Konjunktur Per Anhalter durch den Aufschwung

Deutschlands Wirtschaft lässt die Krise mühsam, aber schneller als manche europäischen Partnerländer hinter sich. Doch ausgerechnet die Bundesbürger erhalten jetzt noch ein wenig Rückenwind bei der Krisenbewältigung: Sie profitieren zusätzlich von Europas Hilfe, die eigentlich die Lage darbender Südstaaten verbessern soll.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Wenn die Chefs der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute am morgigen Donnerstag ihre Frühjahrsprognose für Deutschlands abgeben, werden sie ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken können. Denn die Forscher von IfW (Kiel), Ifo (München), IWH (Halle), RWI (Essen), IMK (Düsseldorf), KOF (Zürich), sowie Wifo und IHS (beide Wien) werden leidlich Gutes vermelden: Deutschland erholt sich mehr und mehr von der schwersten Wirtschaftskrise der vergangenen Jahrzehnte - 1,5 Prozent Wachstum werden die Experten laut Kreisen als Prognose für 2010 wohl verkünden.

"Es ist zwar alles andere als ein rasanter Aufschwung zu spüren. Aber wir sind auf dem Weg zurück zu der Wirtschaftskraft, die Deutschland vor Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise hatte", sagt Christian Draeger, Konjunkturexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft (DIW) in Berlin.

Zugute kommen den Bundesbürgern dabei nicht nur all die verbesserten Fakten, die von den Forschern morgen in ihrem Frühjahrsgutachten aufgelistet werden: Die steigende Investitionsbereitschaft der deutschen Unternehmen etwa. Oder der vergleichsweise stabile Arbeitsmarkt. Deutschland dürfte bald auch noch von dem profitieren, was in dem Frühjahrsgutachten vornehm verschwiegen wird. Und das ist von hoher Brisanz für ganz Europa.

Mit keinem Wort erwähnt wird wohl, wie die deutsche Wirtschaft von der Malaise mancher europäischer Partnerstaaten profitieren wird - und das womöglich für einen beachtlichen, Monate währenden Zeitraum. "In unserer Erholungsphase, in der Deutschlands Unternehmen noch weithin unter schlecht ausgelasteten Kapazitäten leiden, können unsere Firmen künftig jene Hilfsmaßnahmen mitnutzen, die sich Euro-Land eigentlich aus Rücksicht auf die wirtschaftlich hinterherhinkenden Südstaaten leistet", sagt Professor Michael Grömling, Konjunkturchef des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln.

So wird die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen in der Euro-Zone beispielsweise längere Zeit auf niedrigem Niveau halten, als es für die deutsche Wirtschaft nötig wäre. Sie kommt schließlich von selbst auf die Beine: Allein von April bis Juni werde das deutsche Bruttoinlandsprodukt so stark zulegen, als ob in der Jahresendabrechnung ein Plus von 2,8 Prozent zu Buche schlagen würde, haben die Forscher der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zuletzt geschätzt.

"Deutschland wird sich in diesem Jahr fast doppelt so gut entwickeln, wie der Euro-Raum insgesamt, der unserer Meinung nach nur mit einem Miniwachstum von 1,0 Prozent in 2010 aus der Krise kommt. Die EZB aber, die für ganz Euro-Land verantwortlich ist, wird deshalb wohl erst im Frühjahr 2011 beginnen, die Leitzinsen anzuheben", schätzt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank . "Das aber erleichtert nicht nur manchen südeuropäischen Euro-Staaten die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte, wie beispielsweise Spanien. Die Bundesrepublik profitiert davon ebenfalls - quasi als Trittbrettfahrer", sagt Torsten Schmidt, Konjunkturexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen.

Steigender Profit dank sinkender Euro-Kurse

Ebenfalls stark zugute kommt der deutschen Wirtschaft die Entwicklung des Euro-Kurses. Denn der fällt seit Mitte Januar deutlich, und das nicht nur gegenüber dem US-Dollar : Trotz jüngster Stabilisierungstendenzen hat die europäische Gemeinschaftswährung in den vergangenen Monaten auch gegenüber dem britischen Pfund  und Japans Yen  erkennbar Federn gelassen.

"Für die deutschen Exportparadedisziplinen Maschinenbau und Kraftfahrzeuge, aber auch für die Luft- und Raumfahrtindustrie, ist diese Euro-Schwäche geradezu Rückenwind", bestätigt Anton Börner, Präsident des Groß- und Außenhandelsverbands.

Doch auch der niedrigere Euro-Kurs, der neben der verbesserten preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft plötzlich zum Treibsatz des hiesigen Außenhandels wird, ist vor allem Folge der wirtschaftlichen Probleme südeuropäischer Euro-Staaten. "Der Euro-Kurs ist in den vergangenen Wochen nicht zuletzt unter Druck geraten, weil die Schuldenkrise Griechenlands immer wieder in den Fokus gerückt ist", sagte Antje Praefcke, Devisenexpertin der Commerzbank .

Mehr noch: Dieser für den hiesigen Außenhandel so antreibende Zufall, könnte gar nachhaltig wirken. "Die Euro-Schwäche, die Deutschlands Exporteuren derzeit auf die Beine hilft, dürfte in der Tendenz noch Monate anhalten. Denn die strukturellen wirtschaftlichen Probleme der europäischen Südstaaten sind so groß, dass nicht mit schneller Besserung gerechnet werden kann", sagt RWI-Experte Schmidt. Und damit auch nicht mit einem schnellen Widererstarken des Euro, das Deutschlands Exporterfolge wieder drosseln würde.

Sicherlich: Beide Effekte, die niedrigen Zinsen wie auch der vergleichsweise moderate Euro-Kurse, werden Deutschlands Wirtschaft nicht alleine retten. Da sind sich Konjunkturexperten einig. "Denn das Wohl und Wehe der deutschen Exporteure beispielsweise hängt nur zu einem kleineren Teil vom Euro-Kurs ab. Zu einem weit größeren dagegen von der Wirtschaftslage der Abnehmerländer", sagt IW-Konjunkturchef Grömling; nicht zuletzt deshalb stammt der vergleichsweise hohe deutsche Exporterfolg im vergangenen Monat vor allem von Ausfuhren nach Asien. Und die Wirtschaftsmalaise in Südeuropa bremste in dieser Rechnung sogar erkennbar.

Unter dem Strich aber werden die Bundesbürger wohl in den nächsten Monaten von der aktuell auseinanderdriftenden Wirtschaftslage in der Euro-Zone durchaus Rückenwind spüren - und nicht nur für sie zahlen, wie beispielsweise für das Griechenland-Hilfspaket des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Union.

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