Mittwoch, 18. September 2019

Bankenregulierung "Der Fall Goldman wird die Bankenlandschaft verändern"

Goldman Sachs steht vor einer explosiven Hauptversammlung. Die Anteilseigner werden unangenehme Fragen zu den Ermittlungen der Börsenaufsicht stellen. Der Fall hat schon jetzt die Sicht auf die Finanzkrise verändert, glaubt US-Ökonom James K. Galbraith. Die weitreichenden Folgen erläutert er im Gespräch mit manager magazin.

mm: Professor Galbraith, Sie haben in der Finanzkrise empfohlen, strauchelnde Banken für insolvent zu erklären, anstatt sie mit Steuergeld zu retten - aber die Politik hat nicht auf Sie gehört. Als nun die US-Börsenaufsicht SEC erklärte, dass sie gegen Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen ermittelt, kam das für Sie überraschend?

Der Ökonom James K. Galbraith (53) hat sich längst aus dem Schatten seines berühmten Vaters John herausgearbeitet. Als Professor lehrt er an der University of Texas in Austin, als Kommentator aktueller Entwicklungen ist er für seinen Furor bekannt. Galbraith ist ein erklärter Gegner der US-Programme zur Bankenrettung und hat bei Abstimmungen im Repräsentantenhaus versucht, Abgeordnete umzustimmen.
Galbraith: Das ist ein ermutigendes Signal!

mm: Haben wir durch die SEC-Ermittlungen denn schon mehr über die Finanzkrise erfahren, als wir vorher wussten?

Galbraith: Dadurch hat das Wort "Betrug" endlich einen festen Platz im Vokabular für die Finanzkrise gefunden - das ist ein Qualitätssprung in der Debatte. Wenn man, wie ich, in den vergangenen Monaten an vielen Gesprächen über die Finanzmarktkrise teilgenommen hat, dann verging eine Podiumsdiskussion nach der anderen, ohne dass auch nur einmal von "Betrug" gesprochen wurde. Zum Beispiel war ich erst kürzlich auf einem Panel in New York, an dem auch Mitarbeiter des Finanzministeriums und Führungskräfte der US-Zentralbank auftraten. Das deutlichste, was man von denen über die Verfehlungen in der Finanzkrise hören konnte, war der Begriff "Unartigkeit".

mm: Die Masters of the Universe waren unartig?

Galbraith: Niedlich, nicht wahr? Aber gleichzeitig bereitete die SEC eine Untersuchung gegen Goldman vor, in der die Bank des Betrugs beschuldigt wird. Das führt uns vor Augen, wie sich der Blick auf die Finanzkrise derzeit verändert.

mm: Als erste Reaktion argumentierte Goldman damit, dass es nicht verwerflich sei, gegen andere Marktteilnehmer zu wetten.

Galbraith: Ganz recht, dagegen ist nichts einzuwenden.

mm: Warum sollte die Bank also bestraft werden?

Galbraith: Die Vorwürfe beziehen sich nicht darauf, dass gegen Marktteilnehmer gewettet wurde, das ist die falsche Diskussion zu dem Thema. Vielmehr geht es darum, dass Goldman seinen Kunden Papiere angeboten und deren Qualität falsch dargestellt haben könnte, unter anderem gegenüber der deutschen IKB und der Royal Bank of Scotland. Vor allem wird Goldman vorgeworfen, dass dabei die Kooperation mit John Paulson verschwiegen wurde, eine Kooperation, die darauf zielte, dass diese Papiere mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wertlos würden.

mm: Was macht Sie so sicher, dass die Vorwürfe wasserdicht sind?

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