Griechenland Alles muss raus

Der Druck aus den Gläubigerstaaten nimmt zu: Das hoch verschuldete Griechenland muss seine Besitztümer verschleudern. Inseln stellt die Regierung noch nicht öffentlich zum Verkauf, doch deutsche Unternehmen und Immobilienkäufer können trotzdem das eine oder andere interessante Schnäppchen machen.

Hamburg - Der Vorschlag entfachte einen Sturm der Entrüstung. Griechenland möge seine Inseln verkaufen, um sich zu entschulden, forderten deutsche Politiker vor gut zwei Monaten. Doch die skurrile Idee gewinnt inzwischen an Relevanz. Seit die EU-Staaten das von der Staatspleite bedrohte Land mit Krediten über Wasser halten, nimmt der Druck auf Griechenland zu, sich von seinem üppigen Besitz zu trennen. Und das Land reagiert.

"Die Vorschläge, griechische Inseln zu verkaufen, trafen trotz ihrer Zuspitzung einen wahren Kern", sagt der Präsident des Verbandes "Die Familienunternehmer", Patrick Adenauer, gegenüber manager magazin. Auch durch den Verkauf von Immobilien und Staatsbeteiligungen müsse die griechische Regierung nun sicherstellen, dass Gläubigerstaaten wie Deutschland ihr Geld eines Tages wiedersehen und der Euro nicht vollends unter die Räder kommt.

"Im Rahmen von Insolvenzen in der Privatwirtschaft werden immer auch verwertbare Unternehmensanteile und Vermögen verkauft, die die Schuldenlast senken", sagt Adenauer. "Warum nicht auch hier als Teil der Sanierungsauflagen? Der griechische Staat verfügt über ein großes Immobilienvermögen, durch dessen Verkauf er Investitionen auslösen kann."

Die EU-Staaten fordern Griechenland offiziell nur mit leisen Tönen auf, das Tafelsilber zu verscherbeln. Doch die hellenische Regierung schafft bereits Fakten. Denn sie weiß genau, dass sie ihren Gläubigern deutliche Signale schuldet. Sie stellt erhebliche Teile ihres Besitzes zum Verkauf. Die Erlöse könnten zugleich den Haushalt entlasten, und das Land von Teilen seiner lähmenden Staatswirtschaft befreien, die laut einer OECD-Untersuchung überdimensionale Ausmaße angenommen hat. "Das stranguliert die gesamte Wirtschaft", sagt Adenauer. Nach Ansicht seines Verbandes kommen nicht zuletzt griechische Industrielle als Käufer für Teile der Staatswirtschaft in Frage.

Auch deutsche Unternehmen und Privatleute werden jedoch hellhörig. Lässt sich doch nun zum Schnäppchenpreis manches Filetstück der Hellenen erwerben, das dem eigenen Portfolio Glanz verleiht.

Deutscher Telekom winkt echtes Schnäppchen

Dieser Tage berät die griechische Regierung, was sie loszuschlagen gedenkt. Klar ist bereits, dass sie allein im laufenden Jahr etwa 2,5 Milliarden Euro erlösen will. Zum Vergleich: Das hellenische Staatsdefizit betrug 2009 etwa 32 Milliarden Euro.

Betroffen sind unter anderem die Sektoren Transport, Energie und Banken. Als einer der wichtigsten Posten gilt die Bahngesellschaft OSE. Sie macht laut Presseberichten jeden Tag zwei bis vier Millionen Euro Verlust und hat insgesamt zehn Milliarden Euro Schulden. In einem ersten Schritt soll die Güterverkehrssparte verkauft werden. Auch für das Immobilienvermögen der Gesellschaft sucht der Staat einen Käufer.

Die Wasser- und Energieversorger geraten wohl ebenfalls zumindest in Teilen auf die Verkaufsliste, darunter die Wasserwerke Thessaloniki und Athen sowie der Stromversorger PPC. Auch Häfen und Flughäfen stehen zur Disposition. Zuletzt hatte der chinesische Hafenbetreiber Cosco Kaianlagen in Piräus übernommen, war dabei jedoch auf den erbitterten Widerstand der Hafenarbeiter gestoßen.

Auch viele deutsche Unternehmen kommen als Profiteure der griechischen Krise in Frage - allen voran die Deutsche Telekom . Der Bonner Dienstleister ist bereits mit 30 Prozent plus einer Aktie am griechischen Platzhirsch OTE beteiligt. Der griechische Staat hält noch 20 Prozent. Bis zum Jahr 2011 kann er der Telekom weitere 10 Prozent im Rahmen einer Put-Option anbieten, die Telekom müsste das Paket also übernehmen.

