Bewerbertagebuch Eon, Shell oder doch lieber Herr Doktor?

Die Wirtschaft hellt sich auf, doch Bewerbungen sind immer noch eine langwierige und nervenaufreibende Angelegenheit. Zwei Absolventen berichten auf manager-magazin.de über ihre Erfahrungen bei der Jobsuche. Stefan Mischinger hat gerade sein Diplom als Wirtschaftsingenieur gemacht.

28. November 2007

Man muss nicht wie ich 6 Monate in China verbringen, damit man merkt, dass dort vieles anders ist. Jedoch muss man dort vielleicht in einer Wohnung leben, um zu merken wie viel Energie verschwendet wird: Selbst die Neubauten sind in Shanghai trotz kalter Winter schlecht isoliert, und geheizt wird mit der Klimaanlage. So schafft man es trotz riesigem Energieverbrauch, in der eigenen Wohnung zu frieren und man beginnt sich Fragen über den Sinn und Unsinn von Energieverbrauch in Zeiten des Klimawandels zu stellen.

Mich hat diese Situation dazu gebracht, den Studienschwerpunkt meines Wirtschaftsingenieurstudiums auf das Thema Energie zu legen. Deshalb reizte es mich natürlich, als ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland von dem Stipendiatenprogramm der Eon AG gehört habe. Neben einer großzügigen monatlichen Studienunterstützung lockten ein Mentoring-Programm, praktische Erfahrung bei Praktika und Diplomarbeit im Unternehmen sowie die Möglichkeit eines Direkteinstiegs.

Wie bei allen großen Unternehmen war die erste Stufe im Bewerbungsverfahren das Ausfüllen eines Online-Bewerbungsbogens. Neben Zeugnissen, Lebenslauf und Motivationsschreiben sollte man auch die schriftliche Empfehlung eines Professors hochladen. Ich sehe diese Anforderung eher kritisch, da wohl jeder Student bei höflichen und hartnäckigen Anfragen eine solche Empfehlung bekommt. Aber natürlich machte ich mir die Mühe.

20. Februar 2008

Fast drei Monate später kam die Einladung zum Bewerbertag in München. Ende der Bewerbungsfrist war der 31.12 gewesen, und ich hatte mich schon über die lange Zeit ohne Antwort gewundert. Doch eine positive Rückmeldung lässt einen schnell seinen Ärger vergessen.

"Würden Sie auch das Platin-Stipendium nehmen?"

12. März 2008

Schon das Gebäude der Eon Energie AG in München macht Eindruck und weckte zumindest in mir den Wunsch dort zu arbeiten: Mehrere Gebäude wurden zu einem Bürokomplex verschmolzen, und so gibt es hier keine unpersönlichen Großraumbüros, sondern eine gelungene Mischung aus alter und moderner Architektur, deren Höhepunkt ein mit Glas überdachter Innenhof ist.

Neun Bewerber wurden zu diesem Assessment-Center eingeladen. Da nicht gesagt wurde, wie viele Stipendien vergeben werden, war die Stimmung nicht durch Konkurrenzdenken geprägt. Es bot sich hingegen die Chance, acht interessante Menschen mit ähnlichen Interessen kennenzulernen. Und auch die Frauenquote war mit 3 zu 6 nicht so niedrig, wie ich es sonst aus meinem Studium gewohnt bin.

Es galt vier Aufgaben zu lösen, die einem mit der Einladung mitgeteilt wurden: Erstens eine Selbstpräsentation auf Englisch, die man nicht nur vor den rund 15 Betreuern aus allen Konzernteilen, sondern auch vor allen anderen Bewerbern halten musste. Danach kam eine Gruppendiskussion. Sehr positiv zu beurteilen ist die Tatsache, dass kein fachspezifisches Thema zur Diskussion gestellt wurde, sondern Erfolgsfaktoren des Studiums erörtert werden sollten. Es war also niemand durch zufälliges Fachwissen im Vorteil - und mit der richtigen Mischung aus Meinung sagen und zuhören war diese Übung gut zu meistern. Dritte Aufgabe war ein Interview, in dem der Bewerber von zwei Personen befragt wurde. Dabei wurde gezielt auf Schwächen eingegangen. So wurde schnell erkannt, dass ich jemand bin, der Großstädte und ferne Länder mag und daraufhin nach meiner Bereitschaft gefragt, auch in einem Kraftwerk auf dem Land zu arbeiten, wenn es denn sein müsste.

Letzte Aufgabe war die Bearbeitung und Präsentation einer Fallstudie. Die Fragen waren eher leicht, doch musste man in dreißig Minuten aus rund 40 Seiten die wesentlichen Informationen herausfiltern.

