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Chronologie: Das Öldrama im Golf von Mexiko

Foto: REUTERS/ U.S. Coast Guard

Ölkatastrophe Großbritannien zittert um BP

An den Märkten sind BP-Aktien zu Zockerpapieren geworden, Spekulanten wetten auf den Untergang des Ölkonzerns. Auf dem Spiel steht ein entscheidender Teil der britischen Wirtschaft. Die verbalen Ohrfeigen des US-Präsidenten verängstigen deshalb eine ganze Nation. Im US-Kongress kommt es zum Showdown.

Hamburg - Der erbitterte Streit zwischen US-Präsident Barack Obama und Großbritanniens Premierminister David Cameron um die Folgen der Ölpest im Golf von Mexiko hat zuletzt eine bizarre Note erhalten. Aufs Schärfste hatte sich London darüber erregt, dass Obama nicht von "BP" als dem Verursacher der Katastrophe sprach, sondern von "British Petroleum". Getreu seiner internationalen Ausrichtung führt das Unternehmen seit 1998 nur noch die beiden Initialen als Firmenname.

Dennoch lag Obama nicht wirklich falsch, als er die nationale Karte zog. Warf die Auseinandersetzung doch ein Schlaglicht auf die Befindlichkeiten, die der Fall BP in Großbritannien mittlerweile auslöst. Das Land spürt die Gefahr, dass es als Ganzes ein Stück weit mit in den Abwärtsstrudel geraten könnte, in den der Ölkonzern geraten ist. Dessen Aktie hat inzwischen 50 Prozent ihres Wertes verloren und ist im Wesentlichen ein Spielball zwischen US-Politik und Gerichten geworden.

Verängstigt blicken die Briten nun nach Washington. Dort hat Obama hat BP-Aufsichtsratsvorsitzenden Carl-Henric Svanberg für Mittwoch ins Weiße Haus zitiert, BP-Chef Tony Hayward und seine Topmanager müssen sich mehrmals vor Ausschüssen des US-Kongresses gegen schwere Vorwürfe wehren.

Den Vorsitzenden der Gremien zufolge hat BP aus Kosten- und Zeitdruck fünf hochriskante Entscheidungen getroffen, die am 20. April die Explosion auf der Bohrinsel "Deepwater Horizon" auslösten. Seitdem sprudeln täglich Tausende Tonnen Rohöl ins Meer.

Im Vorfeld der Gespräche hat Obama den Briten in seiner TV-Rede zur Nation bereits "Rücksichtslosigkeit" vorgeworfen und sich in einem früheren Statement gewünscht, den Verantwortlichen "in den Hintern" treten zu können. Auf dem heutigen Treffen mit der BP-Führung dürfte Obama fordern, Milliarden Dollar zur Beseitigung der Schäden durch das Ölunglück im Golf von Mexiko bereitzustellen.

Umsatz von BP toppt Bruttoinlandsprodukt von Portugal

Solche Worte nehmen die Briten inzwischen als nationale Bedrohung wahr, geht es für sie doch um viel. Denn obwohl BP den Namen geändert hat, steht und fällt ein Gutteil der britischen Wirtschaftsleistung mit dem Erfolg von BP, dem größten Konzern des Landes. "British Petroleum" lebt weiter - ob es der Regierung gefällt oder nicht. Das Unternehmen erwirtschaftet in guten Zeiten einen Umsatz (2009: 239 Milliarden Dollar), der das Bruttoinlandsprodukt Portugals locker übersteigt.

Wie groß die Bedeutung des Ölkonzerns für das Königreich ist, lässt sich auch daran ermessen, wie sehr britische Pensionäre auf ihn angewiesen sind. Ein Siebtel der Einkünfte aus Dividenden generieren die britischen Pensionsfonds vom Ölgiganten, der jährlich gut zehn Milliarden Dollar ausschüttet. BP steht also auch für "British Pensions". Insgesamt kommen immerhin 44 Prozent der BP-Aktionäre aus Großbritannien.

Es geht aber auch um ein Stück wirtschaftliche Identität. Nur noch 12 Prozent der Wirtschaftsleistung entfallen in Großbritannien auf die Industrie. In Deutschland sind es immerhin 24 Prozent.

Eine der letzten Ikonen der britischen Industrie

Spätestens seit der Konservativen Premierministerin Maggie Thatcher haben britische Regierungen überwiegend auf Dienstleistungen gesetzt - galten sie doch als Heilsbringer in einer globalisierten Welt. Allein die Finanzdienstleistungen sind mit einem Anteil von etwa 10 Prozent am Bruttoinlandsprodukt fast so stark wie die Traditionsbranchen Auto, Stahl, Maschinenbau und Co.

Der Abstieg hat sich in der vergangenen Rezession weiter fortgesetzt. Während die gesamte Wirtschaft im Jahr 2009 um 4,9 Prozent sank, brach der Industriesektor um 10,5 Prozent ein. Den Bereich Energie, Gas und Öl erwischte es mit minus 10,3 Prozent in einer ähnlichen Größenordnung. Immerhin soll die Industrie im laufenden Jahr zu den größten Wachstumsbringern zählen.

Und so versucht nicht nur die Politik mit allen Mitteln, den Konzern am Leben zu erhalten. Normalerweise äußert sich der britische Industrieverband CBI nicht zur Geschäftslage eines seiner gut 200.000 Mitgliedsunternehmen. Im Fall von BP machte das Pendant zum deutschen BDI jüngst eine Ausnahme.

Britische Pensionäre in Angst

"Das Unternehmen ist von überragender Bedeutung für die US-amerikanische und für die britische Wirtschaft", sagte Verbandschef Richard Lambert. "Wir brauchen einen Dialog darüber, wie es mit seiner Verantwortung am besten gerecht werden kann."

Den Briten wird mit einem Mal bewusst, was sie an BP haben. Im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit standen lange andere Unternehmen. Der Triebwerksbauer Rolls-Royce, die Autoindustrie und die Montanwirtschaft - über Aufstieg, Fall und Comeback all dieser Firmen und Branchen hat sich die britische Seele lange erregen können.

BP dagegen war immer so etwas wie die eher unauffällige Cash-Cow der Briten. Gewinne flossen fast immer, die Pensionäre waren glücklich, der Schatzkanzler über Steuereinnahmen ebenfalls. Nun erlebt der Konzern eine merkwürdige Form der Solidarität.

Nicht das Schicksal der Golfküstenbewohner oder gar der Meerestiere steht im Mittelpunkt der Diskussion um das Umweltdesaster, sondern das eigene Wohlergehen. Um 1 bis 2 Prozent könnte die Pension für manchen Briten sinken, wenn BP untergeht - für viele ist dies eine persönliche Katastrophe, die aus ihrer Sicht viel schwerer wiegt als die unmittelbaren Folgen der Ölpest.