Deutsch-türkische Wirtschaftsbeziehungen Angefochten am Bosporus

Bundeskanzlerin Angela Merkel bereist die Türkei, unterwegs in heikler Mission. Verbände sehen die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder als Erfolgsgeschichte. Doch sie mahnen: Über den politischen Streit könnte Merkel wichtige Weichenstellungen für den wirtschaftlichen Erfolg versäumen.

Hamburg - Bundeskanzlerin Merkel ist auf Türkeireise. Ein schwieriger Termin, denn die politischen Beziehungen sind angespannt. Die Türkei fühlt sich von Merkels Regierung nicht ausreichend bei ihrem wichtigsten Großprojekt unterstützt, dem Beitritt zur Europäischen Union. Das mit guten Gründen: Während Merkels Vorgänger Gerhard Schröder das Land in dieser Frage nach Kräften unterstützte, bietet Merkel nur eine "privilegierte Partnerschaft" mit der Union - die im Vergleich zur Mitgliedschaft alles andere als privilegiert wäre.

Die deutsche Wirtschaft verfolgt derlei Streitereien sehr aufmerksam. So sagt Werner Schnappauf, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) gegenüber manager magazin: "Wir mahnen eine emotionsfreie Diskussion um die Beitrittsverhandlungen der Türkei an." Die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Land entwickelten sich seit Jahren "überdurchschnittlich gut".

Das bestätigt Nikolaus Bemberg von der Deutsch-türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul. "Allein 2009 gab es 300 Neugründungen von deutschen Firmen in der Türkei", sagt er. 4000 deutsche Firmen seien im Land tätig.

Laut Hans Heinrich Driftmann, dem Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), gehört die Türkei wirtschaftlich längst zur Europäischen Union. Dank der bestehenden Zollunion sei das Land auch schon deutlich stärker in die europäischen Wirtschaftskreisläufe integriert, als gemeinhin wahrgenommen wird. Trotzdem darf man nicht aus den Augen verlieren, dass der EU-Beitritt für das Land ein Kernanliegen ist.

Auch Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), vermittelt gegenüber manager magazin ein "dynamisches" Bild der Geschäftsbeziehungen. 2008 stiegen die deutschen Exporte in die Türkei gegenüber dem Vorjahr um 4,8 Prozent auf über 15 Milliarden Euro. Deutschland importierte seinerseits Waren und Dienstleistungen im Wert von rund 10 Milliarden Euro, 5,3 Prozent mehr als 2007. Im vergangenen Jahr konnte Deutschland sogar, trotz allgemeiner rückläufiger Handelsvolumina, seine Spitzenposition als Hauptlieferant der Türkei von Russland zurückgewinnen.

Diese traditionell engen Beziehungen, so Ohoven, seien aber keine Einbahnstraße: "Deutsche Mittelständler liefern nicht nur an den Bosporus, sondern sie produzieren und beschaffen auch in zunehmendem Umfang in der Türkei." Der deutsche Handelsbilanzüberschuss gegenüber dem Land dürfte sich also über die kommenden Jahre abschwächen. Besonders exportstark sind die türkische Metall- sowie Kunststoffindustrie. Außerdem konnte in den vergangenen Jahren die Möbelfertigung an Bedeutung zulegen.

Steuerabkommen gefährdet reibungslosen Handel

Alle Beobachter betonen zudem die wirtschaftliche Bedeutung der zahlreichen Kontakte zwischen Türkischstämmigen in Deutschland und Türkei. Die, so Handelskammer-Experte Bemberg, machten die Beziehungen ungewöhnlich eng. Viele Türken, die einmal in Deutschland gelebt haben, stünden deutschen Produkten besonders aufgeschlossen gegenüber.

Überdies bleibt so der Austausch in Schwung: Laut BVMW gibt es in Deutschland 67.000 Unternehmer türkischer Abstammung, die rund 350.000 Menschen beschäftigen.

Klar sind daher die Erwartungen der Wirtschaft an die deutsche Regierung. So sind die Verhandlungen über ein neues Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) in letzter Zeit ins Stocken geraten. So sperrig der Begriff, so wichtig ist diese Vereinbarung, die in der jetzigen Form Ende des Jahres ausläuft. BDI-Chef Schnappauf: "Bereits seit 1980 ist Deutschland mit einem Volumen von über sieben Milliarden US-Dollar der größte ausländische Investor in der Türkei. Diese Direktinvestitionen müssen auch weiterhin durch ein Doppelbesteuerungsabkommen abgesichert werden." Auch Reiseerleichterungen würden die Zusammenarbeit zusätzlich erleichtern.

Denn die gute Position der deutschen Wirtschaft am Bosporus ist nicht unangefochten. Russland und Iran verstärken ihr Engagement als Importeure. Und nicht zuletzt Indien, China und Korea, die teilweise in ähnlichen Industriezweigen mit den Deutschen konkurrieren.

Bei allen Reibereien: Mittelständler Ohoven will Zwistigkeiten wie den Schulstreit zwischen Merkel und dem türkischen Premier Erdogan, der vor dem Besuch der Kanzlerin für Schlagzeilen sorgte, nicht überbewertet wissen. "Auch die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen", so sein Vergleich, "haben nie unter den gelegentlichen Irritationen im politischen Verhältnis beider Länder gelitten."