Deutsche Bank "I'm short your house"

Die Betrugsklage gegen Goldman Sachs trifft auch andere Investmentbanken. Besonders der Deutschen Bank gelten Vorwürfe wegen ähnlicher Wetten auf sinkende Hauspreise. Konzernlenker Josef Ackermann muss hoffen, dass das US-Gericht die Beweislage gegen Goldman zu dünn findet.

Hamburg - Noch bevor Goldman Sachs  an diesem Dienstag abermals von einem überraschend hohen Milliardengewinn berichtete, gab die Deutsche Bank  eine Kaufempfehlung für die Aktie der New Yorker Investmentbank ab. Analyst Michael Carrier ging in seiner Studie vom Montag mit dem Kursziel von 220 Dollar ausdrücklich auf die Klage der Börsenaufsicht SEC wegen Betrugsverdachts ein. Die starken Kursverluste seien "eine Überreaktion", Goldman-Aktien angesichts des guten Risikomanagements der Bank "attraktiv bewertet". Die Klage werde ein "Einzelfall" bleiben, vollständige Aufklärung sei "nur schwer herbeizuführen".

Behielte Carrier Recht, würde das auch seinem Arbeitgeber nutzen - vor allem, wenn es um die Passage mit dem "Einzelfall" geht. Denn die SEC hat laut Medienberichten längst auch die Deutsche Bank im Visier. Die Vorwürfe ähneln denen, deretwegen der britische Premier Gordon Brown Goldman Sachs "moralischen Bankrott" bescheinigt, deutsche Politiker einen Boykott erwägen, mehrere Firmen eigene Klagen prüfen.

"Einige Marktteilnehmer glauben, dass die Deutsche Bank von dieser Affäre stärker betroffen sein wird als andere Investmentbanken", sagt Branchenanalyst Konrad Becker von Merck Finck. Insgesamt stehe "nicht Goldman Sachs vor Gericht, sondern das Investmentbanking als solches, mit der Galionsfigur Goldman". Zugleich kündigt die SEC weitere Ermittlungen wegen ähnlicher Geschäfte von Ende 2006 und Anfang 2007 an. Im Dezember bekamen laut "Financial Times" acht der weltgrößten Investmentbanken Vorladungen von der SEC, darunter neben Goldman Sachs auch die Deutsche Bank.

Beide Institute sind trotz einiger Blessuren mit dem Nimbus der Gewinner aus der Finanzkrise hervorgegangen, haben zugleich aber den Zorn vieler Verlierer der Krise auf sich gezogen. Beide haben früher als andere erkannt, dass der Preisverfall von US-Immobilien zu Kreditausfällen führen würde, und mit der Wette darauf Milliarden verdient - während sie weiterhin Kreditderivate wie Collateralized Debt Obligations (CDOs) verkauften und ihre Kunden damit auf die Verliererseite schickten.

Doch das allein ist nicht verboten. "Der bloße Fakt, dass die Deutsche Bank CDOs emittiert und möglicherweise selbst gegen den Markt gewettet hat", macht sie in Beckers Augen nicht zu einem zweiten Fall Goldman. Denn "dort lautet der Vorwurf Betrug", erklärt der Analyst.

Hatte Bear Stearns mehr Gewissen als Deutsche und Goldman?

Konkret wirft die SEC Goldman und deren Manager Fabrice Tourre vor, Käufer eines bestimmten CDOs namens Abacus 2007-AC1 wie die deutsche Krisenbank IKB getäuscht zu haben. Sie hätten nach Ansicht der SEC erklären müssen, dass der Hedgefondsmanager John Paulson, der auf einen Wertverfall des Abacus-Vehikels setzte, großen Einfluss auf dessen Konstruktion hatte - und so dafür sorgte, dass der Zwei-Milliarden-Dollar-Fonds ihm eine Milliarde Gewinn, der Gegenseite um IKB ebenso viel Verlust brachte. So etwas dürfte in anderen Fällen schwer nachzuweisen sein.

Doch die Parallelen zwischen Goldman und Deutscher Bank sind groß. "Wall-Street-Journal"-Reporter Greg Zuckerman schreibt in seinem Buch "The Greatest Trade Ever", Paulson habe die Idee derartiger CDOs an der Wall Street beworben, um seine eigene Wette gegen den Häusermarkt besser platzieren zu können. Dafür winkten den Banken Millionengebühren - und die Chance, mitzuwetten. Die inzwischen kollabierte Bear Stearns habe das als "unethisch" abgelehnt, Goldman Sachs und die Deutsche Bank nicht.

Besonders für Paulson zahlte sich die Wette aus, laut dem Branchenblatt "Alpha Magazine" markierte der zurückhaltende Mann mit der leisen Stimme 2007 mit 3,7 Milliarden Dollar den historischen Einkommensrekord an der Wall Street - im Jahr, als die Finanzkrise ausbrach. Auch das CDO-Team der Deutschen Bank unter Greg Lippmann soll damals immerhin zwei Milliarden Euro verdient haben.

