Euro-Krise Erst Europa, dann die ganze Welt

Die Euro-Krise stoppt nicht mehr an Europas Grenzen. Schon sind Staaten und Unternehmen weltweit betroffen, die anschwellende Krisenlawine zeigt Ähnlichkeiten mit den Folgen der Lehman-Bankpleite. Jetzt wird klar: Die Staatsverschuldung ist zu einem Sicherheitsrisiko vieler Nationen geworden.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Europa, die ganze Welt, hält inne. Die Staats- und Regierungschefs der 27 Staaten der Europäischen Union, des zweitgrößten Wirtschaftsblocks der Welt, haben in einer dramatischen Abstimmung die europäische Währung zu retten versucht. Bis zu 750 Milliarden Euro in Form eines gigantischen Kreditprogramms können jetzt mobilisiert werden, um "die Attacke gegen die gesamte Euro-Zone" zurückzuschlagen, wie es Nicolas Sarkozy formuliert.

Frankreichs Staatspräsident hat damit fast noch untertrieben. Die Euro-Krise ist längst nicht mehr ein Problem Europas allein. Sie hat das Potential zu einer globalen Wirtschaftskrise. Und genau deshalb hält die Welt heute zu recht gemeinsam mit Europa inne.

Selbst entfernte Wirtschaftsregionen spüren bereits die ersten Schockwellen der Euro-Krise. Dazu gehört beispielsweise Brasilien - und damit selbst einer der Staaten, der die Weltwirtschaft zuletzt mit aus der vergangenen Krise zog. Doch Brasiliens Regierung hat plötzlich den Verkauf eigener Staatsanleihen zusammenstreichen müssen, weil nervöse Anleger dem lateinamerikanischen Staat schlicht nicht mehr so viel Kredit zu den angebotenen Konditionen geben wollten, wie sich das Brasiliens Regierung gedacht hatte.

Zudem muss das Land jetzt wie alle Mitgliedsstaaten des Internationalen Währungsfonds direkt in die eigene Kasse greifen, um die Unterstützung für Griechenland mitzustemmen. Vor allem aber, um mögliche weitere strauchelnde Euro-Staaten zu stützen. Bis zu 250 Milliarden Euro steuern die IWF-Staaten dazu bei, die formale Einigung darauf dürfte schnell zustande kommen. Somit leidet dann auch Südamerika unter der Krise Europas.

Mehr noch: Nach Angaben des Finanzdienstleisters Thomson Financial haben allein in der vergangenen Woche weltweit zehn größere Unternehmen geplante Börsengang abgesagt, weil unter dem Eindruck der Euro-Krise nicht genügend internationale Investoren auch noch in neue Aktiengesellschaften investieren wollten. Damit stehen die betroffenen Unternehmen aktuell ohne die angestrebte Finanzspritze aus dem geplanten Börsengang da. Solch eine Stornierungswelle haben die globalen Börsen offenbar zuletzt im Oktober 2008 hinnehmen müssen. Das war der Folgemonat der Lehman-Pleite, die zum Ausgangspunkt der weltweiten Finanz-, und schließlich der globalen Wirtschaftskrise wurde.

Mittlerweile aber bedroht die Euro-Krise auch direkt die ohnehin noch angeschlagene US-Wirtschaft. Sie leidet beispielsweise unter der Dollar-Aufwertung gegenüber dem Euro; seit Jahresbeginn zog der Greenback um etwa 15 Prozent gegenüber dem Euro an. Denn allein die 500 bedeutendsten börsennotierten Konzerne Amerikas, deren Aktien im Leitindex Standard & Poor's 500 gelistet sind, haben zuletzt mehr als ein Viertel ihres Gewinns auf den Auslandsmärkten eingestrichen. Nach Berechnungen der US-Bank Citigroup davon einen erheblichen Teil in Europa.

