IWF Deutsches Geschäftsmodell angezweifelt

Nun stellt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) die hohen Überschüsse der deutschen Wirtschaft in Frage. Damit liegt er einerseits richtig: Mit der bisherigen Exportfixierung allein werden wir auf Dauer nicht erfolgreich sein können. Aber was soll an einer starken Wirtschaft falsch sein? Diskutieren Sie mit!

Von Deutschland aus betrachtet sieht die Welt so aus: Die Amerikaner haben ein Problem, die Spanier, die Briten auch, und die Griechen sowieso. All diese Nationen geben zu viel aus, leben über ihre Verhältnisse, sind nicht wettbewerbsfähig genug und verschulden sich rücksichtslos im Ausland. Wir hingegen sind die Sparsamen, die Fleißigen, die Wettbewerbsfähigen, deren Spitzenprodukte weltweit gefragt sind.

So kann man es sehen. Muss man aber nicht.

Es gibt auch die andere Sicht. Die geht etwa so: Ihr Deutschen seid zu geizig, betreibt Lohndumping auf Kosten anderer, gebt zu wenig öffentliches Geld aus und verlasst euch einfach darauf, dass der Rest der Welt schon die Nachfrage schafft, um Euch mit aus der Krise zu ziehen.

So ähnlich tönte es in den vergangenen Wochen von Frankreich, Großbritannien und anderen EU-Partner herüber. Ins gleiche Horn stößt nun der Internationale Währungsfonds (IWF), der sich zur Mittwoch beginnenden Frühjahrstagung von IWF und Weltbank Überschussländer wie Deutschland, China und Japan vorknöpft. Damit es mit der Erholung der Weltwirtschaft etwas werden könne, so der IWF in seinem World Economic Outlook, bestehe die "Herausforderung" für die Überschussländer darin, "das Wachstum neu auszutarieren". Schließlich bleibe die Nachfrage aus inzwischen hochverschuldeten Defizitländern wie den USA auf längere Sicht schwach. Deshalb müssten Deutschland, China und Co. auf "heimische Quellen" des Wachstums umsteigen. Ziel müsse es sein, "in Zukunft geringere außwirtschaftliche Ungleichgewichte zu fahren".

Starker Tobak.

Man kann das als Angriff auf das deutsche Geschäftsmodell verstehen, so wie es sich in den 2000er Jahren herausgebildet hat. Wettbewerbsstarke Industrieunternehmen mit hoher und steigender Produktivität profitierten vom Boom der Schwellenländer, die just jene Maschinen und Anlagen brauchten, die Deutschland herstellte. Und Deutschland baute all jene Luxusautos, die in Nordamerika, bei den europäischen Nachbarn und den neuen Wohlhabenden im ganzen Rest der Welt so gut ankamen. Die Lohnsteigerungen waren extrem moderat, was der Wettbewerbsfähigkeit half. Der Staat sparte. Die Unternehmen investierten wenig.

So kam es, dass Deutschland viel weniger importierte als es exportierte. Der Überschuss in der Leistungsbilanz stieg immer weiter, in der Spitze, im Jahr 2007, auf um die 7 Prozent. Und auch 2009, als der Welthandel förmlich kollabierte, lag der Überschuss immer noch bei knapp 5 Prozent. Und wir sind stolz darauf!

Der Überschuss ist geradezu das Symbol für die Wiederauferstehung Deutschlands als Wirtschaftsstandort in den 2000er Jahren. Doch auf Dauer einen großen positiven Saldo in der Leistungsbilanz erzielen zu wollen, das ist kein sinnvolles Politikziel. Ebenso wenig wie ein hohes Leistungsbilanzdefizit irrelevant wäre. Denn: Ein chronisches Defizit führt in den Bankrott. Es ist unmittelbar gefährlich (siehe die Krisen in Asien und Russland Ende der 90er Jahre). Langfristig aber bergen Überschüsse ebenfalls Risiken, weil sie der heimischen Bevölkerung Wohlstand entziehen und so zu sozialer Instabilität sowie zu Protektionismus in den Abnehmerländern führen können.

Heikles Gegensteuern

Was also tun? Die Frage ist in der Tat nicht so leicht zu beantworten, gerade für Deutschland. Die üblichen Politikoptionen sind in der derzeitigen Situation wenig überzeugend.

Option 1: Die Aufwertung des Wechselkurses gegenüber den wichtigsten Handelspartnern ist kaum möglich: Innerhalb der Währungsunion sind die Wechselkurse ein für allemal fixiert.

Option 2: Für eine expansive Geld- und Fiskalpolitik gibt es wenig Spielraum. Die Geldpolitik unterliegt der Europäischen Zentralbank (EZB), die sich am gesamten Euro-Raum ausrichten muss (und die im übrigen bereits jetzt einen stark expansiven Kurs fährt, so dass die Inflationsgefahr zunimmt). Die Fiskalpolitik ist ebenfalls im Zuge der Krise expansiv ausgerichtet. Sicher, der Staat könnte noch mehr schuldenfinanzierte Programme auflegen. Das aber scheint nicht gerade klug angesichts immer höherer Schuldenlasten. Und überhaupt: Wer soll dann Griechenland retten?

Option 3: Satte Lohnsteigerungen sind heikel. Schießen die Löhne in der Industrie zu schnell in die Höhe, drohen Jobabbau und Betriebsverlagerungen. Auch bei Billigjobs sind die Spielräume begrenzt: Über Mindestlöhne im Dienstleistungssektor kann man reden, aber sie gefährden gerade die Jobs der Schwächsten auf dem Arbeitsmarkt.

Der IWF nennt allerdings eine weitere Politikoption, und über die muss man reden: Strukturreformen - funktionsfähige Finanzmärkte schaffen, tragfähige soziale Sicherungssysteme einführen. Außerdem sollte die Corporate Governance verbessert und geschützte Märkte geöffnet werden. Ziel der Übung: Marktverzerrungen reduzieren, "Investitionen steigern, Leistungsbilanzdefizit verringern und das Wachstum stärken", so der IWF.

Damit allerdings sollte sich Deutschland anfreunden: den Arbeitsmarkt liberalisieren, die weithin geschützten Dienstleistungsmärkte (vom Handwerk über die freien Berufe bis zu den Netzwerkbranchen) öffnen, den Sozialstaat reformieren und bestehende Beschäftigungsfallen schließen, nicht zuletzt die öffentlichen Haushalte auf eine tragfähige Grundlage stellen, damit die Bürger nicht aus Angst vor künftigen Steuererhöhungen und Leistungskürzungen mehr sparen, als ihnen lieb und der Volkswirtschaft zuträglich ist. Und auch dies gehört auf die Agenda: mehr Bildung, gerade für bildungsferne Schichten. Und mehr qualifizierte Einwanderer in Land holen.

So sieht eine angebotsorientierte Strategie gegen überbordende Leistungsbilanzüberschüsse aus. Denn die nach wie vor geringen Investitionen in Deutschland müssen dringend steigen. Deutschland hat seine Ersparnisse im vergangenen Boom zu einem Großteil in griechische Staatsanleihen, spanische Häuser oder exotische Kreditderivaten gesteckt - statt sie hier im Lande sinnvoll zu investieren. Letztlich geht es darum, die Beschäftigung und den Lebensstandard zu sichern. Und wenn möglich zu steigern.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.