"Für die Telekom wäre es sinnvoll, den Anteil auszubauen", sagt dazu Analystin Oana Floares von der SEB Bank. "Die OTE trug bisher entscheidend zum dynamischen Umsatzwachstum bei." Die Gelegenheit wäre jedenfalls günstig. Gegenwärtig liegt der Aktienkurs der OTE bei unter sieben Euro. Als die Telekom ihre jüngste Tranche von 5 Prozent erwarb, zahlte sie noch 27,50 Euro pro Anteilsschein.

Explosive Lage lässt Firmen zittern

Bei einer neuerlichen Transaktion würde der dann aktuelle Börsenwert als Maßstab herangezogen. Hinzu müsste die Telekom laut der Gesellschaftervereinbarung einen Aufschlag von zunächst 20, später 15 Prozent zahlen. Auch der Kauf der verbleibenden 10 Prozent aus griechischem Staatsbesitz ist denkbar, die Telekom hat ein Vorkaufsrecht.

"Die Telekom wird ihren Anteil an der OTE sehr wahrscheinlich erhöhen, weil sich der griechische Staat von Beteiligungen weiter trennen muss", erwartet Analystin Floares. Der Bonner Konzern will das nicht kommentieren. "Was das letzte Jahr und das erste Quartal 2010 angeht, sind wir mit der Ergebnisentwicklung der OTE und der Performance im Kundenbereich insgesamt zufrieden. Wir performen besser als unsere Wettbewerber", lobt eine Sprecherin immerhin die bereits voll konsolidierte OTE, die wiederum in mehreren Balkanstaaten Beteiligungen hält.

Ob das Unternehmen sein Engagement ausbauen wolle, lässt sie jedoch offen - der Ball liege beim griechischen Staat. Der hält sich angesichts des schwachen Aktienkurses jedoch bedeckt und spielt offenbar auf Zeit.

Die Politiker wissen auch um die politische Brisanz eines Einstiegs deutscher Unternehmen in Griechenland. Diese sind schon im Zuge der Siemens-Korruptionsaffäre, die einen Schwerpunkt in Griechenland hatte, ins Visier der Einheimischen geraten. Auch die Telekom musste bei ihren bisherigen Anteilskäufen zahlreiche Widerstände überwinden.

Die Deutsche Bahn hat in Griechenland ebenfalls einen schweren Stand, seit führende Mitarbeiter der Bestechung im Zuge des Athener U-Bahn-Baus anlässlich der Olympischen Spiele 2004 verdächtigt werden. Zwar engagiert sich der Bahn-Konzern zunehmend im Ausland - mit Blick auf eine Beteiligung an der defizitären griechischen Bahn heißt es jedoch ohne Begründung: "Das ist für uns kein Thema."

Traumimmobilien warten auf neue Besitzer

Als realistischer gilt, dass der Essener Baukonzern Hochtief  seinen 40-Prozent-Anteil am Athener Flughafen ausbaut. Das hat bereits das griechische Finanzministerium signalisiert. "Wenn der griechische Staat sich entschließt, seine Anteile abzugeben, würden wir uns dem nicht in den Weg stellen", heißt es bei Hochtief. "Ob wir die Anteile in einem solchen Fall selbst kaufen, müssten wir zunächst aber prüfen."

Die unsichere Lage lässt viele Unternehmen jedoch zögern. Arbeitnehmervertreter haben bereits weiteren Widerstand gegen ein verstärktes Engagement von Ausländern angekündigt - zumal viele Griechen angesichts der Not den hemmungslosen Schlussverkauf fürchten.

"Wir machen keinen Ausverkauf", versuchte Finanzminister George Papaconstantinou präventiv die Preise hochzuhalten. Im selben Atemzug beschwor er jedoch das Potenzial des Staatsbesitzes. "Der griechische Staat verfügt über einen enormen Grundbesitz im Wert von Hunderten Milliarden. Dessen Ausbeutung - im positiven Sinn - ermöglicht es uns, Mittel zu generieren."

Was das bedeuten kann, spüren Makler wie Christos Foutsitzidis. "Der Staat will jetzt verstärkt privatisieren", hat er festgestellt. Altbauwohnungen in Athen, Traumgrundstücke am Meer und andere Immobilien böten Staat und Kommunen verstärkt an. "Es wird noch ein bisschen dauern, aber dann wird das alles auf den Markt kommen."

Immobilienanalysten beobachten schon jetzt, dass die Preise auf breiter Front sinken. Die Griechen selbst kaufen kaum noch, Ausländer zögern wegen der unsicheren Lage. Der Erwerb von ehemaligem Staatsbesitz sei vielen Fremden jedoch verschlossen. "Die Zahlung von Schmiergeldern ist in diesem Bereich weit verbreitet", meint ein Kenner der Szene. Allerdings lösten viele Interessenten das Problem auf illegale Weise - einige Vermittler hätten sich darauf spezialisiert, derartige Hürden diskret aus dem Weg zu räumen.