Export-Ärger Deutschland verteidigt seine Wirtschaftsmacht

Die internationale Kritik an der Handelsstärke der Bundesrepublik perlt an Deutschland ab. Selbst Wirtschaftsweise und Oppositionspolitiker reihen sich in eine höchst ungewöhnliche Verteidigungsphalanx der Deutschland AG ein. Die hat für die mäkelnden Handelspartner dann auch nur eiserne Ratschläge.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Das hat die Welt selten gesehen. Wie mit einer Stimme wehrt sich die Bundesrepublik plötzlich gegen den Vorwurf, Deutschlands Exporteure seien zu erfolgreich. Wehren sich Politiker und Ökonomen gleichermaßen gegen den Vorhalt, die Überschüsse hierzulande brächten nichts außer Ärger für Deutschlands Handelspartner. "Wir erleben einen durchaus ungewöhnlichen Schulterschluss in der Bundesrepublik gegenüber außen, vielleicht weil die grundsätzliche Wirtschaftsstruktur Deutschlands angegriffen wird", sagte Michael Zürn gegenüber manager magazin, Dekan der Hertie School of Governance in Berlin.

Tatsächlich lassen gleichermaßen weder Deutschlands Wirtschaftsweise, Regierungssprecher, noch Oppositionspolitiker und Unternehmensverbände etwas an der Kritik an den hohen Exportüberschüssen der Bundesrepublik gelten - eine fast einmalig einmütige Phalanx der Ablehnung. Denn die Überschüsse sind nach hiesiger Meinung kein neues Phänomen, das plötzlich die Wirtschaftsmacht in Richtung Deutschland verschiebe. Im Gegenteil.

Deutschlands Exporterfolg schnellte ausgerechnet vor fünf bis zehn Jahren merklich in die Höhe, obwohl zu dieser Zeit reihenweise Unternehmen der Bundesrepublik den Rücken kehrten und ihre Produktion ins Ausland verlagerten. Obwohl die Bundesrepublik in eine Phase der Agonie rutschte, auch, weil die Lohnstückkosten hierzulande als zu hoch galten. Während Deutschland als derart reformunfähig erschien, dass Großbritanniens Wirtschaftszeitung "The Economist" die Bundesrepublik als "kranken Mann Europas" verspottete, der die gesamte Europäische Union lähme.

Ausgerechnet in dieser Schwächephase kletterten die deutschen Ausfuhrüberschüsse um nie wieder erreichte 22 Prozent jährlich, wie das Statistische Bundesamt jetzt in einem Sonderbericht ermittelt hat. Aber erst Jahre später, nachdem sich die Bundesrepublik berappelt hat, stoßen sie Deutschlands Handelspartnern übel auf. Die Abfuhr fällt entsprechend deutlich aus.

"Kleinere Staaten haben teils viel mehr Reformeifer bewiesen als wir. Durch das permanente Aufrechterhalten der Wettbewerbsfähigkeit hat Deutschland gerade mal manch unterlassene Reform kompensiert", sagt Professor Ulrich Blum dem manager magazin, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. "Uns das aber zum Vorwurf zu machen ist genauso, wie guten Schülern das Schreiben guter Noten zu verbieten - etwas skurril!"

Außenhandelsplus enorm gestiegen

Dass sich in dem deutschen Aufholprozess auch die heimische Exportindustrie nach vorne gekämpft hat, verwundert Wirtschaftsexperten nicht. Entsprechend groß ist nun die Wucht des deutschen Außenhandels: Die Summe, um die der Wert der exportieren Güter den Wert der eingeführten Waren übertrifft, ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zwischen 1990 und 2008 auf das Dreifache gestiegen. Damit sei die deutsche Exportindustrie viel schneller gewachsen als die hiesige Wirtschaft insgesamt.

Aber kann man der Bundesrepublik überhaupt ernsthaft vorwerfen, Wege aus der Massenarbeitslosigkeit und dem Arbeitsplatzexport gesucht zu haben?

"In der Tat ist kein Land dafür zu kritisieren, wenn es Maßnahmen ergreift, die seine Beschäftigungssituation verbessern", sagt der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt dem manager magazin. "Dass Langzeitarbeitslose dann nicht zum herrschenden Durchschnittslohn eine Beschäftigung finden, sondern zu einem geringeren, ist allerdings kaum zu vermeiden", sagt der Wirtschaftsexperte.

Solch Lohnflexibilität aber mag neben dem langsamen Wirtschaftsumbau dazu beigetragen haben, dass die Reallöhne hierzulande in den Jahren 2000 bis 2008 um durchschnittlich 1,4 Prozent gefallen sind. Das hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Und auch damit verbesserten die Unternehmen hierzulande dann noch ihre Wettbewerbsfähigkeit beispielsweise gegenüber britischen oder französischen Konzernen, die nach Währungsfondsangaben in dieser Zeit ein reales Lohnplus von 0,8 sowie 0,9 Prozent im jährlichen Schnitt verkraften mussten.

"Die seit einigen Jahren moderate Lohnentwicklung hierzulande hat die Arbeitskostennachteile gegenüber anderen Ländern reduziert, durch Innovationen und und zum Teil schmerzvollen betrieblichen Umstrukturierungen konnte die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen gesteigert werden", bestätigt Volker Treier gegenüber manager magazin, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHT). Unter dem Strich feierte die deutsche Wirtschaft so ein kleines Comeback.

Allein 1,5 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse entstanden im Aufschwung der Jahre 2006 bis 2008, hat das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) ermittelt. Und auch zum jetzigen Ende der Wirtschaftskrise, die Deutschlands Bruttoinlandsprodukt im Vorjahr um bittere 5,0 Prozent verglichen mit dem Jahr 2008 hat schrumpfen lassen, wird die Arbeitslosigkeit wohl nur moderat steigen: "Im Jahresdurchschnitt 2010 wird es voraussichtlich 3,5 Millionen Arbeitslose in Deutschland geben", sagt IAB-Expertin Sabine Klinger.

Wirtschaftserholung kein Grund zum Schämen

"Deutschlands gewisser Erfolg war sicher nur aufgrund des Euro-Erfolgs und dem der Europäischen Union insgesamt möglich. Doch die Bundesbürger müssen sich nun wirklich nicht dafür schämen, dass sie ihr Schicksal in die eigene Hand genommen haben", sagt Rebecca Harms zu manager magazin, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament.

Nicht nur Wirtschaftsexperten schlagen kränkelnden Euro-Staaten deshalb vor, nun ebenfalls selbst Hand anzulegen. "Auch Griechenland kann durch einen Umbau der Wirtschaft, der die Arbeitsproduktivität im industriellen Sektor erhöht, die chronischen Defizite in der Leistungsbilanz überwinden", sagt die Brüsseler Grünen-Fraktionschefin Harms. "Es könnte allerdings sein, dass nicht wenige Griechen zuvor wieder eine engere Bindung zu ihrem eigenen Staatswesen aufbauen müssen, damit der Wirtschaftsumbau überhaupt in Angriff genommen werden kann", glaubt Harms.

Vorbilder dafür gibt es nach Meinung von Ökonomen genug, die teils viel erfolgreicher als Deutschland waren: Schweden, die Niederlande oder Dänemark. Sie alle begannen ihren Staat zu sanieren, als sie in Schwierigkeiten geraten waren. Alle mit etwas anderen Mitteln, alle in unterschiedlichen Phasen der Weltkonjunktur. Aber alle gemeinsam aus einer Notlage heraus. Und Griechenlands Startbedingungen seien gar nicht so schlecht - wegen des Euro.

Griechenland spart sich schon jetzt eine Milliardensumme an Zinsen, die gemessen an seiner Staatsverschuldungsquote eigentlich für neue Kredite fällig wäre. Doch Griechenlands Kreditgeber begnügen sich mit weniger. Die Geldhäuser vertrauen zu recht auf die Hilfe der Euro-Staaten, sollte etwas schiefgehen.

"Griechenland hat diese Euro-Rendite zwar schon bisher genutzt, aber für das Falsche, nämlich zur Erhöhung seines Konsums", sagt der Wirtschaftsweise Schmidt gegenüber dem manager magazin. "Hier muss das Land seine Wirtschaftspolitik kräftig umsteuern, will es die Euro-Rendite auch in dem Sinne nutzen, dass es langfristig von den Chancen des großen Marktes profitiert. Nachhaltig senken lässt sich Griechenlands Staatsdefizit nur durch Ausgabendisziplin und das nicht zuletzt damit verknüpfte Wachstum." Ob Griechenland allerdings solch tiefgehende Einschnitte wagen wird?

"Grundsätzlich wäre das Krisenmanagement wohl überall leichter, wenn europäische und damit internationale Institutionen die Regie übernähmen, statt nationaler Regierungen", rät Michael Zürn, Chef der Berliner Hertie School of Governance. "Insolvenzverfahren von politischen Gemeinwesen gehören dazu zusätzlich auf die Tagesordnung." Die deutschen Exportüberschüsse nach hiesiger Meinung eher nicht: "Deutschland macht doch die anderen Staaten nicht stärker, indem es sich selbst schwächt", sagt DIHT-Chefvolkswirt Treier.

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