er die Stärke europäischer Konzerne. Hohe Kosten, so Mayrhuber, hätten eben auch ihr Positives.
Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber: "Europäer können mit technologischen Lösungen einen besseren Beitrag bieten als mit immer strikterer Regulierung"

Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber: "Europäer können mit technologischen Lösungen einen besseren Beitrag bieten als mit immer strikterer Regulierung"

Foto: ddp

mm: Herr Mayrhuber, zu Beginn der Finanzkrise wurde häufig das europäische Modell gepriesen, das dem angelsächsichen angeblich überlegen sein soll. Gibt es das eigentlich - ein europäisches Modell des Wirtschaftens?

Wolfgang Mayrhuber: Sofern damit ein nachhaltiges Wirtschaften gemeint ist, dann stimme ich dem zu - Nachhaltigkeit in einem klassischen Sinne: dem Unternehmen das dauerhafte Überleben zu sichern. Wir arbeiten hart daran, uns gegen Krisen aller Art zu wappnen und haben überall Risikopuffer eingebaut, so dass wir in einem Umfeld bestehen können, das erheblich instabiler geworden ist als früher.

mm: Und diese Art des Wirtschaftens ist spezifisch europäisch?

Mayrhuber: Vielleicht ist diese Form von Nachhaltigkeit in der Tat spezifisch europäisch. Jedenfalls sind kontinentaleuropäische Firmen traditionell solide finanziert und langfristig ausgerichtet. Auch deshalb haben viele europäische Firmen die Krise vergleichsweise gut überstanden.

mm: Würden Sie Lufthansa in diesem Sinne als ein europäisches Unternehmen bezeichnen?

Mayrhuber: Ja. Allerdings sind wir inzwischen ein globales Unternehmen, das den größten Teil seiner Wertschöpfung in Europa erzielt. Wir sind zwar in Deutschland gegründet, aber unser Heimatmarkt ist jetzt Europa. Und unser Wachstumsmarkt ist die Welt.

mm: Das europäische Wirtschaftsmodell bedeutet ja auch: hohe Steuern und Abgaben, hohe Löhne, hohe Sozialabgaben. Überlebt dieses Modell die fortschreitende Globalisierung?

Mayrhuber: Ja, das denke ich schon. Aus Sicht eine europäischen Unternehmens muss es vor allem darum gehen, im globalen Produktivitäts- und Qualitätswettbewerb eine führende Rolle zu haben. Das gelingt Unternehmen, die qualifizierte, motivierte Mitarbeiter haben, die selbständig arbeiten können, so dass Sie im Idealfall keine allzu großen Overhead-Kosten haben. Zweitens braucht man höchstmögliche Flexibilität in allen Abläufen. Wenn man im globalen Maßstab hohe Kosten hat, braucht man hohe Flexibilität, so dass man die eigenen Ressourcen bestmöglich einsetzen kann. In Deutschland gelingt uns das gut, weil wir sehr flexible Tarfiverträge aushandeln können.

mm: Kosten spielen eine untergeordnete Rolle?

Mayrhuber: Natürlich würden wir gern unsere Kosten senken, sicher. Aber die europäischen Spielregeln lauten nun mal: Effizienz steigern, hohe Qualität liefern. Und das gelingt vielen Unternehmen in Europa und gerade in Deutschland so gut, dass sie daraus weltweite Wettbewerbsvorteile ziehen. Das ist auch der Kern unserer Marken: Die Kunden weltweit erwarten von uns keine niedrigen Preise, sondern höchste Qualität. Und daran arbeiten wir ständig.

"Flugbenzinabgabe nicht ökologisch sinnvoll"

mm: Dennoch wird Europa inzwischen von vielen abgeschrieben. Sind wir auf dem absteigenden Ast?

Mayrhuber: Europa hat starke Marken, gute Produkte, die wir weltweit exportieren können. Das sind für mich nun wirklich keine Anzeichen einer chronischen Schwäche. Was wir derzeit sehen - die Volatilität des Euro, die finanziellen Probleme einzelner Staaten -, stellt Europa in ein schlechtes Licht. Wir müssen diese Probleme lösen. Ich würde die Lage aber nicht dramatisieren: Die derzeitigen Ereignisse sind eine Folge der Finanzkrise, die ja die Staaten auffangen mussten und die deshalb nun erhöhte Schuldenlasten zu tragen haben. Ich hoffe sehr, dass wir diese Phase unbeschadet überstehen und die Finanzmärkte sich wieder beruhigen.

mm: Brauchen wir einen europäischen Superstaat, um den Euro zu retten?

Mayrhuber: Nein. Das halte ich weder für realistisch noch für wünschenswert.

mm: People, Planet, Profit - das ist das Motto des ESMT Annual Forum 2010. Können diese drei Ziele für die Wirtschaft und die Wirtschaftspolitik Lösungsansätze für Europa bieten?

Mayrhuber: Was hat Europa in der Vergangenheit stark gemacht? Wir waren ein Solution Provider - ein Anbieter von Lösungen. Aber im Zuge der andauernden Finanzkrise wird fast nur noch über Probleme geredet. In der Tat, es gibt Probleme, gerade was die Staatsfinanzen angeht. Aber wir sollten lieber nach Lösungen suchen, als uns in Problembeschreibungen und Dramatisierungen zu ergehen. Ein Ansatz, der die drei Dimensionen "People, Planet, Profit" zusammenbringt, ist das Thema Nachhaltigkeit. Da sollten gerade wir Deutschen technologische Lösungen anbieten - die sich in alle Welt exportieren lassen. Damit können wir einen viel größeren Beitrag leisten als mit immer strikterer Regulierung.

mm: Sie spielen auf die Flugbenzinabgabe an, die Teil des Sparpakets der Bundesregierung ist und die jährliche Einnahmen von einer Milliarde Euro bringen soll?

Mayrhuber: Wir verschließen uns gar nicht der Notwendigkeit, unseren Beitrag zu leisten, aber diese Abgabe lehne ich in dieser Form natürlich ab. Dass sie als "ökologisch" verkauft wird, ist schlicht unsinnig. Und sie setzt die falschen Anreize: In den Niederlanden hat man sie nach einem Jahr wieder abgeschafft, weil die Passagiere auf Flughäfen ausgewichen sind, wo es die Abgabe nicht gab. Der wirtschaftliche Schaden war am Ende deutlich höher, als der Nutzen.

mm: Dennoch: Wenn der Staat den Ressourcenverbrauch besteuert, werden doch Anreize gesetzt, Energie zu sparen und die Emissionen zu vermindern.

Mayrhuber: Soweit die Theorie. In der Praxis haben aber alle Airlines schon selbst das größte Interesse daran, möglichst viel Treibstoff einzusparen - einfach weil dadurch unsere Kosten sinken. Der Wettbewerb setzt also schon von allein die richtigen Anreize. Und wenn jetzt durch eine Abgabe der Industrie Mittel entzogen werden, dann führt das vor allem dazu, dass weniger Geld in umweltfreundliche Technologien, Flugzeuge, Triebwerke investiert werden kann. Deshalb ist das Ganze kontraproduktiv und bestimmt nicht ökologisch sinnvoll.

Das Interview führte Henrik Müller
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