Kooperation mit Renault Daimlers letzte Chance

Mit Chrysler hat es nicht geklappt, mit Mitsubishi auch nicht. Wiederholt ist Daimler bei Partnerschaften mit anderen Herstellern gescheitert. Nun riskiert der Stuttgarter Autobauer den nächsten Anlauf und kooperiert mit Renault. Das Projekt kommt unspektakulär daher - und könnte doch über Daimlers Existenz entscheiden.

Hamburg - Dieter Zetsche gibt den Anti-Schrempp. Ohne Glanz, Glitter und allzu große Worte verkündete der Daimler-Chef mit Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn in einem kargen Konferenzraum, dass der französisch-japanische Autobauer neuer Kooperationspartner der Schwaben wird.

Jeder Anflug von Euphorie wäre in Stuttgart auch schwer zu vermitteln gewesen - zu frisch sind noch die Erinnerungen an die geplatzte "Hochzeit im Himmel" mit Chrysler unter der Ägide von Zetsches Vorgänger Jürgen Schrempp.

Daimlers neuerlicher Versuch, es mit einem Partner zu probieren, erscheint jedoch nur auf den ersten Blick weniger bedeutungsvoll als das Jahrhundertprojekt des selbst ernannten Visionärs Schrempp. Mit gerade 3,1 Prozent beteiligen sich die Firmen aneinander, bei einzelnen Modellreihen soll es projektartige Kooperationen geben. All das wirkt wenig spektakulär - und entscheidet dennoch über die Zukunft des traditionsreichen deutschen Premiumherstellers.

Denn anders als in der Vergangenheit ist Daimler  dieses Mal auf die Unterstützung eines Partners dringend angewiesen. "Daimler ist zur Kooperation verdammt", sagt Autoindustrieexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch-Gladbach. "Dieses Mal muss es klappen."

Spätestens in der großen Autokrise ist auch dem Letzten klargeworden, dass das alte Geschäftsmodell "Premiumhersteller mittlerer Größe" nicht mehr funktioniert. Mit Macht drängen Anbieter wie Volkswagen und Audi , aber auch Toyota  in das ehemals von Daimler und BMW nahezu monopolisierte Geschäft vor. Und spielen dabei gnadenlos ihre Größe aus: Entwicklung und Herstellung sind billiger als bei Daimler, und dieser Vorteil wird wichtiger. Immer weniger sind gerade junge Autofahrer und Geschäftskunden bereit, einen üppigen Zuschlag zu bezahlen, weil an der Motorhaube ihres Wagens ein Mercedes-Stern prangt.

Kleinwagentrend setzt Daimler zu

Gleichzeitig scheint sich der Trend zu kleineren Autos auch ohne Abwrackprämie zumindest in Europa zu bestätigen, wie die jüngsten Absatzzahlen aus Europa nahelegen. Im Zwei-Jahres-Vergleich setzten die Hersteller in Deutschland zuletzt deutlich mehr Kleinwagen ab, während der Gesamtabsatz um 9 Prozent zurückging.

Daimler kann dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen. So ist die Modellreihe Smart elementarer Bestandteil der Kooperation mit Renault . Bei der nächsten Generation des Zweisitzers arbeiten die Hersteller eng zusammen - Daimler soll auf diese Weise einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag sparen. Insgesamt wollen Daimler und Renault in den kommenden fünf Jahren jeweils zwei Milliarden Euro sparen.

"Daimler fehlt die strategische Größe, um neue Modelle allein zu entwickeln", sagt Autoprofessor Bratzel. Außerdem unterstützt Renault die Stuttgarter bei der Neuauflage eines Smart Forfour, um die Lücke zwischen dem Winzling und der A-Klasse zu schließen.

Daimler nützt die Kooperation zunächst nicht dort, wo der Konzern in guten Zeiten das meiste Geld verdient, also bei C-, E- und S-Klasse. Zetsche hat viele kleinere Projekte identifiziert, die sein Unternehmen mithilfe des in Kooperationen bestens erfahrenen Ghosn schlagkräftiger machen sollen. Auch der Kompaktvan Vito - künftig bestückt mit Motoren aus der Renault-Nissan-Palette - und die Elektroantriebe, an denen die Partner künftig gemeinsam feilen, werden niemals oder nicht rasch zu den Hauptertragsbringern des Konzerns.

