Schuldenkrise Firmen geben Griechenland verloren

Die Zinsen steigen, die Zahlungsmoral sinkt: Griechenland verliert nach den jüngsten Rating-Herabstufungen dramatisch an Attraktivität für ausländische Firmen. Der auch für die Stabilität des Euro bitter nötige Wirtschaftsaufschwung in dem Land rückt damit in weite Ferne. In den Abwärtsstrudel geraten auch andere Staaten.

Hamburg - Mit Exporten nach Griechenland hat Volkswagen  in jüngster Zeit nicht die besten Erfahrungen gemacht. Der Absatz sank 2009 auf ein Mehrjahrestief, der Rückstand auf Marktführer Toyota  wächst, und dann hingen kürzlich auch noch 250 bereits verkaufte Wagen im Zoll fest.

Der örtliche Händler steckte in Zahlungsschwierigkeiten, weil die Nachfrage angesichts der prekären Wirtschaftslage im Land schwächelt. Als die Kunden nervös wurden, und die Marke VW ernsten Schaden zu nehmen drohte, kaufte der Exklusivimporteur die Wagen schließlich raus - für die Summe von 5,5 Millionen Euro, wie griechische Medien kolportierten.

So oder ähnlich belastet das griechische Schuldenfiasko inzwischen die Geschäfte einer wachsenden Zahl von Unternehmen. Nicht nur der Staat scheidet als Zahler oft aus, auch die Privatwirtschaft gerät zunehmend in den Abwärtsstrudel. Konsum und Investitionen gehen zurück, weil sich der Staat zurückzieht. Insolvenzen nehmen zu, Geschäftspartner vertrauen einander nicht mehr.

"Die Konsequenzen der griechischen Haushaltskrise für die Privatwirtschaft sind noch größer als bisher angenommen", sagt Länderanalyst Martin Köhring von der internationalen Wirtschaftsauskunftei D&B gegenüber manager magazin. "Wir erwarten, dass sich die Zahlungsmoral im zweiten Quartal deutlich verschlechtert."

Gerade hat das Beratungsunternehmen sein Rating für Griechenland heruntergestuft, wie manager magazin von D&B erfuhr. Das Geschäftsrisiko durch politische und wirtschaftliche Verwerfungen ist in Hellas demnach mittlerweile in etwa so groß wie in Uganda, Ghana oder der Dominikanischen Republik. "Das Vertrauen in griechische Firmen sinkt rapide", sagt Köhring.

Exporteuren bricht der Südgürtel weg

Die Unternehmen leiden seinen Worten zufolge zunehmend unter Finanzierungsschwierigkeiten, weil die Zinsen steigen und Banken die Kreditbedingungen verschärften. Dass sich der Staat bei Investitionen zunehmend zurückhält, wirkt sich ebenfalls negativ aus. "Die Aussichten für die Wirtschaft verschlechtern sich deutlich, weil Griechenland nun auf Hilfe von außen angewiesen ist", sagt Köring. Harte Auflagen von EU und IWF würden die Wirtschaft jedenfalls mittelfristig stark belasten.

Noch vor wenigen Wochen maßen deutsche Unternehmen der hellenischen Schuldenkrise wenig Bedeutung für ihr Geschäft bei. Allenfalls Pharma- und Medizintechnikhersteller wie Merck KGaA  zürnten, weil griechische Krankenhäuser ihre Rechnungen nicht oder stark verspätet bezahlten.

Nun beobachten vor allem die Exporteure, wie ihnen der griechische Markt wegbricht. "Während sich die globale Nachfrage nach deutschen Waren zuletzt spürbar belebt hat, entwickeln sich die Geschäfte mit den südeuropäischen Ländern, speziell Griechenland, derzeit unterdurchschnittlich", sagt der Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, gegenüber manager magazin. "Dahinter steht die Verunsicherung der Investoren, aber auch der Konsumenten in Anbetracht der Wirtschafts- und Finanzkrisen und der steigenden Arbeitslosigkeit in den betroffenen Ländern."

