Kapitalflucht Griechen bringen Milliarden in Sicherheit

Griechenland erlebt eine Zerreißprobe: Die Beschäftigten streiken gegen den Sanierungsplan der Regierung, die Begüterten stimmen mit dem Konto ab. Die Wohlhabenden bringen aus Angst vor höheren Steuern und Euro-Krise Milliardenbeträge außer Landes. Die Kapitalflucht hat Tradition.

Hamburg - Viel hat Giorgos Papakonstantinou den streikenden Griechen nicht zu bieten, um sie mit sinkenden Staatsausgaben und Löhnen im öffentlichen Dienst, mit einer drastischen Rentenkürzung und anderen Sparmaßnahmen zu versöhnen. "Mit einem neuen Steuertarif verschieben wir die Last von den niedrigen und mittleren zu den hohen Einkommen", verspricht der sozialistische Finanzminister.

Der Spitzensteuersatz soll auf 40 Prozent steigen und ab einem Jahreseinkommen von 60.000 Euro greifen; das wäre fast so hoch wie in Deutschland, wo ab 52.882 Euro 42 Prozent fällig werden. Zusätzlich soll der Kampf gegen Steuerhinterziehung dem klammen Staat 2,4 Milliarden Euro im Jahr bringen. Doch Papakonstantinou selbst räumt ein, dass seine Geldeintreiber die schwächsten Europas sind, selbst wenn sie nicht streiken.

Nur 19 Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung konnte die Regierung im vergangenen Jahr als Steuereinnahmen verbuchen, auch weil viele das Finanzamt belügen. "Niemand glaubt, dass nur 15.000 Griechen mehr als 100.000 Euro im Jahr verdienen", sagte Papakonstantinou dem britischen "Guardian". Doch genau das stehe in ihren Steuererklärungen. Die Villen am Athener Stadtrand, die Jachten in den Häfen, die vielen kleinen Privatinseln sprechen eine andere Sprache.

Ob der ehrgeizige Sanierungsplan der Regierung gelingt und im Volk Akzeptanz findet, hängt davon ab, dass Papakonstantinou den Reichtum des Landes stärker für die Staatsfinanzen nutzen kann. Doch die Aufgabe wird immer schwerer: Seit von höheren Steuern die Rede ist und in extremen Szenarien ein Austritt oder Ausschluss Griechenlands aus der Euro-Zone diskutiert wird, nimmt die Kapitalflucht zu.

Eine Expertin der Zentralbank für das Thema reagiert gereizt auf eine Anfrage von manager magazin und verweigert jede Auskunft. Anonyme Schätzungen aus Athener Bankenkreisen reichen bis zu zehn Milliarden Euro, die seit Ausbruch der Staatskrise im November außer Landes gebracht wurden. Als eines der Hauptzielländer wird Zypern genannt. Der zypriotische Finanzminister Charilaos Stavrakis bestätigte laut "Cyprus Mail" im inoffiziellen Gespräch, dass Milliardenbeträge aus dem Mutterland auf den griechischen Teil der Insel fließen.

"Zypern ist nur ein Sprungbrett für das Geld"

Die Bankenstatistik zeigt nur Ausschnitte aus diesem Prozess, deutet den Trend aber immerhin an: In den letzten Monaten 2009 sprang die Zahl der Überweisungen privater Haushalte aus anderen Euro-Ländern auf zypriotische Konten sprunghaft an, von normalerweise einstelligen Millionenbeträgen auf 21,5 Millionen Euro im November und 139,8 Millionen im Dezember.

Zypern ist so etwas wie die Schweiz des östlichen Mittelmeers - eine Wohlstandsinsel mit verschwiegenen Banken und den niedrigsten Steuersätzen der Euro-Zone. Mithilfe einer zypriotischen Holding können Dividenden und andere Kapitalerträge auch aus dem Ausland steuerfrei eingenommen werden. Griechen zählen neben Russen zu den wichtigsten Kunden der Finanzdienstleister. Die großen griechischen Geldhäuser sind alle stark auf Zypern vertreten und umgekehrt.

