K+S Salz im Getriebe

K+S schaltet nach dem starken Jahresbeginn von Krisen- auf Normalbetrieb um. Der Agrarmarkt verspricht weiter solides Wachstum. In der Konsolidierung der Branche droht der einzige deutsche Rohstoffkonzern zum Übernahmeziel zu werden. Dagegen könnte sich ein russischer Milliardär als weißer Ritter für die Kasselaner entpuppen.

Hamburg - Norbert Steiner ist ein Mann der leisen Töne. Bedächtig wählt der Vorstandschef des Bergbaukonzerns K+S  seine Worte. Vorsicht, Umsicht, Rücksicht ziehen sich, passend zum konservativ farblosen Outfit mit schwarz-weiß gestreifter Krawatte, als Leitmotiv durch seine Rede auf der Hauptversammlung des Dax-Konzerns an diesem Dienstag in der Kasseler Stadthalle.

Die Mini-Dividende, die mit 20 Cent je Aktie gerade so die Zielvorgabe des Konzerns erfüllt, verteidigt Steiner damit, "dass die Substanz der K+S-Gruppe nicht angegriffen wird". Außerdem brauche das Unternehmen Rücklagen für künftige Krisen. Stolz ist der Chef auf die "solide Finanzierung" mit einer Eigenkapitalquote von 44,3 Prozent und darauf, früher als andere vor dem historischen Einbruch des Kalimarkts im vergangenen Jahr gewarnt zu haben. Er will gewürdigt wissen, "dass wir selbst in einem solch schwierigen Jahr unsere Kapitalkosten fast verdienen konnten".

Beeindruckende Zahlen legt Steiner zum ersten Quartal vor, doch aus seinem Mund klingen sie wie ganz gewöhnlich. Der Umsatz stieg um 43 Prozent, der Betriebsgewinn um 54 Prozent - verglichen mit dem Krisenjahr 2009, klar. Die hohe Nachfrage nach Streusalz im langen Winter und der größte Zukauf der Konzerngeschichte, der des US-Salzherstellers Morton Salt, haben sicher geholfen. Doch auch der Kaliabsatz ist fast wieder auf dem Niveau des Rekordjahrs 2008, als K+S auf der Welle des Agrarbooms in den Aktienleitindex Dax  spülte.

Die Kurzarbeit ist passé, die Kapazitäten der sechs deutschen Kalibergwerke von K+S werden wieder gebraucht, um den weltweit wachsenden Bedarf der Landwirte an Düngemitteln zu decken. Inzwischen ist selbst Steiner optimistisch, dass der Kalipreis stabilisiert ist, nach den Zwischenhändlern auch die Endkunden wieder kaufen und das Kerngeschäft in diesem Jahr wieder satte Gewinne abwerfen wird.

Die Branche ist im Übernahmefieber

Doch der Optimismus des K+S-Chefs verblasst neben der Euphorie, die andere im Markt ergriffen hat. Im Gegensatz zu Metallen haben sich die meisten Agrarrohstoffe noch nicht vom Preisverfall in der Wirtschaftskrise erholt. Die langfristigen Aussichten sprechen weiter für die Düngerhersteller, weil begrenztes Nutzland und zunehmender Hunger der Weltbevölkerung nach einer intensiveren Landwirtschaft verlangen. Die Global Player der Rohstoffbranche sehen jetzt die Gelegenheit, sich für den kommenden Boom zu rüsten. Der Kampf um Marktanteile ist in vollem Gang.

Der australische Bergbaumulti BHP Billiton  hat zwei Kaliförderer in Kanada gekauft und plant bis 2016 dort die weltgrößte Kalimine. Auch die brasilianische Vale  hat dort Schürfrechte erworben und kaufte zudem zu Jahresbeginn für 3,8 Milliarden Dollar Teile des Düngergeschäfts vom Agrarkonzern Bunge . Im März zahlte der US-Düngerhersteller CF Industries  nach einer Übernahmeschlacht 4,7 Milliarden Dollar für den Wettbewerber Terra.

