EZB-Hilfen Aussicht auf die Inflationsunion

Die EZB hat sich bereiterklärt, die Anleihen klammer Euro-Staaten zu kaufen und bringt damit immer mehr Geld in Umlauf. Die Inflationsgefahr steigt, und Experten streiten: War das in dieser "Notsituation" die "einzig richtige Entscheidung"? Oder "bedenklich für alle Steuerzahler"?

Hamburg - Der Kampf gegen die Spekulanten scheint vorerst gewonnen. Mit einem Maßnahmenpaket in der Größenordnung von 750 Milliarden Euro haben die Finanzminister und Regierungschefs der Euro-Zone verhindert, dass Spekulanten die Gemeinschaftswährung in Grund und Boden zocken.

Doch der Preis, den die Währungsunion für diesen Sieg zahlt, könnte hoch sein. "Wir haben gerade den Einstieg in die Transferunion erlebt", sagt Kai Carstensen vom Ifo-Institut in München gegenüber manager magazin. Ob das, wie Euro-Kritiker behaupten, bald auch in die Inflationsunion führt, bewegt nun viele Experten - und laut Umfragen auch die Gemüter der Deutschen, die sich mehrheitlich vor ungezügelter Preissteigerung als Krisenfolge fürchten.

Diese Sorge löst vor allem die Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB) aus, selbst Staatsanleihen zu kaufen. Dies hat die Zentralbank am Montag als ergänzende Maßnahme zum Rettungspaket der Politik angekündigt. Die Regierungschefs hatten sie ausdrücklich gewünscht und somit den politischen Druck auf die - an sich unabhängige - Bank erhöht. So können sich nun klamme Staaten günstig mit Zentralbankgeld versorgen. Die Geldmenge erhöht sich, die Inflation steigt. Noch in der vergangenen Woche hatte die EZB in einer Stellungnahme von sich gewiesen, über solche Maßnahmen auch nur nachzudenken.

Unmittelbar dürfte ein Inflationseffekt der Maßnahme kaum zu registrieren sein, glaubt Ifo-Ökonom Carstensen. "Für 2010 und 2011 rechnen wir mit keinem allzu starken Anstieg der Inflation", sagt er, "aber danach könnte sie leicht über die 2-Prozent-Marke klettern." 2 Prozent gelten der Bundesbank und auch der EZB als Grenze, oberhalb der die Teuerungsrate starke negative Wirkungen hat.

Das Szenario hält Gustav Horn im Gespräch mit manager magazin für zu pessimistisch. Der Volkswirt am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung rechnet fest damit, dass die EZB die Geldmenge vorher wieder zurückführen wird, "nämlich dann, wenn die Spekulationswelle gebrochen ist".

"Signal der Handlungsfähigkeit"

Die Inflationsgefahr sei im Prinzip gegeben, dennoch hält Horn die Ankündigung der EZB für die "einzig richtige Entscheidung" und erklärt: "Man muss diese ungewöhnliche Maßnahme vor dem Hintergrund der derzeitigen Notsituation bewerten." Es gehe um die "glaubwürdige Abwehr" von wilden Spekulationen gegen den Euro.

Dass sich die EZB der konzertierten Aktion der Euro-Staaten anschließt, hält Horn für ein begrüßenswertes Signal: Alle Beteiligten übernehmen bei der Abwehr der Spekulanten Verantwortung. Auch da ist Ifo-Konjunkturforscher Carstensen skeptischer. Weil die Institution nun das Gegenteil von dem tut, was sie zuvor postuliert hatte, "könnte das Vertrauen in ihre Unabhängigkeit beschädigt sein". Gleichwohl müsse man den Schritt als "Signal der Handlungsfähigkeit" verstehen.

Besonders bedenklich findet er an dem ganzen Hilfspaket, dass die Risiken der Gläubiger klammer Staaten auf diesem Weg aus deren Bilanzen in die Staatshaushalte verschoben würden. "Am Ende haftet der Steuerzahler für ursprünglich private Risiken. Das ist bedenklich und setzt falsche Anreize für die Zukunft ", so Carstensen.

Die Notsituation der Währungsunion erfordert ungewöhnliche Maßnahmen, ist Gustav Horn überzeugt. Wenn alles gut läuft, wenn das Signal der Mitgliedsländer und der Zentralbank stark genug ist, dann könnte der spekulative Druck aus den Finanzmärkten weichen. "Und dann kann es passieren, dass die EZB keine einzige Staatsanleihe aufkaufen muss, weil allein die Drohung ausgereicht hat."

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