Doch indem Zetsche mit Renault die Ränder des Unternehmens in Ordnung bringt, verbessert er die Chance, dass Daimler noch lange eigenständig bleibt und von den wachsenden Volumenherstellern nicht geschluckt wird. Verheißungen im Stile des Vorgängers Schrempp sind dabei fehl am Platze.

"Daimler ist gezwungenermaßen bescheidener geworden", sagt Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. "Das Ganze ist eine Nummer kleiner und unter den gegebenen Voraussetzungen sicher nicht die schlechteste Lösung."

Ein "total anderes Konzept", sieht Zetsche selbst in der Kooperation im Vergleich mit der Chrysler-Ehe. Mit Chrysler sei zunächst eine Fusionsvereinbarung geschlossen worden, ehe sich die Manager Gedanken über gemeinsame Projekte gemacht hätten. Bei der Kooperation mit Renault/Nissan habe man zunächst gemeinsame Produkte vereinbart.

Als Unsicherheitsfaktor könnte sich nun aber vor allem der Einfluss des französischen Staats erweisen, der 15 Prozent an Renault hält und noch lauter mitspricht, seit die Regierung den Kauf von Elektroautos fördert und der Industrie auch sonst durch die Krise geholfen hat. Pipers Ansicht nach begibt sich der Stuttgarter Autobauer dank der überschaubaren Dreier-Überkreuzbeteiligung insgesamt lediglich in einem vertretbaren Maße ins Risiko. "Im schlimmsten Fall entsteht Daimler kein großer Schaden."

Machen die schwäbischen Ingenieure wieder Ärger?

Daimlers Einsatz ist im Vergleich etwa zum Chrysler-Abenteuer tatsächlich recht gering. Langfristig müssen Zetsche und Ghosn die Kooperation aber weiterentwickeln. Auch im klassischen Premiumbereich kann Daimler angesichts der gewachsenen Konkurrenz auf Dauer nicht mehr allein vor sich hinwerkeln - wie auch die langwierigen Versuche einer Zusammenarbeit mit BMW zeigen.

"Die Unternehmen könnten auch überlegen Teile bei C-Klasse und Laguna zu teilen", sagt Bratzel mit Blick auf die neue Zusammenarbeit mit Renault. Je weiter die Kooperation jedoch fortschreitet, desto größer wird das Konfliktpotenzial. "Da können sich Widerstände aufbauen."

Gerade den Daimler-Ingenieuren eilt nicht eben der Ruf voraus, die Zusammenarbeit mit anderen Herstellern besonders zu mögen. "Eine funktionierende Kooperationskultur ist zentral", so Bratzel. "Da hat mancher führende Daimler-Ingenieur noch Weiterbildung nötig." Zetsche setzt darauf, dass eine Zusammenarbeit in homöopathischen Dosen und die Kapitalverflechtung seinen Untergebenen das Kooperieren erleichtern.

Grundlegende Widerstände gegen die Zusammenarbeit mit den Franzosen erwartet Autoexperte Bratzel aber nicht. "Inzwischen haben auch die skeptischsten Ingenieure kapiert, dass es ohne Kooperationen nicht geht."

Mit Carlos Ghosn hat Zetsche einen glaubwürdigen Partner gewonnen. Ghosn ist der Mr. Kooperation der Automobilindustrie und hat mit Renault-Nissan das geschafft, wovon andere nur träumen. Bereits seit elf Jahren funktioniert die Zusammenarbeit trotz gänzlich verschiedener Konzernkulturen weitgehend reibungslos. Als Teil des Geheimrezepts des Franzosen, der sich selbst als Weltbürger bezeichnet, gilt seine Fähigkeit, den einzelnen Partnern manche Eigenheiten zu lassen - für die sensiblen Stuttgarter womöglich genau die richtige Medizin.

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