Schuldenkrise China greift nach dem Griechen-Schatz

Nie war der Zustand der griechischen Wirtschaft für Europa und den Euro so wichtig wie heute. Doch deutsche Unternehmen lassen das Land links liegen, investieren kaum. Die Chinesen nutzen dagegen die Gunst der Stunde - und errichten in Griechenland einen neuen Brückenkopf für ihre Interessen in Europa.

Hamburg - Griechenlands neuer Hoffnungsträger heißt Wei Jiafu. Dem weithin bloß als "Captain" bekannten Chef der chinesischen Großreederei Cosco  breitet derzeit so ziemlich jeder den roten Teppich aus, der in Hellas etwas zu sagen hat. Bei Staatspräsident Karolos Papoulias war Wei schon, am Freitag steht ein Treffen mit Ministerpräsident Giorgos Papandreou auf dem Programm.

"Die Chinesen kommen", frohlocken die Zeitungen des Landes. Von Captain Wei und der hochrangigen chinesischen Delegation, die Griechenland momentan die Aufwartung macht, erträumen sich die Griechen milliardenschwere Investitionen. Die hat das Land bitter nötig, wenn es endlich wieder auf die Beine kommen und den Haushalt sanieren will.

Westeuropäer sind angesichts anti-griechischer Schlagzeilen und harter Auflagen für ihre Kredite momentan nicht gern gesehen im Land. Doch "Captain" Wei ist für viele schon fast ein Star. Versprechen er und seine Begleiter aus der politischen Führung doch nichts Geringeres, als das von Schuldenkrise und Streiks gebeutelte Land wirtschaftlich auf die Beine zu bringen - wenn auch nicht ganz uneigennützig.

Während beispielsweise deutsche Unternehmen Griechenland weitgehend abgeschrieben haben, wollen die Chinesen Athen zu ihrem "Tor zu Europa" machen, indem sie ihren Einfluss am Hafen von Piräus massiv ausbauen. Auch die arabische Halbinsel und Nordafrika sollen über Athen erschlossen werden. Reederei-Boss Wei hat den Mittelmeerstaat schon seit Längerem im Visier. Seit etwa einem Jahr setzt er seinen lange gehegten Plan um den chinesischen Einfluss in der maritimen Wirtschaft des Landes massiv auszubauen.

Teile des Hafens in Piräus hat Wei inzwischen unter seinen Fittichen. Eine Verladebrücke will er modernisieren, eine weitere bis 2015 neu bauen. Gesamtvolumen des Projekts: 320 Millionen Euro. Der anfängliche Widerstand der Hafenarbeiter ist überwunden. Auch der Reedereiverband, der erste Begegnungen mit den Vertretern aus Fernost als "unangenehm" bezeichnete, ist inzwischen überzeugt - es könnte sich lohnen, mit den Chinesen zu kooperieren.

Es geht um mehr als ein Containerterminal

Denn die wollen es bei einem Engagement im Hafen von Piräus nicht belassen, sondern drehen das ganz große Rad in Hellas - das wird mittlerweile immer deutlicher. Schon ist die Rede davon, dass Cosco oder ein anderes chinesisches Unternehmen zudem Teile der maroden griechischen Eisenbahn OSE übernimmt und Umschlagbahnhöfe baut. So könnte es den Chinesen gelingen, weite Teile Südost- und Mitteleuropas über Athen zu beliefern. Sein Engagement werde weitere chinesische Investoren nach Griechenland locken, ist Wei überzeugt.

Bisher laufen Schiffe aus Fernost nach ihrer Fahrt durch den Suez-Kanal vielfach Häfen in Ägypten oder Malta an, um von dort das südöstliche Mittelmeergebiet mit kleineren Schiffen zu versorgen. Mit Athen als größtem Containerhafen der Region in ihren Händen hätten die Chinesen einen Brückenkopf auf dem Kontinent, über den sie ihrer gigantischen Exportströme noch effizienter als bisher abwickeln könnten. Jährlich sollen 4,5 Millionen Standardcontainer statt zuletzt 1,4 Millionen abgefertigt werden. Zum Vergleich: In Hamburg waren es 2009 sieben Millionen.

