Währung in der Krise Verzweifeltes Ringen um den Euro

In Brüssel sucht die Politik nach Wegen, die Schuldenkrise zu beenden und die Talfahrt des Euro zu stoppen. In der Fachwelt glauben jedoch nur wenige, dass dies in nächster Zeit gelingen wird. Auch die Bundesbürger sind einer Umfrage zufolge mehrheitlich pessimistisch. Sie befürchten eine Inflation und liebäugeln mit der Rückkehr zur D-Mark.

Brüssel - Unmittelbar vor dem Sondergipfel der EU-Finanzminister zur Stabilisierung des Euro am Sonntag haben führende Wirtschaftsexperten vor einem weiteren Verfall des Euro gewarnt. Der als Prophet der Finanzkrise berühmt gewordene US-Ökonom Nouriel Roubini etwa warnt im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL davor, dass sich die griechische Schuldenkrise rasant global ausbreiten wird.

"Griechenland ist nur die Spitze des Eisbergs", so Roubini. Die bisherigen Rettungspläne seien nicht ausreichend. "Wenn nicht bald ein Plan B erarbeitet wird, besteht die Gefahr eines Dominoeffekts." Dann werde sich die Krise sehr schnell auf Länder wie Portugal oder Spanien ausbreiten. "Das würde am Ende den Euro sprengen", so Roubini.

Solange die Unsicherheit über Griechenland und andere Mitglieder der Währungsunion andauere, bleibe der Euro unter Druck, sagte auch der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, der "Bild am Sonntag". "Ich denke, wir werden bald 1,20 gegenüber dem Dollar sehen, und ein weiterer Rückgang in Richtung Parität zum Dollar ist durchaus möglich."

Auch der Bundesverband Groß- und Außenhandel (BGA) hat davor gewarnt, der Euro könnte sich in den kommenden fünf oder zehn Jahren zu einer "Weichwährung" entwickeln. Verbandspräsident Anton F. Börner sagte der "Berliner Morgenpost" (Sonntag), dass zwar Länder wie Portugal und Spanien nicht mit Griechenland in einen Topf geworfen werden dürften, weil sie beispielsweise eine ganz andere industrielle Basis haben. Er mache sich aber Sorgen, weil diese Länder versuchen werden, die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) aufzuweichen und den Euro zu verwässern.

"Spanien, Portugal, aber auch Italien werden die Unabhängigkeit der EZB attackieren und dazu drängen, die Geldpressen anzuwerfen, um die Staatsdefizite zu finanzieren", sagte Börner. In den kommenden Jahren könnte dann eine ähnliche Situation entstehen, wie in Südeuropa vor der Einführung des Euro. "Das bedeutet deutlich höhere Inflation und höhere Zinsen - beides wird das Wachstum bremsen."

Börner gibt offenbar wieder, was auch viele Bundesbürger befürchten: Angesichts der Krise des Euros sorgen sich die Deutschen nach einer Umfrage zunehmend um ihr Geld. 52 Prozent der Bundesbürger haben Angst davor, dass es eine Inflation gibt, wie die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf eine Emnid-Umfrage berichtete. Besonders groß sei die Sorge bei den Rentnern, 63 Prozent der Menschen über 65 erwarteten einen Anstieg der Preise.

Unklare Folgen für den Arbeitsmarkt

Der Präsident des wirtschaftswissenschaftlichen Instituts "Bayerisches Finanz Zentrum", Wolfgang Gerke, rechnet ebenfalls mit einer Inflation. Gerke: "Zwar keine Hyperinflation, aber bei drei bis vier Prozent wird sie liegen. Ursache sind die hohen Haushaltsdefizite der Staaten."

Auf die Frage, ob Deutschland eine Rückkehr zur D-Mark prüfen sollte, antworteten der "Bild am Sonntag" zufolge 59 Prozent der Befragten Bundesbürger mit Ja. Auch unter Fachleuten wird diese Option inzwischen ernsthaft diskutiert.

Jeder dritte Deutsche glaubt der Umfrage zufolge, dass es den Euro in zehn Jahren nicht mehr geben wird. Für die Erhebung befragte Emnid am vergangenen Donnerstag 502 Bürger.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) sagte der Zeitung, derzeit müsse niemand Angst um sein Geld haben. Die Bundesregierung müsse eine Abwertung des Euro unbedingt verhindern, sagte der Minister. "Inflation ist die größte soziale Ungerechtigkeit, denn unter ihr leiden Rentner und die Menschen, die wenig verdienen, am meisten".

Unklare Folgen für den Arbeitsmarkt

Die Folgen der Euro-Talfahrt für die Wirtschaft sind indes umstritten. Eckhard Cordes, Vorstandsvorsitzender des Einzelhandelskonzerns Metro, warnte vor negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: "Ein langfristig schwacher Euro kann den wirtschaftlichen Zusammenhalt Europas und damit die begonnene Erholung der deutschen Wirtschaft aufs Spiel setzen. Das kann sich letztlich negativ auf den Arbeitsmarkt auswirken und Arbeitsplätze gefährden."

Michael Hüther, Leiter des arbeitgebernahen Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft, erwartet dagegen eine eher positive Entwicklung: "Der deutsche Arbeitsmarkt entwickelt sich ungetrübt von der Situation in Griechenland. Als indirekte Folge der Abwertung der Staatsanleihen gewinnen Unternehmensanleihen an Attraktivität, was sich positiv auf die Unternehmen und im besten Fall auch auf den Arbeitsmarkt auswirken könnte."

Um den Verfall des Euro aufzuhalten, haben Europas Staatschefs in der Nacht zum Samstag eine energische Verteidigung beschlossen. "Wir werden Gemeinschaftsinstrumente ergreifen, um uns gegen Spekulationen gegen unsere Währung, gegen den Euro zu wehren", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Abschluss der neunstündigen Krisensitzung in Brüssel. Die Finanzminister aller 27 EU-Staaten sollen diesen Krisenmechanismus am heutigen Sonntag beschließen.

manager magazin mit Material von Nachrichtenagenturen

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