Fällt dieser Profitschub nun geringer aus, weil Europas Konzerne ihren US-Rivalen dank der Devisenkursverschiebungen wieder Marktanteile abluchsen, kann das harte Konsequenzen für Amerika haben: Das Verharren in einer stagnierenden Wirtschaft, statt des Umschwungs in eine sich erkennbar erholende. Genau deshalb ist Europas Währung schon jetzt zu Amerikas Problem geworden. Doch es droht aus internationaler Sicht noch schlimmer zu werden.

Angst vor neuer Bankenstarre

Bereits jetzt scheinen die Banker weltweit zittrige Hände zu bekommen. Vor allem am weltgrößten Finanzplatz in New York steigt die Nervosität. Schließlich haben die US-Banken ihren Geschäftspartnern in Europa insgesamt 3,6 Billionen Dollar geliehen, hat die Bank für internationalen Zahlungsverkehr (BIZ) ermittelt. Davon etwa eine Billion an Finanzinstitute und Kunden in Deutschland und Frankreich, die selbst wiederum zu den größten Kreditgebern Südeuropas gehören; nach BIZ-Angaben haben die französischen und hiesigen Finanzinstitute allein staatlichen und privaten Kunden in Italien und Spanien derzeit 1,16 Billionen Dollar geliehen. Die an sich sehr robusten deutschen und französischen Finanzhäuser aber sind wiederum stark mit denen in Amerika verflochten.

So schließt sich der Kreis der Risikogesellschaft, und unter den Banken geht wieder die Angst um. Droht erneut ein systemisches Risiko für die globale Finanzwirtschaft? Eine neue Art von Lehman-Krise? Ausgehend dieses Mal von Staatschulden, nicht von privaten Risiken? Das erste Indiz für den steigenden Pulsschlag war jedenfalls schon zu beobachten: Am Freitag sind die Zinssätze, zu denen sich Banken über Nacht untereinander Geld leihen, deutlich gestiegen.

Zwar kletterten dieser Risikoausgleich bei weitem nicht auf solche Höhen, wie zur Zeit der Finanzkrise, als dieser Markt zwischenzeitlich drohte auszutrocknen. Aber die nervöse Wende ist bereits zu bemerken. Genau deshalb hat der Rat der Europäischen Zentralbank über Nacht beschlossen, private und öffentliche Schuldverschreibungen der Euro-Staaten aufzukaufen. Ob die Spekulation damit ein Ende hat, bleibt abzuwarten. Weil die EZB darauf verzichtet hat, eine Dimension ihrer Unterstützung anzugeben, gegen die dann spekuliert werden könnte, besteht immerhin eine gute Erfolgschance aus Sicht Europas.

Noch mögen viele Bürger außerhalb der Europäischen Union zwar erschüttert auf die Fernsehbilder aus Griechenland schauen. Aber glaubend, nie direkter betroffen zu sein. Doch die Nachricht, die unter den TV-Bildern liegend mit aus Griechenland und Europa in die Welt gesendet wird, ist eine andere:

Aktuell ist Europa unter Feuer, aber es kann jeden Staat treffen. Unerwartet, weil Anleger ohne Vorwarnung nicht mehr bereit sind, das Risiko der Staatsschuldenwirtschaft mitzutragen. Global, weil die Wirtschaftsgebiete miteinander verwoben sind. Und ohne Ansehen großer Namen, weil selbst wichtige Wirtschaftsnationen wie die Vereinigten Staaten oder Großbritannien aufgrund ihrer hohen Auslandsverschuldung besonders anfällig für Spekulationswellen auf den Finanzmärkten sind.

Viel zu lange ist über die möglichen, gefährlichen Folgen der Staatsverschuldung nur geredet worden. Jetzt sind die Konsequenzen zum Greifen nahe. Damit ist die Staatsverschuldung von einer abstrakt scheinenden, theoretischen Gefahr zu einem realen, existenziellen Sicherheitsrisiko vieler Staaten geworden. Nicht nur in der Euro-Zone.

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