Frankreich in der Krise Die gallische Krankheit

Dass die Regierung in Paris die deutsche Wettbewerbsfähigkeit kritisiert, ist verständlich: Frankreich hat seit Beginn der Währungsunion massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Ist unser westliches Nachbarland der nächste Krisenkandidat?

Alle schauen auf die PIIGS. Falls Griechenland zahlungsunfähig werden sollte, so kalkulieren die Märkte, dann fallen auch die anderen schwächelnden Euro-Staaten wie Dominosteine - Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien. Seltsamerweise schaut niemand auf Frankreich. Dabei steht die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone keineswegs auf sicherem Grund. Im Gegenteil: Frankreichs aufgestaute ökonomische Probleme erinnern an Deutschland Ende der 90er Jahre - an die Zeit vor der Lohnzurückhaltung, vor der Agenda 2010.

Es ist daher kein Wunder, dass Christine Lagarde, die Finanzministerin der bedrängten Regierung Sarkozy, sich Deutschland als Sündenbock für die eigenen Probleme ausgesucht hat. Und dass jetzt auch noch der mögliche sozialistische Präsidentschaftskandidat, IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, nachlegt.

Im aktuellen manager magazin (ab Freitag im Handel erhältlich) haben wir die Krise des Euro-Lands und mögliche Lösungen eingehend analysiert. Ein Ergebnis lautet: Frankreich steht im Vergleich zu den anderen Mitgliedstaaten nicht sonderlich gut da, auf längere Sicht womöglich sogar schlechter als Italien. Schwere strukturelle Defizite lassen Zweifel an der Zukunftsfähigkeit aufkommen.

Das ist überraschend, denn Frankreich gilt als finanzstarkes Land. Keine Ratingagentur zweifelt an gallischer Bonität. Und doch: Die Probleme sind unübersehbar.

Berechnungen der EU-Kommission zeigen: Frankreichs Industrie hat von der Währungsunion kaum profitiert. Seit Beginn des Euro-Zeitalters stiegen in einigen Ländern - darunter Deutschland und Irland - die Exporte dynamisch, mit jährlichen Wachstumsraten zwischen 7 und 8 Prozent. Frankreich jedoch gelang nicht mal ein halb so hoher Zuwachs. Mit anderen Worten: Die Wirtschaft hat deutlich Marktanteile verloren.

Eine Entwicklung, die sich in den Leistungsbilanzen widerspiegelt. Frankreich startete mit einem kleinen Überschuss in die Währungsunion, Deutschland mit einem kleinen Defizit. In den 2000er Jahren hat sich diese Relation komplett umgekehrt: Die Wirtschaft westlich des Rheins sank immer tiefer ins Defizit, 2008 betrug es rund 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und dürfte auch dieses Jahr bei 2 Prozent liegen. Unproblematisch gemessen an den Defiziten Griechenlands, Portugals oder Spaniens, aber eine Enttäuschung in Relation zu Deutschlands Überschuss von bis zu 7 Prozent (2008).

Wie konnte es soweit kommen?

Zum einen: Frankreich hat durch zu forsche Lohnerhöhungen massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Viel schneller als die Produktivität stiegen die Einkommen der Beschäftigten. Folge: deutlich steigende Lohnstückkosten, die zwischen 1999 und 2008 im Durchschnitt um 1,8 Prozent jährlich zunahmen. In Deutschland hingegen lag - der Lohnzurückhaltung sei dank - der Vergleichswert nur bei 0,4 Prozent.

Zum anderen: Wie in Spanien und in vielen angelsächsischen Ländern, so liegt auch in Frankreich die Wurzel der Probleme in einem Immobilienboom, der sich in immer rauschhaftere Höhen steigerte. Real haben sich die Hauspreise seit Beginn der Währungsunion fast verdoppelt. Statt an der außenwirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit zu arbeiten, blähte sich der Binnensektor auf, vor allem die Bauwirtschaft.

Kein Grund zur Schadenfreude

Im Endeffekt, rechnet die EU-Kommission vor, hat die französische Wirtschaft massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Gäbe es noch die nationalen Währungen, müsste der französische Francs zwischen 6 und 8 Prozent (je nach Berechnungsmethode) abwerten, um das außenwirtschaftliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Überbewertung ist zwar längst nicht so schlimm wie in Spanien, Griechenland oder Portugal, wo der Korrekturbedarf zwischen 12 und 17 Prozent liegt. Aber immer noch schlimm genug.

Die D-Mark hingegen müsste zwischen 10 bis 12 Prozent aufwerten, um den deutschen Überschuss auszubalancieren. Frankreich, so muss man es sehen, lebt über seine Verhältnisse. Das ist erstaunlich: Weder musste die gallische Wirtschaft eine Wiedervereinigung wie die deutsche verkraften (auch wenn die darniederliegenden überseeischen Besitzungen ins Geld gehen). Noch drohen große demographische Probleme: Dank hoher Geburtenüberschüsse hat das Land die wohl günstigste Demographie Europas. Kein Vergleich zu Deutschland, wo bereits heute die Bevölkerung und das Arbeitsangebot schrumpfen.

Dennoch sind die Aussichten für die Staatsfinanzen trüb. Die Brüsseler Langfristprognosen sehen eine französische Staatsschuld von 177 Prozent des BIP im Jahr 2030. Deutschlands Staatschuld hingegen steigt danach kaum über 100 Prozent.

Frankreich ist auf einem problematischen Kurs. Das Land lebt über seine Verhältnisse, das Staatsdefizit liegt dieses Jahr bei 8 Prozent des BIP. Eine Konsolidierung über Steuererhöhungen wird schwierig, weil der Staat den Bürgern schon heute tief in die Taschen greift. Und während sich das hoch verschuldete Italien auf einem bescheidenen Niveau eingerichtet hat - kaum Wachstum, kaum Investitionen, keine Produktivitätsfortschritte, aber stabile Finanzen -, verschlechtert sich Frankreichs Position zusehends.

Gelingt es nicht, die gallische Krankheit zu heilen und an frühere Erfolge anzuknüpfen, wird es schwierig für unseren westlichen Nachbarn.

Ob es Frankreich besser ginge, wenn die deutsche Wirtschaft weniger wettbewerbsfähig wäre? Kaum. Umgekehrt kann sich die Bundesrepublik auch nicht über die französische Schwäche freuen: Ein vor Wettbewerbsfähigkeit strotzendes Frankreich wäre für die deutsche Wirtschaft zweifellos der beste Partner.

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