Euro-Krise Warum wir nicht Zahlmeister Europas sind

Die Bundesbürger werden derzeit gerne als "Zahlmeister" oder "Deppen Europas" bezeichnet. Was bei der Diskussion um die milliardenschweren Rettungsschirme gern übersehen wird, erläutert Vermögensverwalter Thomas Grüner in einem Gastbeitrag: Deutschland profitiert doppelt von der Euro-Krise.
Von Thomas Grüner

Selten habe ich so ein konzentriertes mediales Trommelfeuer wie in den vergangenen Wochen erlebt. Beinahe jede Titelgeschichte befasste sich mit den Themen Schuldenkrise, Inflation, Gold als Fluchtwährung, drohende Währungsreform, mögliche Staatsbankrotte, Griechenlandpleite und dem Euro-Verfall.

Auffällig, dass sich nicht nur Fachpublikationen mit dem Thema befassen. SPIEGEL, Stern, Bild und Focus haben die Wirtschaftskrise als Topp-Themen auf den Titelbildern. Immer wenn dieses Phänomen auftritt, nähert sich eine Krise ihrem Höhepunkt und ist in den Köpfen aller Marktteilnehmer präsent.

Der drastische Kursrutsch an der New Yorker Börse vom 6. Mai 2010 markiert den bisherigen Höhepunkt der Kurssprünge. Zeit für Panik. Die Angst regiert. Aber Stopp! Jetzt ist es an der Zeit, um in Ruhe die Situation zu analysieren.

Die Evolution hat unser Gehirn auf solche Situationen an den Finanzmärkten schlecht vorbereitet. Viele dieser grundsätzlichen Verhaltensweisen und psychologischen Muster habe ich in meinem Buch "Die acht größten Fallen für Geldanleger - und wie man sie vermeidet" beschrieben. Selten waren diese Faktoren so weit verbreitet wie heute.

Das simple Gesetz von Angebot und Nachfrage

Polikern und Talkshowplauderern, die jetzt Verschwörungstheorien pflegen und die Schuld allein bei Bankern und bösen Spekulanten suchen, möchte man zurufen: "Sie lassen den fundamentalen Grundsatz von Angebot und Nachfrage außer Acht". Selten hat diese in meinem Buch als Falle Nummer 4 beschriebene Falle besser gepasst als heute.

Preise an den Finanzmärkten werden immer durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Dies gilt neben Aktien natürlich auch für Anleihen und Devisen. Die Flucht aus griechischen Staatsanleihen führt zu geringeren Kursen dieser Anleihen, da Investoren erst bei einem deutlich geringeren Kursniveau bereit sind, dieses erhöhte Risiko eines griechischen Ausfalls zu tragen.

Beim Euro  verhält sich dies ähnlich. Gegenüber fast allen Währungen hat die europäische Währung deutlich verloren. Der noch vor wenigen Monaten - bei Kursen über 1,50 Dollar - hoch gelobte Euro sollte den US-Dollar als Reservewährung Nummer eins ablösen. Heute kämpft er dagegen angeblich um sein Überleben. Beide Sichtweisen sind völlig übertrieben. Der Euro wird natürlich überleben und den US-Dollar aber auch auf absehbare Zeit nicht als weltweit wichtigste Reservewährung ablösen. Derzeit werden lediglich die lange verdrängten Probleme Europas in das aktuelle Kursniveau eingepreist.

Dax hat EuroStoxx abgehängt

Aktienmärkte driften auseinander

Die große Aufregung um den Euro-Kurssturz kann ich ohnehin nicht nachvollziehen. Schauen wir uns einfach gemeinsam den Kursverlauf von Euro-USD seit der Einführung des Euro an.

Der Start erfolgte bei rund 1,18 Dollar. Das Tief bei 0,82 Dollar notierten wir im Oktober 2000. Bis im Juli 2002 notierte der Euro unter der Parität. Im Durchschnitt lag der Euro seit seiner Einführung tiefer als heute. Selbst im Hochpunkt der Finanzkrise Oktober 2008 wurden - wie heute - nur rund 1,23 Dollar bezahlt. Warum also die ganze Aufregung?

Die Euro-Krise betrifft die einzelnen Länder in Europa höchst unterschiedlich. Besonders deutlich wird dies, wenn man den deutschen Aktienindex Dax mit dem marktbreiten EuroStoxx 50  im bisherigen Jahresverlauf 2010 vergleicht.

Der deutsche Leitindex weist gegenüber dem EuroStoxx 50 eine Outperformance von rund 10 Prozent auf, und auch gegenüber dem französische CAC40 hat sich der Dax deutlich besser entwickelt.

Besonders krass ist diese Schere auch deshalb, da die großen deutschen Werte auch im Euro-Stoxx-50 enthalten sind. Eine Berechnung "Euro-Stoxx- 50 ex Deutschland" wäre noch extremer pro Deutschland ausgefallen. Diese relative Schwäche kennzeichnet den Euro- Stoxx-50 in 2010 nicht nur gegenüber dem deutschen Aktienindex, sondern gegenüber fast allen anderen global bedeutenden Indizes.