"Auf diese Weise haben die Chinesen einen Fuß in der EU", sagt Analyst Per-Ola Hellgren von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Ganz offensichtlich nutzen die Chinesen den Umstand, dass in Zeiten einer anhaltenden Flaute im Seehandel Beteiligungen an Häfen und anderer Logistikinfrastruktur im Hinterland vergleichsweise billig zu bekommen sind. "Die Gelegenheit ist derzeit günstig", sagt Hellgren.

Zwar ist es aus seiner Sicht momentan nicht unbedingt erforderlich, dass sich Reedereien wie Cosco Anteile an Kaianlagen sichern - weil sie aufgrund der Überkapazitäten allerorten genügend Platz zum Löschen ihrer Ladung vorfinden. "Aber das wird nicht immer so bleiben. Jetzt können sie zu relativ günstigen Preisen einsteigen, und profitieren, sobald es wieder Engpässe gibt."

Auch angesichts der Schwäche des Marktes in Griechenland und anderen Teilen (Süd-) Osteuropas fällt das Investment der Chinesen in die Kategorie "antizyklisch". "Wer jetzt einsteigt, signalisiert ein mittel- bis langfristiges Interesse", sagt Hellgren.

Die Chinesen nutzen dabei auch die Schwäche der Griechen weidlich aus. Schon ist die Rede davon, dass auch im Tourismussektor Übernahmen bevor stehen. Ob es sich um Hotelanlagen oder Grundstücke handelt, blieb bis zuletzt offen - Klarheit könnten die kommenden Unterredungen auf höchster politischer Ebene bringen.

Auch Araber zeigen Interesse, Deutsche hinken hinterher

Die Griechen freuen sich jedenfalls schon auf eine neue Gästeklientel. "Anders als Engländer, Deutsche und Schweden haben die Chinesen Respekt vor uns und unserer Kultur", heißt es im Forum der Zeitung "Ta Nea" unter der Überschrift "Lang lebe China".

Interesse bekundet die Delegation auch an zahlreichen Ausschreibungen wie zum Bau des Flughafen Kreta. Auf Privatisierungen, die vor allem im Bereich Transport und Energie anstehen, haben die Chinesen ebenfalls ein Auge geworfen.

Deutsche und andere westeuropäische Firmen stehen angesichts des mächtigen Auftritts der Chinesen eher am Rand. Die Initiative der Unternehmen hielt sich zuletzt in engen Grenzen. "Das ist kein Thema für uns", hatte sich beispielsweise ein Sprecher der Deutschen Bahn gegenüber manager magazin abschlägig zum Interesse am griechischen Eisenbahnkonzern geäußert.

"Wenn die Europäer es nicht tun, stoßen die Chinesen in die Lücke", sagt der Geschäftsführer der deutschen Außenhandelskammer in Athen, Martin Knapp, gegenüber manager magazin und beklagt das geringe Engagement europäischer Unternehmen für Griechenland. Die Investitionen aus Asien reichten jedoch bei weitem nicht aus, um die den Kontinent lähmende Wirtschaft Südeuropas auf Vordermann zu bringen.

Auch die Politik sei daher gefragt. "Brüssel glaubt scheinbar, das Wachstum kommt per Zauberstab", sagt Knapp. Die Rettungsmilliarden der Euro-Staaten lösen aus seiner Sicht nicht das gesamte Problem. "Ein Teil der Hilfsaktion müsste über die Realwirtschaft in Griechenland ankommen."

Gerade die Industrie des verschuldeten Landes wird nach Einschätzung vieler Experten kaum aus eigener Kraft wieder auf die Beine kommen. "Die Banken haben hierzulande kein großes Interesse, die Betriebe mit Krediten zu versorgen", sagt Knapp. "Das Geschäft mit Staatsanleihen ist lukrativer."

Solange die dringend benötigten Investitionen aus Mitteleuropa oder von Griechen selbst auf sich warten lassen, beschreitet die Athener Regierung andere Wege. Sie umgarnt sogar die lange verhassten Türken. "Es besteht großes Interesse für gemeinsame Engagements", heißt es bei der Bonner Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing.

Auch Investoren aus Arabien sind willkommen. Katar erklärte sich bereits bereit, fünf Milliarden Euro in die Energiewirtschaft zu investieren. Und gerade erst warb Ministerpräsident Papandreou auf dem arabischen Wirtschaftsforum in Beirut um Investoren. Die Resonanz, so der Regierungschef, sei ermutigend gewesen.

Der Schatz der Hellenen: Was der griechische Staat besitzt

Verwandte Artikel