Toyota Zurück in der Spur

Toyota hat das Debakel um millionenfache Rückrufe offenbar weitgehend hinter sich gelassen und schreibt wieder einen ordentlichen Gewinn. Die Krisenstrategie von Konzernchef Akio Toyoda ist bisher aufgegangen. Doch nun muss er wieder angreifen, um den Spitzenplatz der Japaner zu wahren.

Hamburg - Etwas vorsichtig gibt sich Akio Toyoda noch, doch die Zeit der Demut ist bei Toyota  vorbei. "Wir befinden uns immer noch in stürmischen Gewässern", begründete der Konzernchef den nach Geschmack der Analysten etwas vorsichtigen Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr. "Aber jetzt denke ich, dass wir selbst im Sturm noch ein bisschen Sonne durchblitzen sehen."

Selbstbewusst präsentierte Toyoda einen operativen Gewinn von 147,5 Milliarden Yen (rund 1,3 Milliarden Euro) für das Geschäftsjahr 2009/2010. Im Vorjahr hatte es einen in der 73-jährigen Konzerngeschichte nie da gewesenen Verlust von 461 Milliarden Yen gegeben.

Es ist ein bemerkenswertes Comeback, denn kaum ein Autobauer außerhalb der USA ist in den vergangenen anderthalb Jahren so abgestürzt wie Toyota. Von der absoluten Spitzenposition bei Gewinn, Profitabilität und in den wichtigsten Qualitätsrankings fiel das Unternehmen hinein ins untere Mittelmaß - ein Schock für den Konzern, der zuvor von seinem Nimbus als perfekt organisiertes Unternehmen lebte.

Zunächst hatte die Autokrise auf den etablierten Märkten den Unbesiegbarkeitsmythos der Japaner nachhaltig beschädigt. Auf dem Prestigemarkt USA rutschte der Hersteller in ähnlicher Größenordnung wie die geprügelten US-Hersteller ab.

Und gerade, als sich die Kauflaune der Autofahrer auch dank staatlicher Absatzhilfen wieder aufhellte, musste der Konzern weltweit mehr als acht Millionen Autos wegen fehlerhafter Gaspedale in die Werkstätten zurückrufen. Etwa fünf Jahre würde Toyota benötigen, um das Debakel vergessen zu machen, prophezeiten Autoexperten.

Nun fasst Toyota zur allgemeinen Überraschung wieder Tritt. Zuletzt ging es besonders rasant aufwärts. Für das vierte Geschäftsquartal per Ende März wies Toyota dank stark anziehender Verkäufe in den USA, Japan und China einen Betriebsgewinn von 95,3 Milliarden Yen aus. Auch dort standen im Vorjahr rote Zahlen, ein Minus von 682,5 Milliarden Yen.

Kein Kaffee für Manager - die Botschaft kam an

"Dieses Jahr markiert einen Neubeginn für Toyota", verkündete Toyoda. Grundlage sollen wieder schwarze Zahlen sein. Mit einem um 89 Prozent auf 280 Milliarden Yen steigenden Betriebsgewinn rechnet das Unternehmen. Analysten trauen dem Unternehmen sogar doppelt so viel zu. Deshalb zeigte sich der Markt etwas irritiert, die Toyota-Aktie legte an den europäischen Börsen kaum zu, in Frankfurt verlor sie am Nachmittag sogar ein halbes Prozent.

Toyodas Krisenstrategie ist bisher dennoch aufgegangen. Mit hohen Rabatten in den USA hielt der Autobauer die Kunden bei der Stange, was die weltweiten Gewinne weit weniger belastet hat, als von Analysten erwartet. Die Verkäufe zogen von Januar bis März um 65 Prozent an. Das gefürchtete Elefantengedächtnis der von den Horrorunfällen aufgrund klemmender Gaspedale verunsicherten US-Autofahrer erwies sich als erstaunlich kurzlebig.

Gleichzeitig hat sich der strikte Sparkurs früher ausgezahlt, als von Investoren angenommen. Die Toyota-Manager hatten auf ihre Bonuszahlungen verzichtet, und sogar den Kaffee gab es nicht mehr umsonst - auf diese Weise bläute der Konzern dem letzten Mitarbeiter ein, was auf dem Spiel steht.

Nun hat der weltgrößte Autobauer den Tiefpunkt hinter sich gelassen. "Toyota ist ein gutes Stück vorangekommen", sagt Autoexperte Stefan Bratzel gegenüber manager magazin. "Das Unternehmen ist auf dem Weg zu alter Stärke zurück."

Schon der Verlauf des Aktienkurses signalisiert jedoch, das Toyota dauerhaft ein Stück zurückgefallen ist. An der Wall Street beispielsweise notieren die Papiere auf dem Stand von vor sechs Monaten. Der Dow-Jones-Automobilbranchenindex hat seither dagegen um 46 Prozent zugelegt. Andere wie Volkswagen  haben eben eher von dem Rückenwind profitiert, den der wieder anziehende Markt produziert.

"Es darf jetzt nichts Größeres mehr passieren"

Immer noch schwingt an den Märkten zudem die Unsicherheit mit, dass die Rückrufaktionen noch weitere Folgen nach sich ziehen. Erst am Dienstag wurde bekannt, dass die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde eine neue Untersuchung gegen den Autobauer in die Wege geleitet hat. Dabei geht es um die Frage, ob Toyota 2005 ein Pickup-Modell wegen Problemen mit der Steuersäule rechtzeitig zurückgerufen hat.

"Es darf jetzt nichts Größeres mehr passieren", beschreibt Bratzel den schnellen, aber schwierigen Wiederaufstieg Toyotas. Schon jetzt schlage das Rückrufdebakels mit ein bis zwei Milliarden Euro zu Buche.

Diese Kosten kann der Konzern nach jahrelangen Milliardengewinnen zwar recht gut verkraften. Doch neue Patzer könnten dem Image der Marke irreparablen Schaden zuführen. Die gigantische Rückrufaktion wäre dann kein Einzelfall mehr, den die Autofahrer in ein bis zwei Jahren vollständig vergessen hätten.

Auch im laufenden Geschäftsjahr gibt Toyota weiter hohe dreistellige Euro-Beträge aus, um das Fiasko ein für alle Mal vergessen zu machen. Der Konzern investiert allein mehr als die Hälfte seines Gewinns aus dem Vorjahr in neue Rabattprogramme.

Dieses Geld könnte das Unternehmen gut gebrauchen, um sich für die anstehende Zeitenwende in der Automobil zu wappnen. Zwar ist Toyota dank seiner gepriesenen Hybridtechnik im Moment weit vorn bei spritsparenden Antrieben. Um beim Sprung ins reine Elektroautozeitalter ganz vorn dabei zu sein, muss Toyota nach Ansicht von Branchenbeobachtern jedoch noch deutlich mehr tun.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.