Mittwoch, 23. Oktober 2019

Wachstum Höhere Löhne bieten Chancen für China

Chinas Fabrikarbeiter setzen höhere Löhne durch - dennoch bleiben die Arbeitskosten extrem niedrig. Aus Angst vor sozialen Unruhen gibt sich Peking gesprächsbereit: Eine langsame Abkehr von Niedriglöhnen eröffnet der Volksrepublik zudem die Chance auf ein stabileres Wachstumsmodell.

Peking - Streiks und Unzufriedenheit unter Wanderarbeitern zwingen Arbeitgeber in China, höhere Löhne zu zahlen. Diese Kostensteigerungen werden aber nicht zwangsläufig auf die Preise der exportierten Waren durchschlagen: Die Arbeitskosten machen je nach Produkt meist nur 5 bis 10 Prozent aus. Dass Waren "Made in China" wie etwa Handys oder Computer für Kunden in Europa deutlich teurer werden, ist daher unwahrscheinlich.

Selbst nach Lohnzuschlägen von 20 bis 30 Prozent können die Billiglöhne in China weiterhin als ausbeuterisch gelten. Vielfach werden Lohnzuschläge auch durch höhere Produktivität aufgefangen. Experten rechnen - mit wenigen Ausnahmen höchst arbeitsintensiver Industrien - auch nicht mit einer Abwanderung von Fabriken in andere Länder, sondern eher in ärmere Regionen Chinas, wo weiterhin niedrige Löhne gezahlt werden können.

Dass Fabrikarbeiter künftig mehr verdienen, wird Chinas Wirtschaft aber helfen, sich von seiner Exportabhängigkeit zu befreien. Der strukturelle Wandel auf Chinas Arbeitsmarkt "sollte begrüßt werden", sagte der China-Ökonom Ben Simpfendorfer von der Royal Bank of Scotland. "Arbeit ist in China und im Rest von Asien zu billig, was es erschwert, zu einem Wachstumsmodell zu wechseln, das vom Verbrauch angetrieben wird."

Ein besseres Verhältnis von Gewinnen und Löhnen zur Wirtschaftsleistung sei eine notwendige Voraussetzung, um die heimische Nachfrage anzukurbeln, argumentiert Simpfendorfer.

Streiks bei Foxconn ermutigen Wanderarbeiter

Die Streiks beim japanischen Autohersteller Honda und die kräftigen Lohnzuschläge nach den Selbstmorden beim weltgrößten Elektrohersteller Foxconn ermutigen Arbeiter in anderen Fabriken, ebenfalls höhere Löhne einzufordern. Angesichts der Verbitterung unter vielen Wanderarbeitern, die keine Zukunft für sich sehen, signalisierte Regierungschef Wen Jiabao seine Sympathien.

"Wanderarbeiter müssen Fürsorge finden, geschützt und respektiert werden - insbesondere die jüngere Generation unter ihnen", sagte der Ministerpräsident.

Das Politbüro ist alarmiert und fürchtet den Aufstieg einer Arbeiterbewegung wie einst in Polen, was die Macht der Kommunistischen Partei untergraben könnte. Streikende Arbeiter in China sind heute bestens organisiert, kennen ihre Rechte, verständigen sich über Handys und Kurznachrichten und wissen aus dem Internet, wie viel ein Kollege in Japan verdient.

Pekings Angst vor Unruhen - Gewerkschaftsbund wird aufgescheucht

Aus Sorge vor Unruhen hat die Regierung nach unbestätigten Berichten die Sicherheitskräfte in Südchina verstärkt und in Bereitschaft versetzt. Auch erhöhten rund zwei Dutzend Provinzen und Großstädte ihre Mindestlöhne um bis zu 28 Prozent. Doch liegen sie damit immer noch bei maximal 1200 Yuan, umgerechnet gerade einmal 143 Euro.

Der verschlafene offizielle Gewerkschaftsverband, der eher auf der Seite der Unternehmer und Behörden steht, wurde aufgescheucht, sich endlich um die Sorgen der Arbeitnehmer zu kümmern.

Dabei waren Chinas Wanderarbeiter bisher eher ein Faktor für soziale Stabilität. Bei dem wirtschaftlichen Einbruch Anfang 2009 durch die globale Krise gab es keineswegs Massenarbeitslosigkeit. Denn die Wanderarbeiter zogen sich in die soziale Sicherheit ihrer Dörfer zurück, bis die Wirtschaft wieder an Schwung gewann und erneut Arbeitskräfte brauchte.

So hält das Schweizer Investmenthaus UBS die Sorgen über einen Mangel an Arbeitskräften, ein angebliches Ende der niedrigen Löhne und damit auch des chinesischen Wirtschaftswunders für "weit übertrieben". Der Druck auf die Löhne reflektiere gestiegene Lebenshaltungskosten. Kurzfristig dürften die Gewinne schrumpfen, doch der Inflationsdruck halte sich in Grenzen. Die erwarteten demografischen Veränderungen mit einem Rückgang junger Wanderarbeiter dürften sich erst mittelfristig auswirken. Überhaupt seien zweistellige Lohnzuwächse in einer schnell wachsenden Volkswirtschaft wie in China nicht ungewöhnlich.

"Lohnzulagen sind für die Wirtschaft insgesamt von Vorteil", heißt es in einer UBS-Analyse. "Der Zuwachs hilft, die Einkommen der Haushalte insgesamt zu steigern und den Konsum anzukurbeln." Diese Entwicklung passe zum erklärten Ziel der Regierung, die chinesische Wirtschaft besser auszubalancieren. Höhere Bezüge besonders für schlecht verdienende Arbeiter dienten auch dazu, "die Einkommenskluft und die sozialen Spannungen zu verringern".

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