"Zypern ist nicht die Endstation für das Geld, sondern nur ein Sprungbrett", sagt John Christensen, Direktor der globalen Initiative Tax Justice Network, die gegen Steuerflucht eintritt. Die großen griechischen Vermögen landeten schließlich in New York oder London, in der Schweiz oder Luxemburg. "Das Problem besteht seit Langem", sagt Christensen.

Reiche Griechen gibt es viele, aber wenige mit einem griechischen Steuerwohnsitz. Privatbankier Spiro Latsis, der laut "Forbes" vermögendste Hellene, wohnt in Genf. Wie Latsis sind viele Griechen im Schiffsgeschäft reich geworden, zusammen besitzen sie die weltgrößte Flotte an Tankern und Schüttgutfrachtern. Doch bis auf Vardis Vardinogiannis, der auch die Ölraffinerie Motor Oil Hellas und diverse griechische Medien kontrolliert, haben die Schiffsmagnaten sich und ihr Geld fern der Heimat niedergelassen.

Die Reeder Philippe Niarchos und Michael Lemos leben in England, ebenso wie Easyjet-Gründer Stelios Haji-Ioannou sowie der Schauspieler, Regisseur und Medienunternehmer Alki David, der seinen Reichtum aus dem Geschäft der Leventis-Familie mit Schiffen und Coca-Cola-Abfüllanlagen geerbt hat.

Reich wie Onassis - aber nicht fürs griechische Finanzamt

Die 25-jährige Milliardenerbin Athina Onassis de Miranda lebt mit ihrem brasilianischen Ehemann in São Paulo. Die in der Schweiz aufgewachsene Enkelin des legendären Reeders und Playboys Aristoteles Onassis spricht besser Französisch und Schwedisch als Griechisch. Für ihr Heimatland tritt sie noch gelegentlich als Springreiterin an, obwohl sie laut eigenem Bekunden "alles Griechische verabscheut" und angeblich sogar die Familieninsel Skorpios verkaufen will, auf der ihre Mutter, ihr Onkel und ihr Großvater begraben sind.

Der Teil des Onassis-Erbes, der nicht Athina gehört, wird inklusive der Olympic-Reederei von der Alexander-Onassis-Stiftung verwaltet. Die stiftet zwar für wohltätige Zwecke in Griechenland, sitzt aber im liechtensteinischen Vaduz. So zeigen viele der reichen Auslandsgriechen ihre Verbundenheit mit Hellas: Geld für private Initiativen geben sie gern, für den Staat eher nicht.

"Ohne Kapitalkontrollen wird die griechische Regierung das Land nicht stabilisieren können", meint Steuerfachmann John Christensen. "Sie braucht Mumm, um sich mit den Steuerflüchtlingen direkt anzulegen." Davor aber stünden hohe politische Hürden, räumt er ein, und besonders die mobilen Superreichen seien schwer zu fassen. "Doch es gibt auch viele Freiberufler und andere Gutverdiener, die nicht so einfach das Land verlassen können."

Auf diese Klientel zielen einige von Papakonstantinous Vorhaben. Arztrezepte sollen mit Strichcodes versehen werden, um die Zahl der Behandlungen fürs Finanzamt transparent zu machen. Tankwagen werden künftig per Satellit überwacht, um den Schwarzhandel mit Benzin zu unterbinden. Steuerzahler sollen von selbstständigen Dienstleistern Belege einfordern, die sie steuerlich absetzen können.

"Jede steuerliche Sonderbehandlung für Berufsgruppen wie Ingenieure, Architekten, Taxifahrer, Tankstellen- und Kioskbesitzer wird abgeschafft", kündigt der Finanzminister an. Doch auch die zeigen nun, dass sie streiken können.

Reich wie Onassis: Die vermögendsten Griechen

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.