Dienstag, 15. Oktober 2019

Geldpolitik Mehr Inflation wagen?

3. Teil: Warum stabile Preise den Leichtsinn befördern

Doch dauerhaft stabile Preise haben nicht nur wünschenswerte Folgen. Eine Analyse der US-Konjunkturforscher vom National Bureau for Economic Research zur seit den 80er Jahren anhaltenden "Great Moderation" kommt zu dem Schluss, dass diese Phase der Stabilität "Firmen dazu brachte, weniger Eigenkapital zu halten und sich weniger um ihre Liquidität zu sorgen". Das gleiche gelte für Regierungen und private Haushalte. So habe gerade die fehlende Furcht vor Inflation die Akteure zu übermäßiger Verschuldung ermutigt - und damit zur heutigen Krise beigetragen.

Zudem muss die Inflation nicht auf null gesenkt werden, um eine sich selbst verstärkende Lohn-Preis-Spirale zu verhindern, wie es sie kurzzeitig Mitte der 70er und Anfang der 80er Jahre gab. Die Zentralbanken haben ihre Definition von Preisstabilität willkürlich gewählt, wie Blanchard andeutet.

"Eine Inflationsrate von 1,75 bis 2 Prozent jährlich hält die Mehrheit im Fed-Offenmarktausschuss für konform mit ihrem doppelten Mandat für Preisstabilität und Vollbeschäftigung", drückte Bernanke das am Mittwoch in seinem Bericht an den US-Kongress aus. Das heißt, man kann auch anderer Meinung sein. Die EZB hat sich für ein Ziel von "nahe, aber unter 2 Prozent" Inflationsrate entschieden - und die Europäer müssen sich um die Wirkung ihrer Geldpolitik auf Wachstum und Jobs gar keine Gedanken machen, denn sie sind laut Statut allein den stabilen Preisen verpflichtet.

Joseph Stiglitz von der Columbia-Universität erklärt die Geldpolitik mit Inflationszielen schon für "gescheitert". Sie sei kaum theoretisch fundiert, es gebe "keinen Grund zu erwarten, dass unabhängig von der Quelle der Inflation höhere Zinsen immer die beste Antwort sind". Oft sei die Inflation über die Weltmarktpreise etwa für Öl oder Getreide importiert - Faktoren, auf die nationale Zentralbanken keinen Einfluss hätten.

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