Export-Debatte Die Leiden des einstigen Exportweltmeisters

Die Bundesregierung will Deutschlands Außenhandel vorantreiben, obwohl sich dessen Stärke nicht mal mehr für die Bundesrepublik bezahlt macht. Statt einer neuen Exportoffensive müsste der Wirtschaftsminister typische deutsche Verkrustungen aufbrechen: die Handwerksordnung und das Einwanderungsrecht zum Beispiel.

Wir sind stolz. Oh ja, und wie! Deutschland ist zwar nicht mehr Exportweltmeister, aber unser außenwirtschaftlicher Überschuss ist einer der höchsten unter allen reichen Ländern. Der Saldo der Leistungsbilanz dürfte dieses Jahr bei rund 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen. 2008 betrug der Überschuss sogar mehr als 6 Prozent. Schön kann eine solche Entwicklung nur ein hoffnungsloser Merkantilist finden. Denn der notorische deutsche Überschuss ärgert nicht nur unsere Partner in Europa und darüber hinaus. Letztlich schadet Deutschland sich selbst.

Dessen ungeachtet kündigt nun Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) auch noch eine staatlich unterstützte Exportoffensive an. Die Weltwirtschaft wachse wieder, sagt er, "da muss man schon dabei sein". Und was die Debatte in Frankreich und in anderen Euro-Staaten angehe, wo man sich zunehmend Sorgen macht um die Überschüsse der Deutschen und die Defizite im Süden, so kann Brüderle die dort vorgetragenen Argumente nicht recht nachvollziehen.

Nichts gegen deutsche Exporterfolge. Aber der Minister setzt die falschen Prioritäten.

Natürlich geht Deutschland die Euroland-Krise etwas an, weshalb wir uns mit den dortigen Argumenten auseinandersetzen müssen. Natürlich müssen wir nicht nur für die Krisenländer zahlen, sondern auch unseren Teil dazu beitragen, die Ungleichgewichte innerhalb des Eurolands abzubauen; in der aktuellen Ausgabe des manager magazin befassen wir uns eingehend damit.

Ganz grundsätzlich: Große, anhaltende außenwirtschaftliche Ungleichgewichte sind nicht nur problematisch, weil sie den Unmut der Handelspartner hervorrufen. Sie sind auch aus rein egoistischer Sicht nicht wünschenswert.

Denn ein massiver Überschuss bedeutet eben auch, dass Deutschland unter seinen Möglichkeiten bleibt: dass hierzulande zu wenig investiert und zu wenig konsumiert wird. Momentane Wettbewerbsvorteile werden mit künftigen Nachteilen und niedrigerem Lebensstandard erkauft. Seltsam, dass darüber in Deutschland nahezu nie geredet wird.

Geringer Profit von der Exportstärke

Die Kehrseite der Überschüsse ist der Export von Kapital. Deshalb ist die Bundesrepublik einer der größten Anbieter von Kapital weltweit. Der blühende Kapitalexport zeigt, dass die im Außenhandel verdienten Gelder zu einem beachtlichen Teil nicht in Deutschland verwendet werden. Dies ist unter anderem eine Folge der jahrelangen Zurückhaltung der Firmen: Zwischen 1995 und 2004 halbierten sich die Unternehmensinvestitionen in Deutschland. Bis zum Ausbruch der Krise sind sie zwar wieder angestiegen. Aber der Rückstand ist längst nicht aufgeholt.

Einstweilen fließt viel Geld über die Grenzen, der größte Teil übrigens in die europäischen Nachbarländer, wo wir die Defizite von Spanien, Griechenland und Co. finanziert haben. Gelder, die nicht gerade ideal angelegt sind, wie die Euro-Krise zeigt.

Man kann es auch so sehen: Hohe Kapitalexporte sind ein Misstrauensbeweis für das eigene Land, eher ein Hinweis darauf, dass man sein Geld lieber im Ausland anlegt, um künftig Zinsen von dort zu erhalten. Typisch, dass sich auf der Liste der größten Überschussländer viele Rohstoffexporteure finden, die für jene Zeiten vorsorgen, wenn die Vorkommen dereinst erschöpft sein werden.

Deutschlands Problem ist nicht, dass wir zu viel - oder zu wenig, wie Brüderle zu glauben scheint - exportieren. Unser Problem ist offenkundig, dass die Erfolge der Exportwirtschaft sich hierzulande nicht stark genug niederschlagen: Die Unternehmen investieren ihre Überschüsse zum großen Teil im Ausland. Die Dienstleistungswirtschaft leidet unter typisch deutschen Verkrustungen wie den rigiden Regeln der Handwerksordnung.

Was man dagegen tun kann? Investitionshemmnisse abbauen, das Bildungssystem verbessern, die Zuwanderungsregeln liberalisieren, die starren Regeln des Handwerks und anderer Dienstleistungssektoren aufbrechen. All das würde helfen, das außenwirtschaftliche Gleichgewicht wieder herzustellen. Schnelle Exporthilfen besorgen das Gegenteil.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.