Henrik Müller

Gefährliche Debatte Inflation zerstört die Demokratie

Die Ära stabilen Geldes geht zu Ende. Schon läuft eine globale Debatte über steigende Inflationsraten zur Entschuldung der Staatshaushalte. Doch die Entwertung des Geldes ist kein eleganter Weg. Denn Inflation ist kalte Enteignung - überraschend, unfair, ungerecht. Die politischen Rückwirkungen sind heftig.

Sie zündeln wieder. Sie spielen mit dem Geld der Völker, bislang nur gedanklich, aber demnächst wohl auch faktisch. Es ist offensichtlich: Was wir derzeit erleben, ist die Abkehr vom Paradigma des stabilen Geldes.

Bislang galt ein jährlicher Anstieg der Verbraucherpreise von 1,5 bis 3 Prozent als tolerierbar. Jetzt, im Zuge der heraufziehenden Staatsschuldenkrise, wird diese Schwelle angehoben. Der Internationale Währungsfonds (IWF) bringt ein Inflationsziel von 4 Prozent ins Gespräch. Andere Ökonomen gehen weiter: 5 Prozent Inflation über mehrere Jahre könne die amerikanischen Staatsschulden "signifikant reduzieren", rechnen die US-Ökonomen Joshua Aizenman und Nancy Marion in einem vielbeachteten Papier vor. Es gebe in Zeiten schwachen Wachstums kaum einen anderen Weg.

Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und Ex-Chefvolkswirt des IWF, hat sich schon voriges Jahr für 6 Prozent ausgesprochen, um die "Schuldenbombe zu entschärfen und um uns durch den Entschuldungsprozess zu helfen".

Dies ist erst der Anfang. Je mehr Staaten sich fiskalisch in die Enge gedrängt sehen, desto lauter wird der Ruf nach Hilfe durch die Notenbanken - nach laxererer Geldpolitik - tönen. Und wenn man schon Geldwertstabilität neu definiert, warum dann bei 4 oder 6 Prozent aufhören, warum nicht 10 oder 20 Prozent?

Aus Sicht vieler Makroökonomen sind dies eher technische Fragen. Inflation ist aus ihrer Sicht eine Variable im großen Weltmodell, man kann sie so oder so beeinflussen. Aus Sicht der Bürger aber geht es um etwas viel Grundsätzlicheres: Es geht um die allgemeinen Wertmaßstäbe einer Gesellschaft. Es um das Vertrauen in die Zuverlässigkeit des Staates. Es geht letztlich um das Vertrauen in die Demokratie.

Wer mit der Inflation spielt, spielt mit der Gesellschaftsordnung insgesamt. Denn Geld ist viel mehr, als Ökonomen sich das gemeinhin denken. Es ist nicht nur ein Medium, das den Tausch erleichtert. In modernen Gesellschaften ist es längst zum Wertmaßstab schlechthin geworden. Gesellschaftlicher Status, Verfügungsrechte über Ressourcen, individuelle Freiheit - all das macht sich am Geld fest, nicht ausschließlich, aber doch zu einem erheblichen Anteil. Anders als in traditionelleren Gesellschaften, wo Herkunft und Stand, Familie und Stamm den Platz in der Gemeinschaft bestimmen, ist in modernen Gesellschaften das Geld das bestimmende Element.

Inflation greift unser Wertesystem an

Wert und Selbstwert hängen in einer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft nicht zuletzt vom individuell verfügbaren Geld ab. Wenn aber der Geldwert nicht mehr verlässlich ist, verschieben sich die Maßstäbe insgesamt. Das Wertesystem einer Gesellschaft gerät ins Rutschen, mit unabsehbaren Folgen. Auf nichts im Staat scheint mehr Verlass zu sein.