Obwohl ich nach allen Aufgaben ein gutes Gefühl hatte, habe ich nicht erwartet, genommen zu werden. Ich sehe mich nicht als den Überflieger, der in Stipendienprogramme kommt und war schon froh, relativ früh Assessment-Center-Erfahrung gesammelt zu haben. Umso größer war die Überraschung und Freude, als mir im Feedbackgespräch am Ende des Tages nicht nur eine Zusage gegeben, sondern auch gefragt wurde, ob ich trotz einer Bewerbung für das "Gold"-Stipendium auch Interesse am "Platin"-Stipendium hätte. Dies bedeutet eine höhere Fördersumme, aber auch die Pflicht, nach dem Studium für einen Zeitraum, der der Förderdauer entspricht, für Eon zu arbeiten.

Nach drei Tagen Bedenkzeit sagte ich zu.

"Shell testet auch Relationships"

9. November 2009

Am 9. November fand ich unter meinen Mails einen Uni-Newsletter, in dem auf ein Business-Game von Shell verwiesen wurde. Europaweit wurden examensnahe Studenten gesucht, die eine Woche lang in den Niederlanden einen fiktiven Business-Plan erstellen. Wenn man überzeugt, bekommt man ein Jobangebot von Shell.

Das war in meinen Augen ein attraktives Angebot, da man in dieser Woche in Holland sicher viel lernen würde. Außerdem motivierte mich auch ein gewisser "sportlicher" Ehrgeiz, mich mal wieder in einem anspruchsvollen Bewerbungsverfahren zu beweisen. Bloß nicht träge werden, nur weil man schon eine mögliche Perspektive hat.

Auch bei Shell war die erste Bewerbungsstufe ein Online-Fragebogen. Alle Fragen waren auf Englisch zu beantworten und auch ein englischer Lebenslauf wurde verlangt. Positiv fand ich, dass Shell auf seinen Bewerbungsseiten Tipps gibt, wie ein solcher Lebenslauf auszusehen hat. Negativ aufgefallen ist mir die sehr direkte Frage nach Krankheiten im Online-Bewerbungsprozess. Meines Wissens darf ein Arbeitgeber nur nach Krankheiten fragen, die die Ausführung der Arbeit einschränken könnten. Die Frage bei Shell war meiner Meinung nach an der Grenze des Zulässigen.

11. November 2009

Erste Runde erfolgreich überstanden. Einladung zum Telefoninterview mit Shell.

25./26. November 2009

Dank dem Bewerbungsportal wusste ich, dass Shell "Capacity", "Achievment" und "Relationship" testet. Dank Google wusste ich, was damit gemeint war. Dies herauszufinden war der wesentliche Teil meiner Vorbereitung auf das Telefoninterview.

Als am nächsten Morgen das Telefon klingelte, war ich nervös. Da das Interviews auf Englisch stattfand, hatte ich befürchtet, im schlimmsten Fall einen schnell sprechenden Muttersprachler mit schottischem Akzent am Telefon zu haben. Die Erleichterung war daher groß, als ich eine sympathische, weibliche Stimme hörte, die zur Einleitung des Gespräches sogar deutsch sprach.

Dann begann der wesentliche Teil des Interviews mit den Themenbereichen "Achievments" und "Relationships". Ersteres sind Fragen, was man bisher erreicht und wie man sich dazu motiviert hat. Bei "Relationships" geht es um Belege aus dem Lebenslauf für Teamfähigkeit und Konfliktbewältigung. Im Capacity-Teil hat man die Wahl zwischen fünf Themengebieten. Meine Wahl fiel auf Fragen zum Thema "Konflikt zwischen immer höheren Energieverbräuchen und dem Zwang, CO2-Emissionen zu reduzieren". Da ich mich ohnehin für solche Fragen interessiere, war das Beantworten nicht schwer. Außerdem ist es jederzeit möglich nachzufragen, wenn man eine Frage nicht verstanden hat, oder sich ein wenig Bedenkzeit zu erbitten.

"Personaler haben nicht bis Dreikönige frei"

28. November 2009

Zusage, dass ich das Telefoninterview bestanden habe. Ob ich einen der limitierten Plätze im Business-Game bekomme, wird jedoch erst entschieden, wenn alle Bewerber interviewt wurden.

04. Januar 2010

Zumindest als Mitarbeiter der Personalabteilung von Shell scheint man nicht bis Heilige-Drei-Könige frei zu haben, denn am 4. Januar erhielt ich einen Anruf von Shell. Es war eine Absage mit der Begründung, dass trotz eines sehr positiven Eindrucks mein Profil nicht in die Gruppe gepasst hätte. Da ich im Studium wenig mit Chemie und viel mit elektrischen Netzen zu tun habe, fand ich diese Einschätzung fair.