Auf dem Spiel steht ein bedeutender Teil des deutschen Exports. Im Jahr 2009 betrug das deutsche Exportvolumen in die verschuldeten Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien etwa 75 Milliarden Euro, das sind immerhin gut 11 Prozent der gesamten Ausfuhren.

Der BGA schätzt die Gefahr einer Kettenreaktion zwischen den Ländern des Südgürtels zwar als gering ein - zu unterschiedlich sei die Wirtschaftskraft von Griechenland, Spanien oder Irland. Die Meldungen einzelner deutscher Außenhandelskammern zeichnen jedoch durch die Bank ein beängstigendes Bild in den von hohen Haushaltsdefiziten gebeutelten Ländern.

Angst vor politischer Eskalation und Terroranschlägen wächst

In Spanien seien Zahlungsmoral und -konditionen "zum Hauptproblem spanischer Niederlassungen deutscher Firmen geworden", sagt der Außenwirtschaftsexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Alexander Lau, gegenüber manager magazin. "Diese Lage ist bereits 2008 eingetreten und hat sich seitdem eher noch verschärft." Ähnlich die Entwicklung in Portugal: Hier besetzte das Thema seinerzeit sogar Platz eins auf der Liste der problematischen Standortfaktoren. Auch hier fürchteten die Unternehmen jetzt eine weitere Verschlechterung. In Griechenland hätten deutsche Firmen die Zahlungsbedingungen drastisch verschärft. "Firmen verlangen immer häufiger Vorkasse", bestätigt Köhring.

Die Unternehmen in Deutschland schätzen die langfristigen Perspektiven der PIIGS-Staaten laut einer Umfrage der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) unterschiedlich ein. Spanien, Italien und Irland hätten nach Einschätzung der Unternehmen vergleichsweise gute Chancen, ihr Schuldenproblem aus eigener Kraft in den Griff zu bekommen. Portugal und Griechenland trauen sie das dagegen kaum zu.

In Griechenland wirkt der Vertrauensverlust am stärksten. Zwar will das Land seine Neuverschuldung von 13,6 Prozent in 2009 binnen drei Jahren auf rund 3 Prozent herunterfahren, dennoch glauben nach der aktuellen Erhebung nur noch einzelne Führungskräfte in Deutschland daran, dass Griechenland wieder auf die Beine kommen kann. Die meisten geben das Land für die nächsten Jahre verloren.

Unter der aktuellen Krise leiden auch die Investitionen internationaler Firmen. In Griechenland waren deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahren mit Abstand die wichtigsten Investoren. Zwischen 2003 und 2008 flossen in recht konstanten Jahresbeträgen gut neun Milliarden Euro aus der Bundesrepublik nach Griechenland. Nun sind die Firmen skeptisch. "Gerade in einer solchen Situation ziehen viele Firmen ihre Auslandsinvestitionen zurück", sagt Länderanalyst Köhring. So hinkt Handelsriese Aldi mit seiner Expansion bereits den eigenen Plänen hinterher.

Als Ausweg aus der Krise empfehlen die meisten Experten den Problemstaaten, trotz aller Ängste um den Konsum Löhne und Gehälter abzusenken. Auf diese Weise lässt sich die Wettbewerbsfähigkeit verbessern, obwohl die Euro-Staaten keine eigene Währung abwerten können.

Doch vor allem in Griechenland hat sich der Widerstand der Gewerkschaften zu einem echten Hindernis für die Regierung entwickelt. Daher stehen die Chancen auch aus Sicht des Länderanalysten Köhring nicht eben gut für einen harten Schnitt. Das politische Risiko sei deutlich angestiegen. "Auch die Gefahr terroristischer Anschläge auf öffentliche Gebäude, aber auch auf private Firmen (inklusive ausländische Firmen), wächst."

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