Schuldenkrise Deutsche Firmen zittern um ihre Ausfuhren

Die dramatische Lage in den europäischen Schuldenstaaten Griechenland, Portugal, Spanien und Irland verschärft sich täglich. Deutsche Unternehmen sehen deshalb ihr Exportgeschäft zusehends gefährdet. Eine wachsende Zahl von Firmen ruft den Staat zu Hilfe.

Hamburg - Ob in Griechenland, Spanien, Italien oder Portugal - im gesamten Südgürtel der Europäischen Union beklagen sich deutsche Unternehmen über die mangelhafte Zahlungsbereitschaft der örtlichen Kunden. "Dieses Thema ist bereits seit längerem eine der Sorgen der Firmen und hat sich in letzter Zeit eher noch verschärft", heißt es beispielsweise von der deutschen Außenhandelskammer in Lissabon.

Der Mechanismus ist vielerorts derselbe. Die hochverschuldeten Staaten müssen sparen und halten sich mit Investitionen zurück, was viele Firmen schwächt. Außerdem geben die Banken Firmen nicht mehr ohne weiteres Kredite, weil ihre Einlagen schrumpfen oder sie problematische Staatsanleihen halten.

"Firmen müssen damit rechnen, dass es zu Zahlungsverzögerungen kommt. Zudem steigt das Insolvenzrisiko", sagt Länderanalyst Martin Köhring der Wirtschaftsauskuftei D&B, gegenüber manager magazin. Auf dem Spiel steht ein bedeutender Teil des deutschen Exports. Im Jahr 2009 betrug das deutsche Exportvolumen in die verschuldeten Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien etwa 75 Milliarden Euro, das sind immerhin gut 11 Prozent der gesamten Ausfuhren.

Deutsche Firmen versuchen daher nun fieberhaft, ihre Exporte mit Kreditversicherungen zu schützen. "Aus dem Dialog mit Handelsunternehmen wissen wir, dass derzeit eine große Nachfrage nach diesen Absicherungen besteht", sagt der Präsident des Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, gegenüber manager magazin. "Gerade für größere Transaktionen suchen risikobewusste Unternehmer wegen der stark steigenden Insolvenzen immer öfter eine Absicherung", bestätigt der Deutschland-Chef des Versicherers Atradius, Thomas Langen, gegenüber manager magazin.

Doch offensichtlich gelingt dies immer häufiger nicht mehr. "Die Verfügbarkeit kurzfristiger privater Exportkreditgarantien vor allem für kleinere Exportunternehmen ist nach wie vor sehr angespannt", sagt Außenwirtschaftsexperte Alexander Lau vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Brüssel. Deshalb wollen viele Banken die Ausfuhren nicht mehr finanzieren. "Die Probleme bei der Exportfinanzierung haben nochmals zugenommen", sagt Lau. "Sie konzentrieren sich insbesondere auf exportstarke Branchen wie dem Maschinenbau, aber auch Hochtechnologieunternehmen."

Gerade bei Geschäften in Staaten wie Griechenland, das EU und IWF aufgrund der desolaten Haushaltslage jüngst um Milliardenhilfen gebeten hatte, halten viele Banken und Firmen Exportkreditversicherungen inzwischen jedoch für unverzichtbar. Allein für das besonders stark von der Schuldenlast geplagte Land verzeichnete die Assekuranz ein Deckungsvolumen von 1,3 Milliarden Euro per Ende Februar, wie der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) manager magazin mitteilte. Zum Vergleich: Die gesamten deutschen Exporte nach Griechenland beliefen sich 2009 auf 6,65 Milliarden Euro.

Ansturm auf staatliche Exportgarantien

Im Handel mit Portugal waren ebenfalls Forderungen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro versichert (Exporte 2009: 6,17 Milliarden Euro). Für Spanien erreichte der Wert 7,1 Milliarden Euro (Exporte 2009: 31,3 Milliarden Euro) und für Italien 12,1 Milliarden Euro (Exporte 2009: 51,05 Milliarden Euro). "Insgesamt stehen die Kreditversicherer ihren Kunden sowohl im Inlands- als auch im Exportgeschäft nach wie vor mit hohen Kapazitäten zur Verfügung", heißt es beim GDV.

Viele Unternehmen sehen die Lage jedoch anders. "Viele junge, kleine und mittlere Unternehmen mit kurzer Historie bei privaten Versicherern leiden unter der nach wie vor restriktiven Deckungspraxis der privaten Kreditversicherer", sagt DIHK-Mann Lau. "Dies ist angesichts der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Gesundungsprozesse besonders fatal, weil sich viele Exporteure gerade jetzt nach der Krise neue Kundenstämme und damit Neugeschäft aufbauen müssen und dringend auf eine Absicherung angewiesen sind." Die Lage scheint sich kurzfristig nicht eben zu entspannen. "Man kann davon ausgehen, dass die Preise für Exportkreditversicherungen steigen", sagt zudem Länderanalyst Köhring.

Ihr Heil sucht eine wachsende Zahl von Firmen daher in staatlichen Exportkreditgarantien des Bundes. Diese gibt es traditionell nur für Geschäfte mit Schwellen- und Entwicklungsländern, doch aufgrund der Wirtschaftskrise wurde das Programm auf EU- und OECD-Staaten ausgedehnt.

Seit Mitte 2009 seien mehr als 15.000 zusätzliche Anträge beim mandatierten Versicherer Euler Hermes eingegangen, "in der Regel von Unternehmen, die vorher noch keine staatliche Absicherung in Anspruch genommen hatten und keinerlei private Deckungsmöglichkeit mehr am Markt erhalten haben", sagt Lau. Der Versicherer und das zuständige Bundesministerium wollten sich dazu nicht äußern.

Offiziell sehen die privaten Kreditversicherer ohnehin keinen Grund, den Notstand auszurufen und verstärkt den Staat als Protektor heranzuziehen. "Wir respektieren diese Maßnahme der Bundesregierung", sagt Atradius-Mann Lange, "sind aber weiterhin davon überzeugt, dass das private Geschäftsmodell der Exportkreditversicherung bislang gut funktioniert hat."

Auch Konkurrent Euler Hermes sieht in seinen offiziellen Länderratings selbst derzeit keinen Anlass zur Sorge. "Sehr stabile volkswirtschaftliche Strukturen und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen" attestiert etwa das Unternehmen beispielsweise Griechenland - von Krise keine Spur. Das Land verfüge über ein "allgemein einwandfreies Geschäftsklima und unbedeutendes Risiko durch politische Instabilität, sowie starke Kapazitäten, um auf Wirtschaftskrisen zu reagieren."

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