Euro-Austritt Träume von der harten Mark

Ausgerechnet am stärksten Glied der Kette könne die Europäische Währungsunion reißen, warnen Ökonomen. Nicht Griechenland, sondern Deutschland werde den Euro zuerst aufgeben. Die Stimmung im Volk würde eine Rückkehr zur D-Mark treffen. Doch die Risiken der Retro-Geldpolitik sind enorm.

Hamburg - Plötzlich ist das Undenkbare doch denkbar. In der Schuldenkrise geraten alte Gewissheiten ins Wanken. Die Regel, dass die Euro-Länder nicht für die Schulden eines Partnerlandes einstehen müssen, ist bereits Geschichte. Schon wird eifrig über ein Auseinanderbrechen der gesamten Währungsunion diskutiert. Selbst die Europäische Zentralbank sieht sich bemüßigt, das zu thematisieren.

"Der Austritt eines Mitgliedsstaats aus der Währungsunion wäre rechtlich nicht möglich ohne den gleichzeitigen Rückzug aus der EU", beruhigt EZB-Jurist Phoebus Athanassiou, schränkt zugleich aber ein: Mit dem neuen Lissabonner EU-Vertrag ist ein einseitiger EU-Austritt erstmals als Option festgeschrieben. Und in Verhandlungen könne sowieso jede Änderung der Verträge erreicht werden. Was juristisch nicht geht, kann politisch durchaus möglich sein.

Die Investmentbank Morgan Stanley  jedenfalls stellt ihre Kunden bereits auf ein Ende des Euros ein. "Wir haben das Endspiel noch nicht erreicht, aber das Szenario ist mit der jüngsten Entwicklung wahrscheinlicher geworden", erklärt Bankökonom Joachim Fels. Während etwa Griechenland mit der Rückkehr zur Drachme auf Staatsbankrott, Kapitalflucht und Bank Run zusteuern würde, könnte der Austritt für ein Land wie Deutschland in Zukunft attraktiver werden - als "einziger Weg, Geldwertstabilität zu sichern". Denn die Gefahr wachse, dass die Euro-Zone im Lauf der Zeit "zu einer Zone fiskalischer Lasterhaftigkeit, Währungsschwäche und höheren Inflationsdrucks degeneriert".

Die Euro-Gegner hierzulande werden es gern vernehmen. "Dann muss Deutschland austreten, um seine Zukunftsfähigkeit zu behalten und nicht mit hinabgezogen zu werden", forderte jüngst im Deutschlandfunk Wilhelm Nölling, ehemaliger Bundesbanker und einer der vier Professoren, die bereits gegen die Euro-Einführung Verfassungsklage einlegten, was sie nun wiederholen wollen.

Sein Mitstreiter Wilhelm Hankel sammelt bereits Unterschriften für eine Petition an die Bundeskanzlerin: "Geben Sie den Staaten Europas ihre Währungen wieder." Die D-Mark stehe für die Identität und geschichtliche Leistung der Deutschen, Wohlstand und Wirtschaftswunder. Ihre Abschaffung ohne Volksbefragung sei einem "Staatsstreich" gleichgekommen.

D-Mark-Nostalgiker ohne Mehrheit - noch

Selbst die Meinungsforscher der EU-Behörde Eurobarometer stellen fest, "die D-Mark war für viele Deutsche das Symbol für wirtschaftliche Sicherheit, Solidität und Prosperität". 45 Prozent glaubten, die Mark hätte ihnen besser durch die Krise geholfen. Allerdings glauben 47 Prozent das Gegenteil. Sogar 66 Prozent sind grundsätzlich für die Währungsunion, mehr als in Griechenland und den meisten anderen EU-Staaten. Eine Mehrheit der D-Mark-Nostalgiker zeichnete sich zur jüngsten Umfrage im vergangenen Herbst also nicht ab, die Exportnation Deutschland ist ja auch bislang Hauptprofiteur des Euro - aber ob das so bleibt, wenn zweistellige Milliardenbeträge nach Athen, in Zukunft vielleicht Lissabon, Madrid oder Dublin fließen?