Extrem ist dieser Verlust an Maßstäben in Phasen der Hyperinflation, wie im Deutschland der frühen 20er Jahre. Damals untergrub die Inflation das Vertrauen in den neuen demokratischen deutschen Staat, wie der Historiker Harold James in seiner "Geschichte Europas im 20. Jahrhundert" darlegt. "Deutschland versank in Anarchie", schreibt er. "Das Erbe der Inflation war schrecklich und folgenreich. […] Viele fühlten sich von den mächtigen Organisationen betrogen und glaubten, das ›System‹ arbeite gegen den ›kleinen Mann‹. Die ökonomische Destabilisierung brachte nicht nur materielle, sondern auch humanitäre Werte ins Rutschen. (…) Auf einer grundsätzlichen Ebene zerstörte die monetäre Unsicherheit alle verbliebenen Werte."

Die politische und die ökonomische Destabilisierung gehen Hand in Hand. Sie verstärken sich gegenseitig. Ein schwacher Staat weiß sich nicht anders zu helfen, als seine Schulden durch Gelddrucken zu bedienen. Die resultierende Inflation wiederum schwächt den Staat weiter.

Warum? Weil der Staat sein Versprechen gegenüber den Bürgern bricht. Geld, so hat es sich im vergangenen Jahrhundert weltweit eingebürgert, ist ein staatliches Monopolgut. Der zentral organisierte Staat stellt das allgemeine Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel zur Verfügung. In früheren Zeiten war das anders: Da schufen private Geschäftsbanken selbst Geld. Damit aus dem hoheitlich geschaffenen Zahlungsmittel ein Deal zum Nutzen der Gesellschaft wird, muss der Staat das Monopolgeld konservativ managen. Es muss werthaltig bleiben. Auf Dauer.

Man darf das nicht unterschätzen: Stabiles Geld ist ins gesellschaftliche Geflecht eingewoben. Unsere Verträge, unsere Vermögen, das Gros der dauerhaften Wirtschaftsbeziehungen basieren auf der Annahme einer konstant niedrigen Inflation. Wird dieses Versprechen gebrochen, kommt es zu Verteilungskämpfen. Beschäftigte gegen Arbeitgeber, Schuldner gegen Gläubiger, Alte gegen Junge - alle fühlen sich übervorteilt.

Angesichts der Probleme in der Nachkrisenzeit herrscht bei vielen Ökonomen und Politikern die Auffassung vor, dass es richtig sei, die Zügel schleifen zu lassen und höhere Inflationsraten zu produzieren. Bei kurzsichtiger Betrachtung zeitigt das tatsächlich angenehme Effekte: Steuern und Abgaben mussten nicht ganz so hoch steigen, die öffentlichen Einsparungen nicht ganz so hart ausfallen.

Inflation zersetzt die Gesellschaft

Ökonomen und Politikern die Auffassung vor, dass es richtig sei, die Zügel schleifen zu lassen und höhere Inflationsraten zu produzieren. Bei kurzsichtiger Betrachtung zeitigt das tatsächlich angenehme Effekte: Steuern und Abgaben mussten nicht ganz so hoch steigen, die öffentlichen Einsparungen nicht ganz so hart ausfallen.

Doch niemand sollte glauben, die Entwertung des Geldes sei ein eleganter und schmerzloser Weg, die aktuellen und künftigen wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Ganz im Gegenteil: Inflation ist eine kalte Enteignung. Überraschend. Unfair. Ungerecht.

Inflation facht Verteilungskämpfe an, schürt das Misstrauen gegenüber dem Staat und zerstört die Glaubwürdigkeit seiner Institutionen. Inflation ist undemokratisch: Während das Parlament über Steuern und Etatkürzungen offen diskutiert und nachvollziehbar Entscheidungen fällt, breitet sich die Inflation heimlich, still und leise aus.

Erst im Nachhinein wissen die Bürger, dass ein Teil ihrer Kaufkraft weg ist. Das hat aus der Sicht praktischer Politik seinen Reiz, aber es ist hochgefährlich.

Wer mit der Inflation spielt, der spielt mit dem Kern der Demokratie - dem Vertrauen der Bürger in die Institutionen ihres Staates. Und das ist ein zu hoher Preis. Schlimmer noch: Damit Inflation zur Entschuldung beitragen kann, Inflation zur Entschuldung funktioniert nur überraschend. Das macht sie so perfide.

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