Sonntag, 26. Mai 2019

Ölindustrie Ewige Sieger in schwerer See

Abgeschmiert: Welche Firmen BP mit in den Abgrund riss
REUTERS

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bringt den Energiekonzern BP in immer größere Not. Die Aktie stürzt weiter, nachdem Zweifel an jüngsten Erfolgsmeldungen laut werden. Doch Konkurrenten wie Exxon und Shell profitieren kaum von dem Debakel. Die gesamte Branche steht vor einer unsicheren Zukunft.

Hamburg - Wenn ihr Schicksal in den Händen von Unterwasserrobotern liegt, ist das für Fondsmanager ein zutiefst unbefriedigender Zustand. Doch dieser Fall ist eingetreten: Solange BP das Ölleck im Golf von Mexiko nicht vollkommen schließt und wegen milliardenschwerer Folgekosten in ernste Geldnot kommt, droht vor allem manch britischem Pensionsfonds ein Fiasko. Etwa ein Sechstel ihrer Dividendeneinnahmen sind derzeit Ausschüttungen von BP. Die Wut britischer Rentner auf ihre Vermögensverwalter ist programmiert.

Nicht nur BP muss sich dieser Tage um die Gunst seiner Geldgeber fürchten und sich kritischen Fragen stellen. Drohen vergleichbare Katastrophen auch in anderen Regionen? Ist es wirklich zu verantworten, in immer tieferem Wasser nach Öl zu bohren? Und lassen sich damit tatsächlich die wunderbaren Renditen erzielen, die die Konzerne ihren Investoren versprechen? Solchen Fragen müssen sich die Konzerne heute im US-Senat bei einer Anhörung mit dem vielsagenden Titel "Das riskante Geschäft von Big Oil" stellen.

"Wir glauben, dass die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko einen lang anhaltenden Einfluss auf die gesamte Branche haben wird und die auf Tiefseebohrungen spezialisierten Unternehmen besonders betroffen sein werden", urteilten die Analysten von Goldman Sachs am Dienstag.

An den Kursen der wichtigsten Unternehmen der Ölindustrie lässt sich aber schon jetzt ablesen, dass die gesamte Branche für das BP-Debakel in Mithaftung genommen wird. Aktien der BP-Partner im Golf von Mexiko wie Halliburton, Anadarco und Transocean verloren zum Teil noch stärker an Wert als der britische Konzern, Transocean allein am Dienstag weitere 10 Prozent. BPs Papiere gaben am Dienstag etwa 7 Prozent nach. Experten hatte gemutmaßt, die austretende Ölmenge könnte sich vervielfacht haben, seit das Unternehmen das Bohrohr abgesägt und mit einer Absaugglocke versehen hat. Außerdem wiesen Experten nach, dass gigantische Ölwolken unter Wasser durch den Golf von Mexiko wabern.

Doch auch die Anteilsscheine direkter Konkurrenten wie Exxon Mobil Börsen-Chart zeigen und Royal Dutch Shell Börsen-Chart zeigen gaben seit der Explosion im Golf von Mexiko um etwa 10 bis 15 Prozent nach - und damit mehr als der Dow Jones und in etwa so viel wie der weltweite Aktienmarkt. Wenn es sich bei dem Unfall aus Sicht der Investoren tatsächlich um ein reines BP-Problem gehandelt hätte, hätte die Konkurrenz vermutlich direkt profitiert.

"Der Vorfall im Golf von Mexiko färbt auf die gesamte Branche ab", heißt es bei einem europäischen Ölförderkonzern. Auf dem Spiel steht inzwischen der Ruf einer Riege von Konzernen, die seit Jahrzehnten so etwas wie verlässliche Gelddruckmaschinen sind und bei allen Investoren beliebt, die Sicherheit bei maximaler Rendite suchen. Unvergessen ist die machtvolle Summe von ziemlich genau 100 Milliarden Dollar, die die damals drei größten Unternehmen der Branche Exxon, Royal Dutch Shell und Chevron Börsen-Chart zeigen im allgemeinen Krisenjahr 2008 zusammen verdienten.

"Analyst: Es wird wesentlich schärfere Bestimmungen geben"

Eine wachsende Zahl von Fachleuten bezweifelt nun aber, dass die Firmen ihre hochfliegenden Ziele erreichen können. Mit immer riskanteren Manövern hatten die Ölmultis in den vergangenen Jahren versucht, die letzten großen Ölfelder der Erde zu erschließen. Tausende Meter unter Wasser bohren die Firmen noch einmal Tausende Meter tief nach dem schwarzen Gold. In unzugängliche Gebiete der Arktis strecken die Konzerne ihre Fühler aus und untersuchen gigantische Vorkommen in kanadischen Ölsanden. Doch nach dem Untergang der "Deepwater Horizon" ist fraglich, ob all diese Vorhaben genehmigt werden.

"Der Fall BP wird auf die gesamte Branche ausstrahlen", erwartet auch Analyst Sven Diermeier von Independent Research. "Tiefseebohrungen erscheinen politischen Entscheidungsträgern und Öffentlichkeit in einem anderen Licht. Es wird wesentlich schärfere Bestimmungen geben."

Seite 1 von 2

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung