Roland Berger "Wirtschaftsregierung für Europa"

Berater Roland Berger fordert die Einrichtung einer europäischen Wirtschaftsregierung. Die Schuldenkrise in Griechenland habe endgültig klargemacht, dass "Europa eine zentrale Institution braucht, die die wirtschaftlichen und fiskalischen Prozesse steuert", sagte Berger bei einem Auftritt in Hamburg.
Von Jochen Eversmeier

Hamburg - Die Schuldentragödie der Griechen bereitet dem Altmeister der deutschen Beraterszene Kopfzerbrechen. Die Krise im Südosten des Kontinents habe deutlich gemacht, dass der Vertrag von Maastricht und damit der Euro-Stabilitätspakt, gescheitert sei, so Roland Berger vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten .

Die wirtschaftliche Bedeutung Griechenlands sei zwar vergleichsweise gering. Das Land erwirtschaftet lediglich 2 Prozent des Bruttosozialprodukts der gesamten Euro-Zone. "Das ist etwa genauso viel wie der Anteil der Pleiteländer Berlin und Saarland am Bundeshaushalt zu D-Mark-Zeiten", so Berger. Und damals habe niemand die Stabilität der D-Mark infrage gestellt. Die Reaktion der Märkte zeige aber, dass die Lage beim Euro anders sei.

Der 72-Jährige nennt dafür zwei Gründe: Zum einen die Gefahr dass weitere Euro-Staaten im Gefolge Griechenlands in Not geraten könnten. In der Summe erwirtschaften diese sogenannten PIIGS-Länder (Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien) stattliche 36 Prozent des Bruttosozialprodukts der Euro-Zone. Selbst ohne Italien wären es immer noch beachtliche 20 Prozent.

Den zweiten Grund hält Berger für noch wichtiger: Die Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Europäischen Union (EU) hat sich stark auseinanderentwickelt. Deutschland steht zum Beispiel bei den Lohnstückkosten deutlich besser da als bei der Euro-Einführung und hat damit im EU-Vergleich seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verbessert. Andere Euro-Staaten, darunter die PIIGS-Länder, sind zurückgefallen.

Wer soll künftig garantieren, dass Euro-Länder nicht länger über ihre Verhältnisse leben und erforderliche Reformen einleiten? Für Strategieberater Berger ist die Antwort klar: "Europa braucht eine zentrale Institution, die die wirtschaftlichen und fiskalischen Prozesse steuert". Natürlich müsse die Europäische Zentralbank (EZB) unabhängig bleiben. Die EZB wäre aber vermutlich sogar froh, wenn sie einen politischen Ansprechpartner auf EU-Ebene hätte. "Ohne Wirtschaftsregierung wird es nicht gehen", ist sich Berger sicher, ohne weitere Details zu nennen.

"Die koreanische Gleichung ist aufgegangen"

Konkreter wurde am Freitag Belgiens Ministerpräsident Yves Leterme. Er forderte angesichts der Turbulenzen bei europäischen Staatsanleihen ein gemeinsames Finanzministerium oder eine Schuldenagentur für die Euro-Zone. Die griechische Schuldenkrise mache die Probleme einer Währungsunion ohne gemeinsame Wirtschaftsregierung deutlich, begründete Leterme seinen Vorstoß in einem Gastbeitrag für die "Financial Times Deutschland".

Und wer finanziert die Entschuldung Griechenlands? "Da kommt man automatisch auf den Namen Deutschland. Und das liegt auch in unserem Interesse", sagt Berger. Der Leistungsbilanzüberschuss der Exportnation Deutschland gegenüber der Euro-Zone betrage 65 Milliarden Euro, allein 22 Milliarden Euro davon entfallen auf das zu den PIIGS-Staaten zählende Spanien. Wenn die Iberer also tatsächlich radikal auf Sparkurs gehen würden, dann müsste die deutsche Wirtschaft dies empfindlich spüren.

"Müsste Deutschland nicht für die PIIGS-Staaten das Gleiche tun, wie China für die Vereinigten Staaten, also deren Anleihen kaufen?", fragt Berger und liefert die Antwort gleich mit: Drei Dinge seien notwendig, damit aus der griechischen keine europäische Tragödie wird: Erstens eine europäische Wirtschaftsregierung zu installieren, zweitens dafür zu sorgen, dass die schwächelnden Euro-Länder ihr Verhalten ändern, und ihnen drittens bei der Finanzierung des Wandels helfen. "Die Chinesen haben ihren Export mit dem Kauf von US-Anleihen erfolgreich in Schwung gehalten", sagt Berger.

Zwar nicht nach China, aber ebenfalls nach Asien blickt der Multiberater bei der Suche nach einem möglichen Vorbild für die deutsche Wirtschaft: "Die koreanische Gleichung einer gesteuerten Marktwirtschaft, die wir ja durchaus auch mal hatten, ist aufgegangen". Korea habe derzeit die beste Mischung aus Industrie und Dienstleistung weltweit, sagt Berger: "Einen Vorsprung vor China haben wir noch, für Korea gilt das nicht mehr."

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