Richtig gefreut hat mich die Mitteilung, dass Shell dennoch Interesse an mir hätte. Wenn ich möchte, kann ich mich nach Studienende bei der Personalabteilung melden und direkt einen Termin beim nächsten Assessment-Center ausmachen. Die bisher überstandenen Bewerbungsrunden sind weiterhin gültig und müssen nicht nochmal gemacht werden.

26. Februar 2010

Seit Februar habe ich meine Diplomarbeit in der F&E-Abteilung der Eon Energie AG in München angefangen. Ich hätte es mir gut vorstellen können, hier nach Studienende mit dem Arbeiten anzufangen, jedoch wird diese Abteilung im Zuge des Restrukturierungs- und Einsparprogramms "Peform to win" aufgelöst und auf andere Konzernteile verteilt.

22. März 2010

Die "Stipendienbeauftragte" der Eon AG teilt mir mit, dass die Suche nach einer Einstellungsmöglichkeit für mich bisher nicht erfolgreich war. Stattdessen wird mir vorgeschlagen, mich für das Trainee-Programm zu bewerben und einen internen Newsletter zu abonnieren, in dem über Jobangebote informiert wird. Nachdem ich schon ein Eon-Förderprogramm durchlaufen habe, empfinde ich den Trainee-Programm-Vorschlag als Versuch, mich in einer "Talentschleife" zu parken, bis sich eine Einsatzmöglichkeit ergibt. Obwohl ich dabei sicher viel lernen würde, lehne ich aus diesem Grund den Vorschlag ab.

"Von Elektromobilität begeistert"

25. März 2010

Ein Besuch des Eon Jobportals im Internet ergibt tatsächlich, dass es im Augenblick für mich keine passenden Stellenanzeigen gibt. Bei Vattenfall hingegen existiert eine Einstiegsmöglichkeit im Bereich Smart Metering. Neben einem interessanten Aufgabenfeld hätte ich zudem die Möglichkeit in meiner Studienstadt Berlin bei Freundin und Freunden zu bleiben. Auf die Bewerbung im Onlineportal habe ich bisher noch kein Feedback bekommen. Die Bewerbungsfrist endet am 12. April.

April 2010

Ich überlege eventuell zu promovieren, da mir das Thema meiner Diplomarbeit sehr viel Spaß macht und ich gerne direkt im Themenbereich Elektromobilität und Energiespeicher weiterforschen würde. Eine E-Mail mit einer entsprechenden Anfrage an meinen Professor ergibt, dass grundsätzlich die Möglichkeit hierzu besteht. Jetzt kommt doch ein Angebot von Eon: Ein Job in der F&E-Abteilung in Birmingham. Ich muss mich bis Ende Mai entscheiden.

7. Mai 2010

Ein weiteres Gespräch mit meinem Professor hat dazu geführt, dass ich mich für eine Promotion an der TU Berlin ab 1. September entschieden habe. Obwohl ich überzeugt bin, dass ich bei Eon gute Entwicklungsperspektiven gehabt und in England viel Erfahrung gesammelt hätte, so ist meine Wahl doch auf die (wesentlich schlechter bezahlte) Stelle am Lehrstuhl gefallen. Hauptgrund ist sicherlich, dass mich mein Diplomarbeitsthema im Bereich "Elektromobilität" begeistert. Mit einer Promotion kann ich mein Wissen vertiefen und dabei unabhängiger eigene Schwerpunkte setzen.

Ich denke, dass ich durch die europäischen Forschungsprojekte, die jetzt schon am Lehrstuhl existieren, auch hier internationale Erfahrung sammeln werde und erhoffe mir, Verantwortung in solchen Projekten übernehmen zu können. Außerdem hat mein Professor einer Sammelpromotion zugestimmt. Das heißt, ich werde nicht eine Doktorarbeit verfassen, sondern mein Ziel ist es, drei bis vier inhaltlich zusammenhängende Artikel in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Dies bietet mir einerseits die Möglichkeit, die lange Promotionszeit besser zu strukturieren, andererseits werden die Ergebnisse so besser sichtbar, da sie in den Journals eine größere Zahl von Lesern erreichen.

Natürlich will ich nicht verschweigen, dass es mich neben all den beruflichen Perspektiven auch freut, vier weitere Jahre in Berlin verbringen zu können, weil ich die Stadt wegen ihrer Lebendigkeit schätze und weil meine Freundin hier einen guten Job hat, den sie auch nicht so ohne weiteres kündigen kann und will.

Mein langfristiges Ziel bleibt es jedoch, weiterhin eine Stelle in der freien Wirtschaft zu finden. Nur der Zeitpunkt hat sich vorerst verschoben.

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