Staatspleiten Wenn auch der IWF machtlos ist

An den Märkten grassiert die Angst vor einer Pleite Griechenlands stärker denn je. Manche Gläubiger rechnen nicht mehr damit, ihr Geld vollständig wiederzusehen. Die Furcht ist begründet - auch das Einschreiten internationaler Organisationen schützt Staaten nicht immer vor dem Bankrott.

Hamburg - In Punkto griechische Anleihen wiegen sich manche Investoren seit Monaten in Sicherheit. Steht hinter dem hochverschuldeten Land doch die potente EU-Staatengemeinschaft - getreu dem Motto: Gerät das Land ernsthaft in Gefahr, fangen es die übrigen Euro-Staaten eben auf. Bei einer kleinen Volkswirtschaft wie Griechenland sollte das doch kein Problem sein. Die hohen Renditen griechischer Anleihen wirkten für manchen Zeichner lange weniger wie eine Mahnung, denn wie das Versprechen anstrengungslosen Wohlstands.

Nun bekommen es manche Anleihezeichner offenbar doch mit der Angst zu tun. Nachdem Griechenland die EU und den Internationalen Währungsfonds (IWF) offiziell um Hilfe gebeten hat, schnellen die Renditen in neue Höhen und kratzten beinahe an der 10-Prozent-Marke. Mit einem Mal wird vielen Investoren klar, wie schlimm es um den griechischen Haushalt und die Wirtschaft bestellt ist und dass auch die anderen Staaten keine Neigung verspüren, das Land dauerhaft durchzufüttern.

Die jüngsten Beispiele von Staatspleiten zeigen, dass die Furcht einen realen Hintergrund hat. Sowohl im Fall von Russland als auch beim Bankrott Argentiniens hatte in Form des IWF eine internationale Organisation mit Milliardeninfusionen versucht, das Unheil zu stoppen - jeweils ohne Erfolg. Anschließend blieben die Gläubiger auf bis zu 82 Prozent ihrer Forderungen sitzen, wie die Commerzbank in einer aktuellen Studie aufzeigt.

"Auch das Einschreiten des IWF kann nicht garantieren, dass ein Land seine Staatsfinanzen erfolgreich saniert", stellen die Autoren fest und ziehen Parallelen zum aktuellen Fall Griechenland. Dreh- und Angelpunkt für den Erfolg einer Entschuldung seien wirtschaftliche Reformen, die die Wettbewerbsfähigkeit des Problemlandes erhöhten - zumal, wenn es wie Griechenland nicht Geld drucken kann oder mittels einer aktiven Geldpolitik die Wirtschaft steuern kann.

So erging es Argentinien, das seine Währung 1991 an den US-Dollar gebunden hatte. Auf diese Weise wollte das Land seine Hyperinflation bekämpfen. Doch in der folgenden wirtschaftlichen Schwächephase Mitte/Ende der 90er-Jahre war das Land seiner Möglichkeit beraubt, die Währung abzuwerten.

Investoren mussten bis zu 82 Prozent der Anlagen abschreiben

Gegen einen rigiden Sparkurs und den Versuch, Löhne zu senken, gingen gewalttätige Demonstranten auf die Straße. Als Investoren immer mehr Kapital aus dem Land abzogen und die Notenbank die Dollar-Parität nicht mehr aufrecht erhalten konnte, konnte Argentinien seine Schulden nicht mehr bedienen.

Auch der IWF war machtlos. Die Hilfspakete vom Dezember 2000 und August 2001 verpufften, weil Argentinien nicht die mit dem Währungsfonds vereinbarten Haushaltsziele einhielt. In der Wirtschaftskrise und unter dem Druck der Straße zog es die Regierung vor, die Konjunktur anzukurbeln.

In Russland konnte der IWF ebenfalls nicht viel ausrichten. Das Land litt darunter, dass die von der Asienkrise besonders betroffenen Staaten Geld aus dem größten Land der Erde abzogen. Russland musste Investoren immer höhere Zinsen bieten. Als IWF und Weltbank im Juni 1998 22,6 Milliarden Dollar bereitstellten, ließen sich die Märkte davon nicht mehr besänftigen. Zu desolat war der Zustand des Haushalts, zu hart traf die Rohstoffkrise den Staat, der wie kaum ein anderer von Öl- und Gasexporten abhängig ist. Der Staat bediente seine Schulden nicht mehr und wertete den Rubel ab.

In beiden Fällen waren die Konsequenzen für Investoren dramatisch. "Bei argentinischen Papieren betrug der Abschlag durchschnittlich 73 Prozent des Nennwertes, bei russischen gar 82 Prozent", schreiben die Autoren der Commerzbank-Studie und berufen sich dabei auf eine Moody's-Untersuchung. Die Ratingagentur hat dabei die Folgen von 13 Staatspleiten zwischen 1998 und 2008 für Investoren untersucht und festgestellt, dass die Anleger durchschnittlich auf 50 Prozent ihrer Anlage verzichten müssen. "Die Kosten für Anleger sind hoch", urteilen die Commerzbank-Fachleute.

Die Versuchung, sich durch eine Staatspleite von den Schulden zu befreien, dürfte für Griechenland und die EU dennoch begrenzt sein. Für Argentinien und Russland hatte der eigene Bankrott auch unangenehme Langzeitfolgen - die Staaten konnten sich bis heute nicht an den internationalen Finanzmärkten blicken lassen. Auf ein solches Szenario würden die Euro-Staaten dann doch lieber verzichten.

Genug Porzellan ist aber auch jetzt schon zerschlagen, urteilt die Commerzbank: "Trotz der für Griechenland in Aussicht gestellten Hilfen dürfte der Renditeaufschlag gegenüber deutschen Staatsanleihen langfristig nicht auf das Niveau von vor der Krise zurückgehen."

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