Warum Deutschland gleich doppelt profitiert

Deutschland profitiert doppelt von der Krise

Deutschland profitiert in einer nie zuvor erlebten Art und Weise von dieser Zuspitzung der Situation im europäischen Währungsraum. Während alle Kommentare über die hohen Kosten der deutschen Beteiligung am Rettungspaket für Griechenland und den Euro- Schutzschirm lamentieren, werden die offensichtlich positiven Effekte für Deutschland ignoriert.

Wir sind eben nicht "Die Deppen und Zahlmeister Europas" wie Bild und Stern titelten, sondern die großen und nachhaltigen Profiteure dieser Entwicklung.

Wir erleben in Europa eine neue Differenzierung nach fundamentalen Daten, die sich auch kurz- und mittelfristig nicht wieder umkehren wird.

Der schwache Euro hilft der deutschen Exportwirtschaft ganz massiv. Unsere Wettbewerbsfähigkeit hat sich in den letzten Monaten - durch die Euro-Schwäche im Außenwert - spürbar verbessert.

Exporte ins Nicht-Euro-Ausland begünstigt

Die ohnehin schon exportstarke deutsche Volkswirtschaft bekommt von der Währungsentwicklung weiteren Rückenwind, da wir unsere Produkte günstiger im "Nicht-Euro-Ausland" anbieten können. Der starke Schweizer Franken und US-Dollar bremsen hingegen die Exporte der Schweiz und USA.

Normalerweise geht eine schwache Währung aber auch mit schwachen Finanzmärkten einher. Eine schwache Währung beeinflusst dabei gewöhnlich vor allem die Anleihemärkte eines Landes negativ. Die Einführung des Euro hat aber eine Ausnahmesituation geschaffen: Deutschland hat zwar einen "unabhängigen Anleihemarkt", jedoch eine einheitliche Währung - den Euro - gemeinsam mit anderen Ländern und Volkswirtschaften, die jeweils separate Anleihemärkte besitzen.

Genau diese Differenzierung in "gute und schlechte Schuldner" findet jetzt verstärkt statt. Die ehemalige Konvergenz der Anleihemärkte im Vorfeld der Einführung des Euros weicht jetzt einer stärkeren - und durchaus auch vernünftigen - Differenzierung nach fundamentalen Daten der einzelnen europäischen Volkswirtschaften.

Enorme Zinsersparnis für die Bundesrepublik

Deutschland fließt Geld zu - zu niedrigen Zinsen

Während also die deutsche Währung - der Euro - in 2010 schwächer geworden ist, hat sich das maßgebliche Anleihebarometer - der Bund-Future - trotzdem sehr positiv entwickelt. Die Renditen deutscher Anleihen sind deutlich gefallen. Die deutsche Umlaufrendite hat trotz der schwachen Währung ein neues Rekordtief erreicht. Eigentlich nicht möglich und dieser europäischen Besonderheit geschuldet: Einheitliche Währung und separate Finanzmärkte. Während aus dem Euroraum per Saldo insgesamt mehr Geld abgezogen wird, fließt Deutschland trotzdem per Saldo mehr Geld zu. Dies geschieht zu Lasten aller anderen Euromitglieder.

Deutschland profitiert von dieser Entwicklung gleich doppelt. Exportwirtschaft und Anleihemärkte werden parallel beflügelt. Dies ist der Besonderheit einer einheitlichen Währung mit separaten Finanzmärkten zu verdanken.

Enorme Zinsersparnis für die Bundesrepublik

Besonders bemerkenswert ist diese Entwicklung vor allem deshalb, da in Deutschland allein in diesem Jahr fast so viele Anleihen neu refinanziert werden müssen, wie Griechenland insgesamt verschuldet ist. Die nachhaltige Zinsersparnis der Bundesrepublik wird dabei die Kosten der Hilfspakete leicht übersteigen. Je länger diese Divergenz in den europäischen Anleihemärkten anhalten wird, desto größer wird auch die deutsche Zinsersparnis werden.

Ohne den Euro würde die D-Mark in der heutigen Situation massiv aufwerten. Aktuell ist Deutschland in der glücklichen Lage, dass wir mit dieser Krise zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Unsere Exportwirtschaft wird in den kommenden Monaten massiv von der Euro-Schwäche und der damit gestiegenen Wettbewerbsfähigkeit profitieren. Parallel dazu flüchten die Anleger in deutsche Staatsanleihen (ohne eine Aufwertung unserer Währung auszulösen) und die Bundesrepublik profitiert von den dadurch massiv gefallenen Renditen der Bundesanleihen. Rechnen Sie sich doch einmal eine langfristige Zinsersparnis von einem vollen Prozentpunkt auf zwei Billionen Euro deutsche Staatsschulden aus.

Sorgen Sie sich also nicht vor dem schwachen Euro. Denken Sie global und profitieren Sie von dieser Entwicklung. Auch auf diese angeblich "größte Krise seit dem zweiten Weltkrieg" wie sie EZB-Präsident Jean-Claude Trichet bezeichnet, werden Sie in ein paar Monaten wesentlich gelassener zurückblicken.

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