Leer gingen bislang der norwegische Weltmarktführer Yara  und der Platzhirsch der Kalispezialisten, die kanadische Potash Corp. of Saskatchewan , aus. Beiden wird immer wieder Interesse an den Deutschen nachgesagt, die den Kalimarkt in Europa dominieren und nun auch weltgrößter Salzproduzent sind. Potash hatte schon 1996 die Übernahme mit dem damaligen K+S-Eigentümer BASF  vereinbart, war damals aber am Veto der Bundesregierung gescheitert. Die Kali- und Salzbergwerke des Konzerns sind die einzigen bedeutenden heimischen Rohstoffvorkommen, die auch für nennenswerten Export sorgen.

Eigene große Zukäufe traut K+S sich mit einem Börsenwert von acht Milliarden Euro (Potash 23 Milliarden, BHP Billiton 116 Milliarden, Vale 132 Milliarden) nicht zu. Die anderen Kaliproduzenten seien "für uns einen Happen zu groß", erklärte Norbert Steiner schon zur Vorstellung der Jahresbilanz. "Wie ein guter Mittelständler" müsse K+S sich gegen die finanzielle Übermacht der Großen bewähren, "schneller und flexibler" sein. Seine Skepsis gegenüber Zukäufen zeigte Steiner auch auf der Hauptversammlung. Der übliche Vorratsbeschlussrahmen für Kapitalerhöhungen sei bewusst niedrig angesetzt. Zwar warb er, so könne K+S "sinnvolle Wachstumschancen ergreifen" - doch er betonte das Wort "sinnvoll", nicht "Wachstum".

Seitenhieb auf den schillernden Großaktionär aus Russland

Das konnten die Aktionäre auch als Seitenhieb auf den russischen Großaktionär Andrej Melnitschenko verstehen, der über Beteiligungen rund 15 Prozent an K+S hält. Der 38-jährige Milliardär, ein Glücksritter aus dem Moskau der Wendezeit, der mit Wechselstuben und einer Bank reich wurde, träumt vom großen Einstieg ins Kaligeschäft. Sein Düngemittelkonzern Eurochem hat vor allem im Gebiet Perm am Ural Schürfrechte für eine Jahreskapazität von bis zu sieben Millionen Tonnen Kali erworben. K+S soll helfen, die Vorkommen zu erschließen.

Auch Analysten sehen in der Kooperation eine Chance für K+S, die Nase vorn zu behalten und einer feindlichen Übernahme zu entkommen. Doch die Deutschen tun sich schwer mit dem Oligarchen. Erst nach monatelangem Ringen wurde dessen Vertreter George Cardona im Oktober in den Aufsichtsrat gelassen. Pflichtgemäß wird nun mit Eurochem gesprochen, Ergebnisse zeichnen sich aber nicht ab. Nach wie vor warnt K+S-Chef Steiner vor "Überkapazitäten" in der Branche. Auch wenn der weltweite Kaliabsatz in diesem Jahr auf 50 Millionen Tonnen steige, werde K+S nur 6,5 Millionen seiner Kapazität von acht Millionen Tonnen brauchen.

Andererseits liebäugelt Steiner damit, die thüringische Kaligrube Roßleben wieder zu öffnen. In diesem Jahr soll eine Entscheidung fallen. Auch der Zukauf von Morton Salt war nicht nach dem Geschmack Melnitschenkos - steht das Wachstum im Salzgeschäft doch stärkeren Investitionen der Kalisparte entgegen. In der anschließenden Kapitalerhöhung zog er aber ebenso wie der zweite Ankeraktionär BASF mit, um seinen Anteil nicht zu verwässern.

Aus Steiners Sicht liegt die Gefahr darin, mit Hilfe des russischen Partners zwar Marktanteile zu gewinnen, die aber mit einem Preisverfall zu erkaufen. Ohnehin steht der Wettbewerber Belarus Kali/Uralkali im Ruch der Billigkonkurrenz. Und der russische Newcomer Silvinit brach im vergangenen Jahr mit einer Dumpinglieferung an Indien das Kalikartell.

Aber vielleicht ist Melnitschenko, der mit einem serbischen Topmodel verheiratet ist, eine Megayacht von Philippe Starck gestalten ließ und Stars wie Christina Aguilera oder Jennifer Lopez zu privaten Feiern einfliegen lässt, auch einfach zu schillernd für die grundsolide Firma aus Kassel.

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