China Keine Angst vor der neuen Supermacht

Das weltweite Wirtschaftsgefüge ist im Umbruch. China und andere asiatische Staaten holen kräftig auf, während die USA und Europa schwächeln. Die Mitglieder der manager-lounge sehen die führende Rolle des Westens gefährdet, geben aber auch Tipps, wie hiesige Unternehmen von der Entwicklung am besten profitieren.

Hamburg - China hat Deutschland als Exportweltmeister abgelöst und besitzt erstmals den größten Autoabsatzmarkt der Welt. Nicht nur diese beiden Fakten sprechen dafür, dass das riesige Land an die Spitze der stärksten Wirtschaftsnationen eilt. Schon bald werde Japan überholt, dann die USA, sagen Experten voraus. Doch bei aller Euphorie um China gibt es auch Gegenstimmen, die auf ein noch immer niedriges Pro-Kopf-Einkommen in dem 1,3-Milliarden-Einwohner-Reich verweisen und vor einer gewaltigen Blase an den Aktien- und Immobilienmärkten warnen.

Doch für die meisten Mitglieder der manager-lounge liegt China vorn. Laut einer Umfrage erwarten 29 Prozent der Befragten, dass die Chinesen schon bald die Nummer eins unter den Wirtschaftsnationen sein werden. Weitere 39 Prozent vermuten, dass es zwar noch eine Weile dauert, doch dann liege der asiatische Raum wirtschaftlich deutlich vor dem Westen. In eine andere Richtung denkt etwa ein Drittel der Mitglieder. 15 Prozent glauben, dass Chinas Wachstum überschätzt wird und die USA noch lange die Spitzenposition verteidigen. Und für weitere 16 Prozent trägt die Entwicklung in Asien die Züge einer Blase - der Westen bleibt laut ihrer Ansicht auf Dauer vorn.

Für Andreas Kluge-Rech vom Sportwagenhersteller Porsche ist dagegen klar: "China wird die Weltmacht im 21. Jahrhundert." Das Land zeige besonders durch seine politischen Machtstrukturen eine hohe Effizienz in strategischen Programmen. "Die europäischen Länder erinnern mich dagegen an die Zeiten der deutschen Kleinstaaten. Unsere fortbestehende Abhängigkeit von der zunehmend ermattenden Supermacht Amerika ist für uns in der Neupositionierung in der Weltwirtschaft mindestens hinderlich. Ein wichtiger Faktor spielt die strategische Zusammenarbeit mit Russland. Darin liegt der Schlüssel zu einer neuen europäischen Perspektive."

Auch für Wolfgang Griepentrog vom Beratungsunternehmen World Values ist Chinas Höhenflug nicht mehr zu stoppen. Der Westen solle auch gar nicht erst versuchen, diesen aufzuhalten, sondern auf die asiatischen Erfolgsfaktoren im globalen Wettbewerb angemessen reagieren. Es sei erstaunlich, dass beim Blick auf die neue Supermacht immer noch eher quantitative Aspekte des Wachstums im Fokus stünden. "Zu kurz kommt der Blick auf das qualitative Wachstum Chinas beziehungsweise der asiatischen Länder", so Griepentrog.

Chinas Bedeutung als Impulsgeber für Forschung, Entwicklung und Innovationen wachse: "Alle wichtigen Zukunftsfelder werden belegt, vom Weltraum bis hin zum lange vernachlässigten Umweltschutz. China ist nicht mehr nur der billige Massenproduzent, sondern entwickelt und produziert hochwertige, innovative Güter, eigene Markenprodukte - oder kauft ausländische Marken", sagt der Kommunikationsexperte.

Langzeitkosten bremsen das Überholmanöver

Als ein Beispiel, warum China den Westen überholen wird, führt Matthias Müller vom Pharmakonzern Sanofi-Aventis die Elektroautos an, die in China aus lokaler Produktion schon in Serie hergestellt werden. "Die chinesischen Unternehmen sagen ganz klar: Bei dem Potenzial im eigenen Land müssen und wollen wir gar nicht exportieren." Im Gegensatz zu Deutschland sei China nicht vom Export abhängig. Sehr viele Produkte werden im eigenen Land für die eigene Bevölkerung hergestellt - und in Europa gar nicht registriert. "Doch wer China ignoriert, den bestraft das Leben", mahnt Müller.

Von seinen Erfahrungen vor Ort profitiert Frank Quosdorf. Mit dem Unternehmen Totuba setzt er in Shanghai den Schwerpunkt auf Forschung und Beratung im Bereich Bildung. Für Quosdorf ist es wichtig, dass China im Westen nicht mehr als Bedrohung angesehen wird. Deutschland müsse die aus der Neuordnung entstehenden Chancen sehen, dann werde es weiter eine wichtige Rolle spielen, nachdem es von China und anderen noch schlafenden Ländern überholt worden sei.

Rainer Kordes vom Energiedienstleister Techem fragt sich dagegen, warum der Westen alles tue, um China auf diese Überholspur zu bringen. "Die EU-Länder überbieten sich gegenseitig, China mit zinslosen Krediten und anderen Fördermitteln zuzudecken. Viele Unternehmen stellen ihr Wissen zu billig oder sogar kostenlos zur Verfügung." Das chinesische Wirtschaftswachstum 2009 ergab sich laut Kordes zum größten Teil aus Börsenfieber, Immobilienspekulation und Staatsinvestitionen.

"Die Privatwirtschaft und auch der private Konsum sind noch unterentwickelt, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt zwischen dem Irak und Armenien. Aber unter dem Strich macht es die Masse", sagt Kordes. Entscheidend für den künftigen Wettbewerb werden die Stärke der Unternehmen und die Attraktivität des chinesischen Binnenmarkts sein. "Die mit Umweltbelastung und demografischer Struktur verbundenen Langzeitkosten werden das Überholmanöver jedoch langfristig verlangsamen", prophezeit das manager-lounge-Mitglied.

Als Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens und Tai-Chi-Lehrer beobachtet Jan Leminsky fasziniert das Entstehen einer neuen Weltgesellschaft: "Die Chinesen streben nach westlichen Idealen, essen bei McDonald's - und werden dicker. Im Gegenzug verklären die Menschen im Westen die chinesischen Altwerte, lernen Tai-Chi, ernähren sich nach den fünf Elementen - und werden weiser", fasst er die aktuelle globale Entwicklung zusammen.

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