Montag, 23. September 2019

Währungsunion in der Krise "Sonst versinkt der Euro im Chaos"

3. Teil: "Offene Märkte entfalten starke Zentrifugalkräfte"

mm: Ist das nicht reichlich übertrieben?

Euro-Scheine: "Zu große Divergenzen gefährden die Währungsunion"
Straubhaar: Ich fürchte, nein. Wir sehen ja seit langem, dass die offenen Güter- und Kapitalmärkte innerhalb der Währungsunion starke Zentrifugalkräfte entfalten. Die Folge sind erhebliche Divergenzen - ein Auseinanderstreben der wirtschaftlichen Entwicklung. Einige Regionen werden immer wettbewerbsfähiger, Deutschland zum Beispiel. Andere verlieren an Wettbewerbsfähigkeit, Griechenland zum Beispiel. Es gibt innerhalb der Währungsunion keinen Wechselkursmechanismus mehr, der diese Ungleichgewichte beheben könnte. Und reale Anpassungen, wie Massenarbeitslosigkeit oder Massenmigration, sind politisch unerwünscht.

mm: Die EU setzt bisher auf Lohnsenkungen - wie in Deutschland, wie jetzt in Lettland und in Irland. Durch niedrigere Kosten und staatliche Sparprogramme soll die Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt und die Zahlungsfähigkeit gesichert werden. Was ist daran falsch?

Straubhaar: Nichts! Das mag in Ländern funktionieren, wo es eine starke Basis - vitale Ballungsräume, große Unternehmen, gut ausgebildete Bürger - gibt. Aber eine solche Strategie kann für wirtschaftlich schwache Regionen leicht in eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale führen: Bei sinkenden Löhnen wandern die besten Leute ab. Entsprechend bleiben Investitionen aus, die Produktivität stagniert. Der reine Marktmechanismus führt dann zum Absterben ganzer Regionen, womöglich ganzer Volkswirtschaften.

Das kann man ökonomisch rechtfertigen. Aber politisch werden solche Entwicklungen nicht toleriert werden, die sozialen Kosten sind zu hoch. Deshalb sage ich: Zu große Divergenzen gefährden die Währungsunion. Verhindern kann man das durch die Schaffung eines gesamteuropäischen Transferstaats. Natürlich, das ist ökonomisch nur second best, aber immer noch besser als ein Auseinanderbrechen der EU.

mm: Und wenn das nicht gelingt?

Straubhaar: Dann wird entweder das Euro-Land auseinander brechen. Oder wir werden höhere Inflationsraten bekommen.

mm: Warum? Weil die Europäische Zentralbank Rücksicht auf die schwächsten Mitglieder nimmt und die Zinsen nicht rechtzeitig anhebt?

Straubhaar: So ist es. Diese Krise, die die Staatsschulden in furchterregende Höhen treibt, wird uns teuer zu stehen kommen. Daran führt kein Weg vorbei. Auf die eine oder andere Art werden wir dafür bezahlen: durch Inflation, durch mehr pan-europäische Umverteilung, durch höhere Steuern und Abgaben, durch geringere staatliche Leistungen - oder durch eine Kombination aus all dem. Ich plädiere dafür, einen Instrumentenmix zu wählen, der auf die ungerechteste Steuer - die Inflation - verzichtet und die sozialen und politischen Rückwirkungen beherrschbar hält. Dann landet man zwangsläufig bei der Transferunion, die ja durchaus mit geringeren staatlichen Leistungen insgesamt einhergehen kann. Man soll ja nicht das eine tun und das andere lassen! Aber man darf sich keinen Illusionen hingeben: Irgendwer muss irgendwann auf die eine oder andere Art die Zeche zahlen.

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