Lippmann warb aktiv um Hedgefonds, die CDOs der Deutschen leerverkaufen sollten. Dabei verteilte er mitunter T-Shirts mit der Aufschrift "I'm short your house" - ein Bekenntnis also zur Wette gegen das Vermögen amerikanischer Hausbesitzer. Lippmann gehörte auch zu der "Gang of Five" von CDO-Händlern fünf großer Investmentbanken, die sich 2005 am New Yorker Sitz der Deutschen trafen und neue Regeln ersonnen, um Wetten mit CDOs schneller, einfacher und ertragreicher für die Leerverkäufer zu machen.

Wie die Deutsche Bank Großverdiener Paulson half

Wie im Fall des Abacus-Fonds von Goldman gab Paulson laut "Wall Street Journal" auch der Deutschen Bank Empfehlungen, auf welche Hypothekenpapiere die CDOs der Marke "Static Residential" (Start) aufbauen sollten, und setzte sich in vielen Fällen durch. Die Banken verweisen darauf, dass alle Investoren an Diskussionen über die Zusammensetzung der Fonds beteiligt gewesen seien, und letztlich ein unabhängiger Fondsmanager entschieden habe. Doch im Fall von Abacus 2007-AC1 sieht die SEC den dort eingesetzten Monoline-Versicherer ACA als Strohmann an, der selbst nicht über Paulsons Absichten im Bild gewesen sei.

Das Ergebnis der Auswahl war bei den Abacus- wie bei den Start-CDOs ein schnellerer Wertverlust als bei vergleichbaren Wertpapieren anderer Häuser. Die SEC will so belegen, dass dahinter Absicht steckt. Sollte sie damit vor Gericht durchkommen, könnte das ein Präzedenzfall auch für die Deutsche Bank werden. Zu den Start-Opfern gehörte vor allem die inzwischen mehrheitlich verstaatlichte Versicherung AIG , die sich im Fall Goldman bereits klagewillig zeigt.

Ein weiterer von der Deutschen Bank im November 2006 aufgelegter CDO namens Carina mit einem Volumen von knapp 1,5 Milliarden Dollar erfuhr nicht einmal ein Jahr später den ersten "Event of Default" und wurde später liquidiert, wie aus einer Aufstellung der Finanzbloggerin Yves Smith hervorgeht.

Hinter Carina stand nicht John Paulson, sondern der Hedgefonds Magnetar, der laut Recherchen des Webdienstes "Pro Publica" mit 30 CDOs das größte Rad in der Wette auf zahlungsunfähige Hypothekennehmer drehte, zusammen mit Deutscher Bank und acht weiteren Investmentbanken. Auch der erste Magnetar-CDO namens Orion kam mit Hilfe der Deutschen zustande - und ebenso dessen risikoreiche Zusammensetzung. Immerhin erlitt Orion bislang nur Kursverluste, musste aber keinen Offenbarungseid ablegen.

Wegen eines anderen Magnetar-CDOs namens Norma verklagt die niederländische Genossenschaftsbank Rabobank die heute zur Bank of America  gehörende Merrill Lynch. Am Freitag gaben die Niederländer vor Gericht zu Protokoll, Merrill habe "die selbe Art betrügerischen Verhaltens" an den Tag gelegt, wie die SEC nun Goldman vorwirft.

Klagen aussichtslos - bis die Banker überheblich werden

Auch gegen die Deutsche Bank liegen bereits CDO-Klagen vor. Schon 2008 forderte die Regionalbank M & T, an der Warren Buffett als Großaktionär beteiligt ist, 82 Millionen Dollar Schadenersatz wegen eines CDOs namens Gemstone, von der Deutschen Bank angeblich als "sicher, unbedenklich und nahezu risikofrei" beworben.

Die Deutsche Bank kommentiert all diese Vorwürfe nicht. Weil es bisher in dem relativ jungen Markt kaum Rechtsstreit gab, sind die juristischen Erfolgsaussichten der Klagen offen. Goldmans Verteidigungslinie lautet, dass alle Beteiligten erfahrene Teilnehmer des CDO-Handels waren und wussten, worauf sie sich einlassen. Die SEC hebt dagegen E-Mails des Goldman-Managers Fabrice Tourre hervor, in denen der "fabelhafte Fab" sich zum "einzigen möglichen Überlebenden" erhebt.

Bei den New Yorker Deutschbankern dürfte diese Überheblichkeit böse Erinnerungen wecken. In den 90er Jahren klagten der Konsumgüterhersteller Procter & Gamble  und drei weitere Industriefirmen, weil Bankers Trust sie mit Derivaten hinters Licht geführt habe.

Die Klage schien aussichtslos, bis Mitschnitte von Telefonaten der Banker auftauchten: "Funny business, you know? Lure people into that calm and then just totally fuck 'em." Bankers Trust musste zahlen, der Ruf war dahin, das Institut reif für die Übernahme durch die Deutsche Bank.

Bankenanalyst Konrad Becker meint, dass der Goldman-Prozess zu einer Verurteilung führen könnte. "Das hätte mehr Folgen als nur die Strafzahlung", sagt Becker, "es würde das Renommee der Investmentbanken treffen und den Regierungen erleichtern, ihre Regulierungspläne durchzusetzen". Die Deutsche Bank muss also hoffen, dass die Goldmänner nicht vom Glück verlassen werden. "Wenn sie dagegen gewinnen, werden sie heiliggesprochen."

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