"Die Regierenden könnten aus mehreren Gründen glauben, dass ein Austritt aus der Währungsunion hilfreich ist, selbst wenn die Mehrheit der Ökonomen das anders sähe", bestärkt Harvard-Ökonom Martin Feldstein die Prognose von Joachim Fels. Es sei "sehr gut möglich", dass die jetzige Krise zu einer nie dagewesenen Herausforderung für die Solidarität der Euro-Zone werde, die bisher begrenzte Umverteilung von Einkommen über Ländergrenzen hinweg das Gesicht der Union verändere. "Länder mit hohen Einkommen könnten darin Grund genug sehen, raus zu wollen", warnt Feldstein.

Amerikanische Ökonomen machen sich schon länger Gedanken über ein Ende des Euro, der ehemalige Reagan-Berater Feldstein gehört zu den Euro-Skeptikern der ersten Stunde. Das National Bureau of Economic Research richtete im Herbst 2008 dazu eine eigene Konferenz in Mailand aus.

Berkeley-Professor Barry Eichengreen betont eher die Gegenargumente, die allerdings für fragile Länder wie Griechenland oder Portugal stärker seien als für Deutschland. Undenkbar findet er den Euro-Austritt nicht, unterm Strich wögen die Nachteile aber schwerer. "Man kann sich vorstellen, dass ein Land wie Deutschland, verärgert über Druck anderer Regierungen, dass die EZB ihr Bekenntnis zur Preisstabilität lockert, die Deutsche Mark wieder einführt", schreibt er in einem Buch, das im Februar erschien.

Dagegen sprächen aber vor allem politische Risiken. "Wenn Deutschland den Euro aufgäbe, würde das die politische Integration erheblich behindern", meint Eichengreen. Alle Mühen der Nachkriegszeit um Frieden, Stabilität und Zusammenarbeit auf dem Kontinent könnten dahin sein. Deshalb werde die deutsche Regierung eher politischen Druck ausüben, um ihre Wünsche durchzusetzen, allenfalls mit Austritt drohen. Weil ein Viertel der Wirtschaftskraft von Euro-Land auf dem Spiel stehe, würde sie sich wohl auch weiterhin als Zuchtmeisterin Europas durchsetzen können.

Der mühsam erkämpfte Wettbewerbsvorteil wäre dahin

Falls nicht, stünden immer noch erhebliche juristische und technische Hürden im Weg. Wenn Euro-Einkommen in D-Mark-Einkommen umgemünzt würden, müsste das gleiche auch mit den Kreditschulden der Bürger passieren, dann mit Bankeinlagen, dann anderen Elemente der Bankbilanzen, auch Staatsschulden. "Technisch hindert den Gesetzgeber nichts daran, Banken, Firmen, Haushalte und Regierungen zu so einer Umbenennung zu zwingen", so Eichengreen. "Aber in einer Demokratie erfordert das Diskussionen."

Die Beispiele bereits gelungener Auflösungen von Währungsräumen, wie der Zerfall der Sowjetunion und damit des Rubel-Raums oder Argentiniens Aufgabe der Peso-Dollar-Bindung 2001 böten keine Präzedenz, denn "das heutige Europa ist ein komplizierterer Ort", vor allem wegen der hoch integrierten Finanzmärkte. Computer müssten umprogrammiert, Kassenautomaten verändert, neue Banknoten und Münzen im Land verteilt werden. Sogar an "Autofahrer, die vor den Schranken von Tiefgaragen gefangen sein könnten", hat Eichengreen gedacht. "Man muss nur an die Planung denken, die der physischen Einführung des Euro 2002 voranging."

Dieses Argument findet Euro-Kritiker Martin Feldstein allerdings wenig stichhaltig. "Es einmal gelernt zu haben, würde es einfacher machen, dasselbe noch einmal in der Gegenrichtung zu tun", befindet er. Wer den Weg herein in die Union gefunden hat, findet auch den Weg hinaus.

Das wirklich schlagende Argument Eichengreens gegen einen deutschen Euro-Austritt aber sind die wirtschaftlichen Folgen. Die neue D-Mark würde prompt gegen den Euro und andere Währungen aufwerten und damit deutsche Exporte auf dem Weltmarkt verteuern. Der mühsam erkämpfte Wettbewerbsvorteil der Industrie wäre schlagartig dahin. Stattdessen würde ein gewaltiger Kapitalzufluss aus dem Ausland einsetzen, Vermögenspreise in die Höhe treiben, unproduktive Investitionen befördern und Spekulationsblasen auslösen - die gleiche Entwicklung, die mit dem Euro-Beitritt auch am Anfang der griechischen Misere stand. Nur dass sich dann niemand fände, der im Krisenfall den Deutschen helfen könnte.

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